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Doping : Kelli White: "Ich war ein Versuchskaninchen"

Kelli White: „Ich hatte keine Informationen, ich hatte keine Angst” Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die amerikanische Sprinterin Kelli White hat bei einer Anhörung vor der Welt-Antidoping-Agentur ein erschütterndes Zeugnis über Wirkungen und Nebenwirkungen ihres massiven Dopingmißbrauchs abgelegt.

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          Ein erschütterndes Zeugnis der Unwissenheit und des Desinteresses erwachsener Spitzensportler gegenüber den Nebenwirkungen von Dopingsubstanzen hat die amerikanische Sprinterin Kelli White bei einer Anhörung vor der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) in Montreal abgelegt.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          "Ich war ein Versuchskaninchen", sagte die 28jährige Athletin nach Angaben der französischen Sporttageszeitung L'Equipe. "Man hat mir eine Menge Sachen angeboten", wird sie in einem wörtlich wiedergegebenen Protokoll weiter zitiert. "Man hat von mir verlangt, sie zu testen, um herauszufinden, ob ich auf bestimmte Produkte besser reagierte als auf andere."

          Hochwirksam, massive Nebenwirkungen

          Die Sprinterin, einst Freundin des deutschen Speerwerfers Boris Henry, der immer wieder betont, von ihren Dopingaktivitäten nichts mitbekommen zu haben, berichtet außerdem von massiven Nebenwirkungen der hochwirksamen Mittel. Sie sei nie vor diesen Nebenwirkungen gewarnt worden, gab sie an.

          Die Anhörung fand bereits am vergangenen Montag vor dem Vorstand der Wada statt. Die Zuhörer, paritätisch aus Vertretern von Sportorganisationen und Regierungen zusammengesetzt, durften Fragen stellen und applaudierten laut L'Equipe der Athletin, die sich heute als reuige Sünderin und Dopinggegnerin gibt, mehrmals. White, die zur Zeit aufgrund einer zweijährigen Dopingsperre keine Wettkämpfe bestreiten darf, möchte in den Leistungssport zurückkehren.

          Modafinil, THG und Epo

          Die Sprinterin wurde von dem aus der Ukraine stammenden Trainer Remy Korchemny betreut, dem in den Vereinigten Staaten ein juristisches Verfahren droht. Mit Korchemny wechsle sie heute kein Wort mehr, sagte sie in Montreal. Über ihren Trainer wurde sie Kundin des kalifornischen Laborbetreibers Victor Conte, gegen den in Kalifornien ein Prozeß wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche läuft. Im Rahmen der Ermittlungen gegen Contes Bay Area Laboratory Co-Operative (Balco) hatte Kelli White die Einnahme von verbotenen Mitteln zugegeben.

          Bei den Weltmeisterschaften 2003 in Paris hatte sie die beiden Goldmedaillen über 100 und 200 Meter verloren, weil sie positiv auf das Aufputschmittel Modafinil getestet worden war. Zu den Mitteln, die sie schließlich nutzte, gehörten auch das eigens für den Sportbetrug entwickelte Designer-Steroid Tetrahydrogestrinon (THG) und das Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo).

          Belastbarkeit im Training verdoppelt

          "Ich habe viele Stimulanzien probiert", sagte Kelli White, "und Modafinil wirkte bei mir am besten. Das gleiche gilt für THG, das half, sehr schnell Muskeln aufzubauen." Zusätzlich zu ihrem "Cocktail" habe sie ein Verschleierungsmittel genommen. Durch die Mittel habe sich ihre Belastbarkeit im Training verdoppelt. "Es war unglaublich."

          Nach ihren positiven Tests von Paris hatte White behauptet, sie nähme das Mittel Modafinil, weil sie unter Narkolepsie, einer Schlafstörung, leide. Der Wada sagte sie nun, daß es sich bei dieser Geschichte um eine Legende handle, die sich Balco-Gründer Conte und der Arzt Brian Goldman, Gesellschafter des Labors, in aller Hast ausgedacht hätten. "Ich litt noch nie an Narkolepsie", sagte White bei der Anhörung. "Ich wußte bis wenige Stunden vor der Bekanntgabe meines positiven Tests noch nicht einmal, daß dieses Wort überhaupt existiert." White hatte seit Beginn ihres Dopingprogramms im März 2003 siebzehn Dopingtests überstanden, ohne aufzufallen. "Die Tests machten mir keine Sorge", sagte sie. "Was das betrifft, war ich ganz ruhig."

          „Viele Athleten fragen, woher man diese Substanzen bekommt“

          Allerdings litt sie unter erheblichen Nebenwirkungen. "Mein Menstruationszyklus war total gestört", gab sie in Montreal an. "Ich hatte alle zwei Wochen meine Regel. Ich bekam Akne, nicht nur im Gesicht, sondern auch am Oberkörper. Meine Stimme veränderte sich unglaublich, ich war permanent heiser. Das wahrscheinlich Schlimmste allerdings war, daß mein Blutdruck in die Höhe schoß. Es dauerte lange, bis sich das wieder stabilisierte." Kelli White beklagte, daß niemand sie gewarnt habe. Davon, daß THG noch nicht einmal im Tierversuch getestet worden war, habe sie keine Ahnung gehabt. "Ich hatte keine Informationen, aber ich hatte auch keine Angst. Nur das Epo machte mir Sorge, weil mein Hämatokritwert so stark anstieg." Gegen das dicke Blut habe ihr Korchemny empfohlen, Wasser zu trinken.

          Auch heute noch werde sie immer wieder von anderen Sportlern gefragt, welche Dopingmittel sie ihnen empfehle. "Es ist schlimm, daß viele Athleten sich immer noch mit mir über Doping unterhalten wollen und fragen, woher man diese Substanzen bekommt. Es ist bedrückend." Als Grund für die Bereitschaft von Athleten, Dopingmittel zu nehmen, nannte sie "Geld". "Man wird nicht als Betrüger geboren. Es ist das Umfeld, das einen Menschen pervertiert." Und sie ergänzte, daß sich im Dopingbereich immer noch sehr viel abspiele. Man dürfe die Trainer dabei nicht vergessen. "Sie sind die Schlüsselfiguren, sie beraten schließlich die Athleten."

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