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Doping : Mast und Mysterium

  • -Aktualisiert am

Zum muskelmächtigen Home-Run-König aufgepumpt: Mark McGwire Bild: AP

Ein grimmiger Chemiker und ein neugieriger Steuerfahnder spielen entscheidende Rollen im Balco-Skandal. Der eine entwickelte das Steroid THG, der andere kam dem gedopten Baseball-Profi Barry Bonds auf die Schliche.

          Von allen Jobs in der Kette zwischen Erzeuger und Verbraucher von Nahrungsergänzungsmitteln für Bodybuilder und Freizeitsportler hat Patrick Arnold den schwersten. Er muß Chemiker sein, um in die unendliche Tiefe des atomaren Raums steigen zu können und zu wissen, welche Moleküle sich auf welche Weise miteinander vertragen. Er muß Manager sein, um kompetente Labors zu finden, die die Wirkstoffe zuverlässig in feinsten Mikrogramm-Dosierungen abfüllen. Und er muß eine Nase fürs Marketing haben, um in dem unübersichtlichen Angebot an mysteriösen Produkten mit seiner eigenen Ware zu reüssieren. Arnold scheint für all diese Tätigkeitsfelder eine natürliche Begabung zu haben. Sonst hätte er nicht mit Mitte Zwanzig seine Doktorarbeit aufgegeben, um seine erste eigene Firma zu gründen. Und sonst wäre er nicht wenige Jahre später vom amerikanischen Magazin "Sporting News" in seiner traditionellen Liste zu einem der hundert mächtigsten Männer im Sport ausgerufen werden.

          Solche Publicity ist mit Geld nicht zu bezahlen. Dieser Tage allerdings schreckt der 38jährige Chemiker, der in der Universitätsstadt Champaign/Illinois wohnt und sich auf seiner Website als "Vater der Prohormone" und eine der "am meisten respektierten Bodybuilding-Autoritäten" anpreist, vor allzu großem Aufsehen zurück und beantwortet bestimmte Fragen lieber mit Antworten wie: "Kein Kommentar." Oder: "Das ist eine heiße Kartoffel." Das liegt daran, daß er vor einem Jahr als die Quelle eines anabolen Steroids benannt wurde, das im Mittelpunkt des größten Dopingskandals der amerikanischen Sportgeschichte steht: Tetrahydrogestrinon.

          Warum riskieren Männer im Hintergrund Gefängnisstrafen?

          Der höchst einfallsreiche Designer von Dopingmitteln ist zwar stolz darauf, auf der Basis eines deutschen Patents jenen Testosteron-Booster namens Androstenedion ("Andro") auf den Markt gebracht zu haben, mit der sich Baseball-Profi Mark McGwire zum muskelmächtigen Home-Run-König aufpumpte. Doch nun will er keinesfalls ohne Not in den Strafprozeß gegen Balco-Inhaber Victor Conte verwickelt werden.

          Im Mittelpunkt des Skandals: Barry Bonds

          Conte hatte gegenüber den Ermittlungsbehörden erklärt, Arnold 450 Dollar für eine THG-Lieferung gezahlt zu haben. Die beiden Männer kennen einander gut. Auf Internetseiten für Gewichtheber haben sie sich früher des öfteren via E-Mail miteinander ausgetauscht. Die Welt der Arnolds und Contes und die Frage, was sie dazu bringt, illegale Substanzen zu produzieren und zu vertreiben, mit denen sich hochtalentierte Sportler in die Medaillenränge katapultieren, ist noch immer eines der großen Mysterien des Skandals, in den rund hundert Athleten und Trainer verwickelt sind. Denn während Sprinter wie Marion Jones ohne das Risiko strafrechtlicher Verfolgung Millionen von Dollar verdienen, riskieren die Männer im Hintergrund Gefängnisstrafen. Conte zumindest gab in der vergangenen Woche im amerikanischen Fernsehen zu: "Wenn Sie mich fragen, ob ich das Risiko kannte: Ja. Das habe ich."

          "Glaubst du, er nimmt Anabolika?"

          Das Interview mit dem Sender ABC wird sich ein Mann mit ganz besonderem Interesse angeschaut haben: Der Finanzbeamte Jeff Novitzky, Special Agent in der Steuerfahndung in der kalifornischen Stadt San Jose. Für ihn brachte der Auftritt des Balco-Gründers zum ersten Mal die öffentliche Bestätigung dafür, daß sich seine Arbeit manchmal lohnt. Der 37jährige Novitzky gehört ähnlich wie Arnold zu den entscheidenden Figuren im Hintergrund der Affäre, was ihm einen kuriosen Spitznamen eingehandelt hat: "Dirt" Novitzky, eine Anspielung an den Würzburger Basketball-Profi.

          Seine Arbeit besteht nämlich oft aus nicht mehr, als die Abfalleimer vermuteter Steuerdelinquenten zu durchwühlen, um auf diese Weise Indizien zu sammeln, mit denen sich später vor Gericht Hausdurchsuchungsbefehle erwirken lassen. Der ehemalige Hochspringer und Basketballspieler, der als Oberschüler eine beachtliche persönliche Bestleistung von 2,13 Meter schaffte, aber später am College wegen einer Knieverletzung seine Ambitionen zurückstecken mußte, verfügt aber noch über eine andere Qualität: Er hat ein gutes Auge für Sportler. Als er als Kunde des Bay Area Fitness Center in Burlingame, einem Vorort von San Francisco, den Baseball-Profi Barry Bonds und seinen Trainer Greg Anderson aus nächster Nähe erlebte, war er von Bonds' unnatürlicher Muskelmasse irritiert. "Glaubst du, er nimmt Anabolika?" fragte er einen Kollegen vom Bureau of Narcotics Enforcement des Staates Kalifornien, der ebenfalls dort trainierte. "Er benimmt sich in den Medien wie ein Arschloch. Ich würde es gerne beweisen."

          Politischen Debatten über Anabolika

          Es war nicht ganz einfach. Denn jahrelang hatten sich die Drogenfahnder nicht um die Mastpräparate der Bodybuilder gekümmert, obwohl deren Vertrieb gesetzlich verboten ist. Doch durch geschicktes Anbiedern und durch den Einsatz eines Polizisten, der sich in Burlingame unter falschem Namen an Anderson heranmachte und die Gespräche per Mini-Tonband aufzeichnete, wurde aus Novitzkys privater Ambition eine große Sache. Sie kulminierte im September 2003 in der Hausdurchsuchung bei Balco und in der Beschlagnahme von Drogenvorräten, Kalendarien, E-Mail-Aufzeichnungen, Kontoauszügen und all den anderen Beweismitteln, die für die Steuerfahndung das Fundament einer Anklage bilden.

          Es dauerte eine Weile, bis Bonds in den Mittelpunkt des Skandals rückte. Nachdem in der vergangenen Woche sein offiziell versiegeltes Vernehmungsprotokoll vor der Staatsanwaltschaft publik wurde, weiß es jeder Baseball-Fan in den Vereinigten Staaten: Barry Bonds war gedopt. Die jüngsten Schlagzeilen sowie das Interview mit Victor Conte haben zum ersten Mal das Thema Anabolika in den Vordergrund der politischen Debatten gerückt. Politiker nahmen am Wochenende mit ernsten Mienen in TV-Studios Platz und verlangten radikale Aufklärung, strikte Tests in den Top-Ligen der Mannschaftssportarten und drohten mit schärferen Gesetzen. Selbst die Baseballspieler-Gewerkschaft scheint sich erstmals mit einem radikalen Gedanken vertraut zu machen: Die Zeit der Muskelmast muß enden.

          Für "Dirt" Novitzky ist der Kampf noch nicht gewonnen. Nicht nur, weil es noch keine Schuldsprüche im Balco-Fall gibt. Und weil Bonds noch immer spielt und Geld verdient. Da draußen leben noch viele Arnolds. Mit einer Attitüde, die der Chemiker auf seiner Website www.ergopharm.com in einem Foto dokumentiert: Er schaut grimmig auf den Rest der Welt herab.

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