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Doping im Radsport : Pevenages Plauderstunde

  • -Aktualisiert am

„Es gibt keine Solidarität im Radsport”: Rudy Pevenage spricht über Jan Ullrich und Doping Bild: dpa

Mit dem Radsport hat Rudy Pevenage zwangsläufig abgeschlossen. Der Belgier, einst eine der prägenden Figuren, spricht nun dennoch über Doping beim Team Telekom, von Jan Ullrich – und er klagt auch die noch handelnden Personen an.

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          Neulich erlebte Rudy Pevenage wieder einen angenehmen Tag unter Radsportfreunden, er war Gast von Eddy Merckx, der in der Nähe von Brüssel lebt. Es sei ein schönes Fest gewesen, sagt Pevenage. Merckx, belgische Radsportlegende, wurde kürzlich 65 Jahre alt, und natürlich muss man seinen Freunden da was bieten. Pevenage zählt zu diesem Kreis, immer noch, man hält zusammen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Bei anderen Wegbegleitern von ihm verhält sich das allerdings ein bisschen anders. Pevenage, früher eine der prägenden Figuren im Profiradsport und einst Mentor von Jan Ullrich, wird von vielen gemieden. Der Belgier kann das nicht wirklich verstehen. Besonders ärgerte ihn vor einiger Zeit die Bemerkung eines französischen Radsportmanagers. Der hatte behauptet, Pevenage sei der Teufel des Radsports.

          Pevenage klagt indirekt auch Armstrong an

          „Ich bin kein Teufel“, sagt Pevenage entrüstet. Und er findet, dass der Radsport immer noch sehr scheinheilig sei: Er, wie Ullrich verwickelt in den Dopingskandal um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes, hatte doch nichts anderes gemacht als alle seine Kollegen. Pevenage betont das immer wieder, und in seiner Wut rechnet er mit der Branche ab, ein bisschen zumindest. Dabei gibt er erstmals öffentlich zu, dass er für Ullrich Reisen zu Fuentes organisiert habe.

          Der Belgier, der angeblich nie zusammen mit Ullrich in Madrid bei Fuentes war, spricht nicht explizit über Dopingpraktiken. Aber seine jüngsten Aussagen werfen ein bezeichnendes Licht auf das Peloton, auf das Verhalten von Rennfahrern und sportlichen Leitern. Dabei klagt Pevenage indirekt auch Lance Armstrong an, der nach den massiven Dopinganschuldigungen seines Landsmanns Floyd Landis ohnehin im Visier amerikanischer Ermittlungsbehörden steht. Armstrongs Wandel nach seiner Krebserkrankung sei außergewöhnlich gewesen, sagt Pevenage.

          „Es gibt keine Solidarität im Radsport“

          Und man habe damals – bei dem Bonner Rennstall T-Mobile also – schnell begriffen, dass man keine Wahl hatte. Das kann als Hinweis darauf gelten, dass Ullrich sich für das Duell mit dem Texaner, der in diesem Jahr als Kapitän des Teams RadioShack bei der Tour antritt, mit unlauteren Mitteln wappnete. Außerdem habe Ullrich sich als Großverdiener doch gar nicht erlauben können, so Pevenage, von zweitklassigen Fahrern geschlagen zu werden.

          Ullrich war wegen der Fuentes-Affäre im Jahr 2006 von der Tour de France ausgeschlossen worden. Ihm war per DNA-Abgleich nachgewiesen worden, Blut bei Fuentes gelagert zu haben. Mit der Bonner Staatsanwaltschaft einigte sich der Rostocker, der 2007 seine Karriere beendete, später außergerichtlich. Pevenage zahlte 25.000 Euro; auf ein Verfahren gegen ihn wurde danach verzichtet. Der Belgier beklagt, dass nur wenige Personen bestraft worden, viele andere aber unbehelligt geblieben seien – obwohl doch die Hälfte des Pelotons dieselben Dinge wie er und Ullrich gemacht hätte. „Es gibt keine Solidarität im Radsport.“ Pevenage lamentiert auch darüber, dass Männer wie Bjarne Riis oder Rolf Aldag, die Doping gestanden hatten, immer noch im Radsport aktiv sind. „Damit habe ich ein Problem.“

          „Unsere Equipe war danach wirklich sauber“

          Und es habe ja nicht nur Fuentes gegeben, sondern weitere Mediziner, die Profis behandelt hätten. So etwas sei normal gewesen, sagt Pevenage, niemand hätte das als illegal empfunden. Der Belgier kritisiert nun auch Rennfahrer, die einst Kunden von Fuentes waren und inzwischen „große Vorträge“ hielten – Pevenage stört sich offenbar daran, dass sie sich als Saubermänner darzustellen versuchen. „Sie sollten lieber schweigen.“

          Pevenages Offenbarungen verdeutlichen, wie bizarr die Welt des Radsports ist. Da ist von Fahrern die Rede, die trotz hoher Blutwerte nicht bei den Kontrollen auffielen – das sei so, als würde man fünfmal eine Straße bei einer roten Ampel passieren, ohne von der Polizei erwischt zu werden. Der Belgier erzählt zudem, dass man bei T-Mobile nach der Festina-Affäre im Jahr 1998 erst mal mit allem aufgehört habe – also mit verbotenen Aktivitäten. „Unsere Equipe war danach wirklich sauber.“

          „Die Tour ist da, das tut weh“

          Später jedoch habe man festgestellt, dass man vor allem mit spanischen und italienischen Mannschaften nicht mehr mithalten konnte. Da habe man sich gedacht, dass es eine „andere Methode der Vorbereitung“ geben müsse als Epo. Worin das Team und Ullrich daraufhin involviert waren, bezeichnet Pevenage als eine „schlechte Spirale“. Kurios mutet an, wie Ullrichs Rückzug von der Tour 2006 zunächst hatte erklärt werden sollen: mit einem Schlüsselbeinbruch, den er sich bei einem Treppensturz zugezogen habe. Das jedenfalls soll Pevenage geraten worden sein; von wem, sagte der Belgier aber nicht.

          Mit dem Radsport hat Pevenage mittlerweile endgültig abgeschlossen, zwangsläufig. Zuletzt war er für das amerikanische Team Rock Racing tätig, das aber ebenfalls einen zweifelhaften Ruf hatte und für 2010 vom internationalen Radsportverband keine Lizenz erhielt. Pevenage sagt, dass er jetzt Immobiliengeschäfte betreibe, zusammen mit seiner Tochter. Vom Radsport loszukommen bereitet ihm aber offensichtlich Mühe. „Die Tour ist da, das tut weh“, sagte er am Donnerstag. Die Zunft, deren spezifischen Regeln er folgte, hat ihn ausgegrenzt. Aber Merckx ist ihm ja noch geblieben.

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