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Doping : Schumachers Anwalt stellt den BDR bloß

  • -Aktualisiert am

Verdachtsmoment für Manipulation bei Stefan Schumacher Bild: picture-alliance/ dpa

Die Akte von Stefan Schumacher liegt offen. Für viele steht nun mehr denn je fest: Der Radprofi hätte an der WM in Stuttgart wegen überhöhter Blutwerte gar nicht teilnehmen dürfen. Der Radsportverband von Rudolf Scharping gerät in die Bredouille.

          Den Fall des Radprofis Stefan Schumacher wollte sein Anwalt Michael Lehner am Montag endgültig zu den Akten legen. Doch er hat das Gegenteil erreicht: Die Diskussion über atypische Blutwerte des 26 Jahre alten Nürtinger Radprofis fünf Tage vor seinem Weltmeisterschaftsrennen in Stuttgart am 30. September, das er dann auf Rang drei beendete, kommt wieder richtig in Fahrt.

          Für viele steht nun mehr denn je fest: Schumacher hätte in Stuttgart gar nicht teilnehmen dürfen; wegen überhöhter Blutwerte wäre zwingend eine so genannte zweiwöchige Schutzsperre zu verhängen gewesen. Warum der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) und der internationale Radsportverband (UCI) dies unterlassen haben, liegt auf der Hand: Die durch die Dopingdiskussion dieses Jahres ohnehin schon stark belastete WM wäre durch den temporären Ausschluss des hoch eingeschätzten Deutschen endgültig ruiniert worden.

          „Mehrere überhöhte Parameter“

          Schumacher war schon einmal Auslöser einer Kontroverse. Bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 2005 wurde der Sohn zweier Ärzte positiv auf Doping getestet. Weil es sich dabei jedoch um eine zuvor vom niederländischen Verband genehmigte Einnahme eines Antiallergikums wegen einer Pollenallergie gehandelt habe, wurde er freigesprochen.

          Anwalt Michael Lehner „kann nicht als objektive Instanz gelten”

          Nach Lehners Darstellung ist Schumacher nun abermals das Opfer von falschen Verdächtigungen, für welche die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) geradezustehen habe. Schumacher habe sowohl eine vollkommen unbelastete Urinprobe abgegeben als auch eine nicht zu beanstandende Blutprobe. In punkto Blutwerte widerspricht die Nada. Von Anfang an hat die Agentur von „mehreren überhöhten Parametern“ gesprochen.

          Verdachtsmoment für Manipulation

          Nada-Geschäftsführer Christoph Niessen verwahrt sich gegen „haltlose Vorwürfe“, seine Agentur habe nachlässig gearbeitet und fahrlässig Informationen über den Sportler verbreitet. Während die Nada die Daten vom 25. September weiter vertraulich behandelt, hat Lehner (mit einer Kopie des von Professor Wilfried Schänzer unterzeichneten Laborbefundes) alle Zahlen aus dem Kölner Labor offengelegt. Damit stellt er, gewollt oder nicht, letztlich den BDR und dessen Präsidenten Rudolf Scharping bloß.

          Bei einer Blutkontrolle werden der Hämatokrit- und der Hämoglobinwert gemessen. Eine Schutzsperre ist auszusprechen, wenn der Hämatokrit über 50,0 und der Hämoglobinwert über 17,0 liegt. Die beiden Blutwerte werden im Labor zur Sicherheit zweimal ermittelt, daraus wird der jeweilige Mittelwert bestimmt, der relevant für eine Sanktion ist. Für Stefan Schumacher wurde zweimal ein Hämatokrit von 50,5 (Mittelwert 50,5) und Hämoglobinwerte von 16,9 und 17,3 (Mittelwert von 17,1) festgehalten. Das ist kein Dopingbefund, aber immerhin ein Verdachtsmoment für eine Manipulation. In erster Linie aber bedeuten die beiden Mittelwerte ohne Wenn und Aber: Schutzsperre wegen einer für die Gesundheit möglicherweise gefährlichen Blutverdickung.

          Pannen nicht dokumentiert

          Lehner versucht, die Deutungshoheit über das Verfahren und die Resultate zu behalten. Er führt eine Dehydratation Schumachers als Folge einer angeblichen Durchfallerkrankung ins Feld, beklagt Verfahrensfehler der Nada, legt weitere, vor und auch nach dem 25. September erstellte Blutbilder vor, stöbert Gutachten auf, die seine Thesen stützen sollen. Tatsächlich aber kann der Jurist nicht nachweisen, dass im Analyse-Labor von Schänzer Fehler gemacht worden sind.

          Auch Pannen bei Abnahme und Transport der Blutprobe sind nicht dokumentiert. Zugute kommt Lehner, dass die Nada in der Vergangenheit – vor einer umfassenden Reorganisation und vor dem Amtsantritt Niessens in diesem Jahr – durch Pannen aufgefallen ist, so dass bei manchen selbst ohne Belege seine Behauptung verfängt, die Nada sei nicht glaubwürdig. Alle Einlassungen Lehners, die nicht die Daten vom 25. September betreffen, sind jedoch unerheblich und lenken ab von der fachlich nach wie vor ausstehenden Bewertung.

          „Irritiert und enttäuscht“

          Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) forderte seit Wochen den von Schumacher und dem BDR versprochenen Zugang zu allen Blutwerten, die dann ein unabhängiges Expertengremium begutachten sollte. DOSB-Präsident Thomas Bach hatte dafür längst einen Mediziner und einen Juristen vorgeschlagen. Passiert ist nichts. Stattdessen ging Lehner an eine ausgesuchte Öffentlichkeit. „Wir sind irritiert und enttäuscht“, sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper am Dienstag. „Administrativ können wir nichts tun, denn der BDR ist ein autonomer Verband“, stellte Vesper fest.

          Das gilt aber nicht für alle Zeiten. Spätestens, wenn der DOSB im kommenden Sommer sein Olympiaaufgebot für Peking 2008 benennt, kann der Dachverband eingreifen. Zuvor erstellt der DOSB zudem noch seinen Anti-Doping-Bericht für das Bundesinnenministerium. Der BDR wird den Vorgang so oder so nicht aussitzen können.

          Lehner wirft Nebelkerzen

          Doping-Anwalt Lehner – der schon den Leichtathleten Dieter Baumann in dessen „Zahnpasta-Affäre“ vertrat und zu dessen Mandanten unter anderem auch die geständigen Radprofis Patrik Sinkewitz und Jörg Jaksche gehören – wirft erkennbar Nebelkerzen. „Er kann nicht als objektive Instanz gelten, er vertritt als Anwalt natürlich die Interessen seiner Mandanten“, sagte Vesper.

          Die Nada hat am Dienstag nochmals bekräftigt, dass Hergang des Verfahrens, Weitergabe von Informationen, Kontroll- und Analysestandard allen Anforderungen genügt hätten und verlässlich seien. „Die Nationale-Anti-Doping-Agentur hält es für wenig sachdienlich, wie mit unvollständigen Informationen und irreführenden Unterstellungen ihre Arbeit diskreditiert wird.“ Ausgangspunkt der fortlaufenden Diskreditierung der Nada war in diesem Fall: der BDR.

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