https://www.faz.net/-gtl-134o3
 

Doping-Kommentar : Kann das denn wahr sein?

  • -Aktualisiert am

„Das ganze Thema Doping wird auch diesmal ad absurdum geführt, da bin ich sicher” Bild: REUTERS

Skandalfrei ist die Tour de France bisher. Das ist die Realität, wie viele andere unglaubliche Leistungen im Sport auch - doch kann der Zuschauer seinen Augen auch trauen? Es stellt sich die Frage, ob der Zuschauer sauberen Sport will oder eine Show.

          Skandalfrei oder dopingfrei? Diese Frage müssten sich alle stellen, Sportler, Veranstalter, Sponsoren, Medien, Publikum, fordert Jörg Jaksche seit langem, seit er offen über sein Doping spricht. Eine (zunächst bis zum vorletzten Tag) skandalfreie Tour de France erleben wir aktuell – ob sie dopingfrei ist, werden wir womöglich nie oder erst dann erfahren, wenn neue Testverfahren erfunden und eingelagerte Proben von Urin und Blut der Protagonisten weiteren Analysen unterzogen werden können.

          Der als Dopingmittel-Lieferant enttarnte österreichische Sportmanager Stefan Matschiner hat jetzt in dieselbe Kerbe gehauen wie Jaksche, als er einem Münchner Journalisten zur Glaubwürdigkeit der Tour 2009 sagte: „Was die Leute sehen, ist doch Realität! Und die Begeisterung ist ja ungebrochen, das sieht man ja auch bei der Tour de France. Der Zuschauer muss sich nur überlegen: Will er eine geile Show – oder will er sauberen Sport?“

          Natürlich ist es Realität, wenn einer mit offenem Schuh und, lange vor dem Zielstrich, weit ausgebreiteten Armen Weltrekord sprintet. Aber es mutet zugleich unwirklich an. Es ist pure Realität, wenn einer innerhalb weniger Tage acht Goldmedaillen erschwimmt und bei sieben Siegen Weltrekord erreicht. Doch es erinnert auch an Tricks im Varieté, wo man seinen Augen ja per se nicht traut. „Schauen wir uns doch nur die Tour jetzt an“, meint Matschiner, „mit Contador, Armstrong. Das sind super Sportler, der beste Fahrer ist sicher Contador. Aber wenn ich das sehe, denk' ich mir: Super Show, ist ja geil! Das ganze Thema Doping wird auch diesmal ad absurdum geführt, da bin ich sicher.“

          Es wird bei der bevorstehenden Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin mehr als tausend reale Doping-Tests geben. Dass mancher diese Zahl genauso unwirklich empfindet wie eine vertraglich festgeschriebene Ablösesumme von einer Milliarde Euro für einen einzigen fußballspielenden Menschen, auch das ist Teil des heute üblichen Umgangs mit dem – je nach Sichtweise – skandalisierten oder skandalösen Sport. „Wir führen den Kampf gegen Doping auch im Umfeld der WM mit einer Intensität, die an die Grenze des für den Sport Machbaren geht“, hat gerade der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Clemens Prokop, festgestellt.

          Das tun sie doch wohl alle im Hochleistungssport, an die Grenzen gehen. Und manche gehen eben über die Grenze des Erlaubten, wie die neuesten Nachrichten belegen, auch auf Jamaika, wo man sich 2008 über fünf von sechs möglichen Goldmedaillen über 100, 200 und 4×100 Meter freute. Zwar hat der Trainer von Usain Bolt, Glen Mills, eine hübsche Erklärung gefunden, warum Doping auf der Insel verpönt sei: „Die Menschen hier nehmen Leichtathletik sehr ernst und wären sehr verletzt und sehr streng mit jemandem, der sie in Misskredit brächte. Das wissen die Athleten.“ Doch das ist nun wirklich zu schön, um wahr zu sein. Die harten Fakten aus dem Anti-Doping-Labor werden nicht mehr lange auf sich warten lassen.

          Topmeldungen

          Thomas Middelhoff beim Gespräch über sein neues Buch „Schuldig“ in Hamburg

          Middelhoff im Gespräch : „Es war die Gier nach Anerkennung“

          Thomas Middelhoff war Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann und galt als „Wunderkind“ der Wirtschaft. Dann kam der Absturz: Steuerhinterziehung, Haft, Privatinsolvenz. Jetzt bekennt sich der gestürzte Manager: „Schuldig“
          Die jährliche Befragung von 6000 Bürgern ergibt irritierende Ergebnisse zum Thema Ärztemangel.

          Umfrage der Kassenärzte : Rätseln um den Ärztemangel

          Gibt es tatsächlich immer weniger Ärzte? Oder ändert sich nur die Art der Versorgung? Ist die Anspruchshaltung der Patienten überzogen? Die Ergebnisse einer Befragung irritieren.
          Demonstranten und Anwohner vor einer Polizeistation am Mittwochabend

          Plötzliche Disruption : „Ihr habt keine Heimat!“

          Nie waren sich Hongkonger und Festlandchinesen ferner als in diesen Tagen. Schon deshalb ist mit Unterstützung nicht zu rechnen. Chronik einer Eskalation
          Das durch den Abbau von jährlich rund 40 Millionen Tonnen Braunkohle entstandene „Hambacher Loch“.

          Gigantischer Stromspeicher : Die Wasserbatterie im Hambacher Loch

          Was ein visionärer Plan: Ein gigantischer Stromspeicher für überschüssigen Wind- und Solarstrom soll im „Hambacher Loch“ entstehen. Die Technik dürfte Kennern bekannt vorkommen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.