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Dopingaffäre : Nach dem Schock: T-Mobile sucht neue Strategie

  • -Aktualisiert am

Dunkle Schatten begleiten den Bonner Rennstall bei der Tour Bild: dpa

Ein Rennstall in Aufruhr: Eine Entscheidung über die Zukunft Ullrichs bei T-Mobile wird es kurzfristig nicht geben. Fest steht: Für Betreuer Pevenage gibt es kein Zurück. Den verbliebenen Fahrern macht die Situation bei der Tour zu schaffen.

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          Es ist ja nicht so, daß er nicht kämpfen könnte. Er hat das gelernt, vor allem auf dem Rad. Als Sprinter mußte sich Olaf Ludwig in einer Ellbogengesellschaft behaupten, er mußte heikle Momente überstehen, und er hat dafür auch beträchtlichen Lohn erhalten. Jetzt führt er, in neuer Rolle als Teamchef von T-Mobile, wieder einen Kampf, der für ihn so hart sein dürfte wie kaum ein anderer zuvor. Weil er ungewohnt ist, weil Ludwig nicht darauf eingestellt war.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          "Solche Situationen", sagt er, als wäre er noch Sportler und nicht Funktionär, "kann man nicht trainieren." Man spürt, wie unbehaglich er sich fühlt, wie betroffen er ist und wie schwer es für ihn ist, einen Ausweg zu finden. Was tun in der Dopingaffäre um Jan Ullrich? Wie mit den schweren Vorwürfen gegen den einstigen Kapitän des Teams umgehen, wie die Mannschaft nach dem Schock neu aufstellen bei der Tour de France? Trotzig sagt Ludwig: "Man muß irgendwann auch wieder nach vorne schauen." Aber so einfach kann auch er sich nicht in die Zukunft stürzen, wenn die Gegenwart so düster ist.

          Alles war auf Ullrich ausgerichtet

          Er sagt, daß er versuche, einen kühlen Kopf zu bewahren. Daß er sich um die sieben Fahrer kümmern müsse, die nach den Suspendierungen von Ullrich und Oscar Sevilla noch übriggeblieben sind bei der Tour. Der Strategie bei der "Großen Schleife" muß neu definiert werden, Ludwig will neue Motivation vermitteln, eine veränderte Linie vorgeben. Alles war ja auf Ullrich ausgerichtet, auf die Galionsfigur, die nach dem Gelben Trikot greifen sollte. Dafür sollte das ganze Team arbeiten. "Die haben dafür gebrannt", sagt Ludwig. Mit dem Sturz von Ullrich aber wurde auch ihnen eine Grundlage entrissen. "Innerhalb von fünf Minuten fällt das ganze Ziel weg." Wegen des Verdachts, daß der Rostocker sich präparierter Blutkonserven bedient hat zur Leistungssteigerung. Daß er vielleicht sogar, wie die spanischen Ermittler ebenfalls festgestellt haben sollen, auf Wachstumshormon und Testosteron zurückgegriffen hat.

          Ludwig: „Diese Situation kann man nicht trainieren”

          Einen neuen sportlichen Anführer, betont Ludwig, soll es vorerst nicht geben. Andreas Klöden beispielsweise, der 2004 Zweiter der Tour geworden war, in dieses Amt zu hieven, habe er deutlich abgelehnt. Er könne niemandem sagen: "Du muß jetzt machen, was Ullrich machen sollte. Das macht man nicht innerhalb einer Nacht." Der Druck wäre zu groß, er würde Klöden überfordern.

          „Trotz allem ein Topteam“

          Ludwig will erst einmal abwarten, er möchte sich und den Rennfahrern Zeit geben, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen. Die erste Woche der Tour dürfte den Männern mit Qualitäten vor allem im Spurt gehören; T-Mobile ist dafür ohnehin nicht gerüstet. Erst danach, wenn es in die Berge geht, könnten auch die Bonner ins Geschehen eingreifen, vielleicht doch mit Klöden. Ludwig jedenfalls erwartet dann erste deutliche Anzeichen, "wie es aussieht".

          Die Profis in Magenta bemühen sich, den Eindruck zu erwecken, immer noch über eine gehörige Portion Schlagkraft zu verfügen. "Wir sind trotz allem ein Topteam", sagt der Hesse Patrik Sinkewitz, der im Prolog am Samstag in Straßburg Platz 21 belegt hatte, mit 16 Sekunden Rückstand auf den norwegischen Sieger Thor Hushovd. Er redet nicht darüber, ob er möglicherweise bitter enttäuscht sei von Ullrich, Sevilla oder Rudy Pevenage, dem sportlichen Leiter, der ebenfalls nach Hause geschickt wurde. Sinkewitz sagt nur: "Es ist wichtig, nicht die Moral zu verlieren."

          Pevenage „hat dreist gelogen“

          Ludwig äußert sich klarer, speziell über Pevenage, den er auf Wunsch von Ullrich in das Team zurückgeholt hatte. Nachdem Telefonate und SMS-Nachrichten zwischen Pevenage und dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes abgehört und abgefangen worden sind, steht für Ludwig fest, "daß Rudy mich und andere sehr dreist angelogen hat". Die Aufgaben des Belgiers Pevenage bei der Tour haben jetzt Mario Kummer und Valerio Piva übernommen; Kummer war in dieser Funktion schon vorher tätig, ehe er von Pevenage abgelöst wurde.

          Mit Ullrich will Ludwig den Kontakt auf alle Fälle in den kommenden Tagen aufrechterhalten. Schließlich sei das auch für ihn ein Schlag, sagt Ludwig. Er bekommt in diesen Tagen in Frankreich auch zu spüren, daß nicht jeder den Entschluß von T-Mobile versteht, Ullrich nicht bei der Tour de France starten zu lassen. "Manche können es gar nicht fassen", sagt er über die Reaktionen von Radsportfans, "es gibt auch welche, die beschuldigen uns jetzt: Wie könnt ihr so was machen?" Der Sponsor der Equipe jedenfalls stand hinter diesem Schritt, und er glaube auch weiter an das Team, erzählt Ludwig.

          Ullrich schottet sich ab

          Ob dieses Team jemals wieder mit Ullrich antreten wird, ist fraglich. Sollten sich die Anschuldigungen gegen den Rostocker bestätigen, dürfte seine Laufbahn beendet sein. Kann Ullrich seine Unschuld beweisen, möglicherweise mit Hilfe einer DNA-Analyse, wird es ein Gespräch über eine mögliche Rückkehr geben. Eine Reintegration mag Christian Frommert, Leiter der Kommunikationsabteilung bei T-Mobile, nicht ausschließen. Man könne aber, sollte Ullrich tatsächlich alle Zweifel zerstreuen können, auch nicht umgehend sagen: "Jetzt ist alles wieder gut."

          Ullrich will sich, heißt es, vorerst abschotten. Er brauche ein paar Tage für sich, ließ er T-Mobile wissen. Die Bonner akzeptieren das. Frommert weist jedoch darauf hin, daß Ullrich die Chance habe, "selbst in die Offensive zu gehen, zwingen können wir ihn nicht". Dann blickt er in der Hitze des Tages nach oben und sagt: "Das ist sein Wetter. Das wäre seine Tour gewesen." Aber es ist längst nicht mehr die Stunde der Schwärmereien.

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