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Doping online : Das ZDF und ein Radsportler unter Verdacht

  • -Aktualisiert am

Während der Tour 2005: In Challans wird Jörg Ludewig von Medizinern untersucht Bild: picture-alliance/ dpa

Im Juni 2005 hatte das ZDF einen anonymisierten Brief des Radprofis Jörg Ludewig gezeigt, in dem dieser in Doping-Fragen Rat suchte. Im Sender kannte man den Verfasser - und präsentierte ihn dennoch wenig später stolz als Online-Kolumnisten. Niemand weiß, wie das passieren konnte.

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          Das ZDF gibt sich investigativ. Kaum waren die Anschuldigungen gegen den Profiradfahrer Jörg Ludewig in der Welt, sich in einem Fax von 1998 freimütig zum Thema Doping ausgelassen und nach geeignetem Stoff erkundigt zu haben, holte ihn das Tour de France-Team des Zweiten vor die Kamera und konfrontierte ihn mit dem ominösen Schriftstück. Ludewig gab zu und stritt ab: Erkundigt habe er sich, gedopt nicht. Bei genauer Lektüre des Schreibens hätte man zwar bemerken können, wie wackelig die Argumentation des Fahrers war, aber immerhin faßte Rudi Cerne anschließend kritisch nach. Selbst Hans-Michael Holczer, der Manager vom Team Gerolsteiner, dem Ludewig im Jahr 1999 angehörte, mochte kaum glauben, daß Ludewig damals, wie behauptet, sauber seine Rennen absolviert habe.

          Die neue Courage beim Umgang mit dem Thema Doping im ZDF erhält nun allerdings tiefe Kratzer durch den Umstand, daß man bereits 2004 das Schreiben Ludewigs kannte, dann aber nicht nur seinen Namen nicht im Zusammenhang mit Doping nannte, sondern ihn während der Tour de France im Jahr 2005 als „ZDF-Online-Kolumnisten“ verpflichtete. Während der Recherchen zu einem ZDF-Beitrag zum Doping im Hochleistungssport war Sportchef Wolf-Dieter Poschmann von einem freien Journalisten das Schreiben samt Adreßkopf und Handy-Nummer Ludewigs vorgelegt worden. Später erhielt das ZDF eine Kopie, in der Name und Adreßangaben geschwärzt waren.

          Online-Kolumnist mit Vergangenheit

          Aufgrund juristischer Bedenken entschied man sich, den Namen des Urhebers nicht zu nennen, zitierte aber das Schreiben in einem Doping-Bericht, der am 5. Juni 2005 lief. Darin hieß es zur Einschätzung des Dokuments, es handle sich um das „Schreiben eines deutschen Tour-de-France-Fahrers, der einen der vielen Betreuer der Szene um Rat fragt, wie er das gesamte Spektrum seiner Zaubermittel kombinieren kann. Ein Dokument, das die Bereitschaft zeigt, vieles, wenn nicht alles zu nehmen, das einen schneller macht.“

          „Die Energie von 14 Hamburgern” - aber bei Jörg Ludewig ging es nicht nur um Fast Food

          Wenige Tage nach Ausstrahlung der Dokumentation präsentierte das ZDF auf seiner Homepage den „Online-Kolumnisten“ Ludewig, der „seine Affinität für das Internet“ nun in den Dienst des Senders stelle. Von Ludewigs Affinität zu verbotenen Substanzen konnten die Nutzer des Internetangebots nichts wissen, sich dafür aber über Beiträge des Radprofis wie den über „Menschliche Hochleistungsmaschinen auf zwei Rädern“ freuen, in dem das ZDF eine Leistungskurve Ludewigs präsentierte mit Herzfrequenz, gefahrener Geschwindigkeit und überwundenen Höhenmeter.

          Ein Klangteppich der Hochachtung

          Die Energie von „mehr als vierzehn Hamburgern“ habe der Profi auf der gezeigten Etappe verbraucht, heißt es fröhlich. Besonders das Herz müsse auf einer solchen Etappe „Hochleistungen bringen. Jörg Ludewig erreichte auf der fünf Stunden dauernden Etappe eine durchschnittliche Herzfrequenz von 150 Schlägen pro Minute.“ Eine Leistung, die nur ein Profi erbringen könne, dessen Herzleistung sich den Belastungen angepaßt habe.

          Da präsentierte man also beim ZDF mit einem Klangteppich der Hochachtung die Körperleistungen eines Mannes, den man nur wenige Wochen zuvor, wenn auch ungenannt, als Beispiel des dopingverseuchten Sports präsentiert hatte - und nicht nur online: Im Fernsehen konnten die Zuschauer bei mehreren Etappen die Pulswerte von Ludewig beobachten, der wiederum in seinem Internet-Tourtagebuch stolz darauf hinwies. Etwa: „Die Dienstag-Etappe wird vom ZDF übertragen. Ich trage wieder einen Transponder, der die Werte meiner Polar-Pulsuhr überträgt, damit die Fernsehzuschauer sehen können, wie ich mich quäle - oder gerade mal nicht. Heute hat der Sender einen zehnminütigen Beitrag gedreht, in dem die Funktion erklärt wird. Für mich ist jedenfalls die Herzfrequenz ein Meßpunkt meiner verbliebenen Fitness. Im Trainingsaufbau ist es unverzichtbar. Aber auch hier im Rennen hilft mir dieser Drehzahlmesser, meinen Körper nicht zu überfordern.“

          Poschmann kann sich das Ganze nicht erklären

          Makabre Zeilen angesichts der jüngsten Offenbarungen. Wußte ZDF-Online, wem man dort ein Forum bot? Daß er den Namen des Doping-Fax-Schreibers kannte, bestätigt Wolf-Dieter Poschmann gegenüber dieser Zeitung. Dieses Wissen sei aber nicht „justitiabel“ gewesen, so daß man den Namen in dem Dopingbeitrag nicht genannt habe. Warum aber ließ man den zumindest intern als eine Blüte des Dopingsumpfes Erkannten dann auf der Onlineseite zur Tour de France Beiträge verfassen und seinen zumindest mußtmaßlich manipulierten Körper präsentieren?

          Poschmann kann sich das Ganze nicht erklären, allenfalls die Tatsache, daß die Online-Redaktion eigenständig sei, könne auf eine „Komunikationspanne“ hinweisen. Und auch Thomas Fuhrmann, der Stellvertreter seines Nachfolgers als ZDF-Sportchef, weiß kaum weiter, verweist ebenfalls auf die eigenständige Onlineredaktion und den Umstand, daß der Vertrag mit Ludewig und einem anderen Fahrer als Online-Partner bereits Anfang 2005 geschlossen wurde. Nicht einmal die Frage, ob man denn den Verdacht gegen Ludewig der Online-Redaktion mitgeteilt habe, sei momentan zu klären. Jedenfalls sah wohl niemand derjenigen, die frühzeitig von Ludewigs Doping-Fax wußten, während der Tour de France 2005 auf die eigene Homepage des Senders, um sich dort am beschwingten Treiben des verdächtigen Radprofis zu stoßen.

          Dieser leugnet beharrlich, jemals verbotene Substanzen benutzt zu haben - etwa auf seiner Homepage verkündet er dies. Bis gestern wurde dort auch stolz präsentiert, daß Ludewig sich um die Verbindung von Amateur- und Profiradsport verdient macht und dem Nachwuchs in seiner Region die Welt der Großen erklärt. Nicht der einzige makabre Widerspruch in einer an Untiefen reichen Geschichte. Das ZDF jedenfalls sollte sich mit internen Kommunikation im Haus einmal näher beschäftigen.

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