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Dopinghandel : Die Spur führt nach Rußland

Auch die Mafia mischt beim Anabolikahandel mit Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Das organisierte Verbrechen betreibt seit Jahren ein weltweites Netz für den lukrativen Handel mit Dopingmitteln - sagt Alessandro Donati. Vieles spricht dafür, daß der italienische Anti-Doping-Kämpfer recht hat.

          3 Min.

          Der energische Römer Alessandro Donati hatte eigentlich vor, es seinen Zuhörern leichter zu machen. Damit sie eine Vorstellung davon bekämen, auf welchen Wegen der illegale Dopinghandel seine Waren verschiebt, zeigte er eine Weltkarte und zeichnete schwarze Pfeile ein. Er zeichnete und erläuterte, erläuterte und zeichnete - bis schließlich seine Weltkarte fast schwarz war. Donati, der sich schon vor vielen Jahren dem Anti-Doping-Kampf verschrieben hat, konfrontierte seine Zuhörer bei der Vortragsveranstaltung "Play the Game" in Kopenhagen mit der geballten Wucht seines Wissens, bis ihnen die Haare zu Berge standen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Es war, als hätte der Professor sie in einen finsteren Kriminalfilm mitgenommen. Er sprach von einem Verbrechernetz, das dem des Rauschgifthandels kaum mehr nachsteht. Ja, häufig werden Anabolika - nach wie vor das Massenmittel zur Muskelmast -, Wachstumshormone und Erythropoietin (Epo) von denselben Leuten verkauft wie Heroin, Kokain oder

          Besonders gefährlich

          Ecstasy. Das, sagt Donati, mache die Entwicklung besonders gefährlich. Mit Leichtigkeit, so referierte er, überquerten Doping-Lieferungen internationale Grenzen. Im übrigen behauptete Donati, daß die russische Mafia (mehr als 70 "Familien") einen großen Teil des Anabolika-Welthandels und die russische Pharma-Industrie kontrolliere.

          Alessando Donati: Mitglied der Anti-Mafia-Behörde

          Donatis Behauptungen basieren auf polizeilich recherchierten Fakten. Als Mitglied einer Task Force, die zur Nationalen Anti-Mafia-Behörde Italiens gehört, hat er zwei Jahre lang Akten studiert und dabei die Erkenntnis gewonnen, daß kriminelle Vereinigungen schon seit vielen Jahren in den Handel mit Dopingmitteln eingestiegen sind. Dabei handelt es sich um einen lukrativen Markt. Das weltweite Volumen schätzte Donati in früheren Veröffentlichungen auf mehr als 15 Milliarden Euro, allein in Italien beziffert er den Markt auf mehr als 100 Millionen Euro im Jahr. Etwa drei Tonnen Dopingmittel, so vermutet die italienische Polizei, seien im vergangenen Jahr in Europa umgeschlagen worden. 115 Personen, darunter Ärzte, Apotheker und Krafttrainer, seien im vergangenen Jahr in Italien festgenommen worden.

          Amerikanische Soldaten im Irak als Konsumenten

          Zur Zeit läuft der Berufungsprozeß gegen Riccardo Agricola, den Vereinsarzt des italienischen Fußball-Rekordmeisters Juventus Turin, der in erster Instanz zu 22 Monaten Haft verurteilt wurde, weil der Klub seine Spieler im Zeitraum von Juli 1994 bis September 1998 mit Epo und anderen verbotenen Präparaten behandelt hatte. Besonders in den Doping-Handel verwickelt sind laut Donati Thailand, Indien, Australien, Griechenland, Mexiko, China und Rußland.

          In Arabien wurden, berichtete der Italiener, erst jüngst Steroide im Wert von 40 Millionen amerikanischen Dollar beschlagnahmt. Er ist davon überzeugt, daß 40 ähnliche Ladungen unentdeckt geblieben seien. Seiner Ansicht nach waren die Mittel für junge arabische Männer bestimmt. Es gibt aber wohl auch überzeugende Gründe für die Annahme, daß amerikanische Soldaten im Irak zu den Anabolika-Kunden einheimischer Händler gehören. Die Handelsroute führe über Südrußland, Syrien und Saudi-Arabien in den Irak.

          Pornostreifen und Bodybuilding-Filme

          Die Verbindung der Mafia mit Doping, so Donati, entstand im Jahr 1970, als Verbrecherorganisationen Pornostreifen und Bodybuilding-Filme wie Arnold Schwarzeneggers "Pumping Iron" finanziert hätten. Überhaupt Schwarzenegger: Nach Donatis Meinung verdankt der kalifornische Gouverneur einen Großteil seines Erfolgs den Steroiden.

          Schon 1993, sagte Donati, habe die Welt eine großartige Chance verpaßt, den Handel mit Dopingmitteln einzudämmen. In jenem Jahr kamen 19 Länder zu einer Konferenz in Prag zusammen, die von der amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörde DEA einberufen worden war. Grund sei die Sorge angesichts des wachsenden Schwarzhandels mit Anabolika gewesen. Allerdings habe keines der Länder die richtigen Schlüsse gezogen. Auch die Weltgesundheitsorganisation ignoriere das Problem. Noch nie habe sie etwa bei der Pharma-Industrie interveniert, sie solle die Überproduktion von Arzneimitteln mit Dopingpotential regulieren.

          Verharmloser in den Sportorganisationen

          Als Beispiel für schädliches Marketing nannte er den Schweizer Pharma-Hersteller Serono. Dieser einigte sich im Oktober mit der Justiz der Vereinigten Staaten auf eine Zahlung von 704 Millionen Dollar Strafe und Schadensersatz. Seine Tochterunternehmen hatten den Absatz des Wachstumshormon-Präparates Serostim mit unlauteren Mitteln angekurbelt. Das Präparat war ursprünglich für die Aids-Therapie entwickelt worden, ist aber auch in der Bodybuilding-Szene beliebt.

          Die Verharmloser in den Sportorganisationen, die immer noch daran festhalten, daß Dopingsünder im Spitzensport "nicht kriminalisiert werden dürfen", hält Donati für die Bremser einer besseren Verfolgung. Er fordert die Aktivierung internationaler Behörden zur Bekämpfung der Doping-Mafia. Interpol und Europol sollten eigene Doping-Sektionen gründen und eine Datenbank anlegen. Und die EU solle ihre Mitgliedsländer auffordern, Anti-Doping-Gesetze zu verabschieden. In Deutschland wird der Handel mit Dopingmitteln aber bisher nur halbherzig verfolgt. Die schwache Gesetzgebung, die lediglich in einem Appendix des Arzneimittelgesetzes besteht, erlaubt keine effektive Verfolgung. Es fehlen zudem überregionale Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften. Ein starkes Anti-Doping-Gesetz aber, wie in Italien, Frankreich und Belgien bereits etabliert und in Spanien geplant, ist hierzulande in absehbarer Zeit kaum zu erwarten.

          Wer erinnert sich noch an die Namen all der gedopten Spitzensportler? Der Spanier Roberto Heras bildet das vorläufige Ende einer langen Kette von Massenvorbildern, die ihren Bewunderern den Einsatz von pharmazeutischen Leistungssteigerern vorlebten. Die Frage, woher man solche Mittel bekommt, ist schon lange beantwortet. Das Internet bietet alles. Noch zwei Jahre, so glaubt Alessandro Donati, und 50 Prozent des Dopinghandels liefen über das Computernetz. Größter Beschaffer der zum Mißbrauch bestimmten Arzneien ist Rußland. Dieses Land, sagen Experten, könne in Sachen Doping für Europa das werden, was Kolumbien für den Drogenhandel in den Vereinigten Staaten ist.

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