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Doping im Radsport : Cera und verbrannte Erde

Bernhard Kohl - während der Tour angeblich solidarisch mit den Anti-Doping-Aktivisten Bild: AFP

Das Team Gerolsteiner verabschiedet sich vom Radsport - mit zwei mutmaßlichen Doping-Sündern: Kohl und Schumacher. Und der Chef wird krank. Derweil sollen in Frankreich die Nachuntersuchungen der Tourproben eingestellt werden. Auch das ist bemerkenswert.

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          Kein Kommentar mehr am Dienstag, die Stimme soll versagt haben: Hans-Michael Holczer im Krankenstand, geschwächt von einer Grippe, angeschlagen außerdem durch zwei schwere Erschütterungen innerhalb einer Woche, durch wahrscheinliche Leistungsmanipulationen in seinem Rennstall.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Welch eine Tour de France war das für das Team Gerolsteiner, das als Vorzeigeprodukt galt, welch eine Erfolgsgeschichte: Etappensiege und Gelbes Trikot für Stefan Schumacher, und dazu war Bernhard Kohl Dritter geworden und obendrein Bergkönig. Welch ein Desaster nun im Oktober, für Holczers Team, aber auch für den Radsport in Deutschland: Schumacher und Kohl, zwei mutmaßliche Doping-Sünder, positive A-Proben in nachträglichen Untersuchungen, ein Finale mit Schrecken für das Team Gerolsteiner (siehe: Doping: Tour-Dritter Bernhard Kohl des Cera-Missbrauchs überführt). Und der Teamchef, jahrelang ein Kämpfer, erging sich in einem Lamento (siehe: Gerolsteiner-Teamchef Holczer: „Der Radsport in Deutschland hat keine Chance“).

          Letzte Ausfahrt Tours

          Sprach, als er noch einigermaßen bei Kräften war, von angeblicher Hilflosigkeit, von Machtlosigkeit, von seinem Scheitern, von der kriminellen Energie von Radprofis, von unendlicher Traurigkeit. Holczer zog umgehend Konsequenzen. Er selbst mag erst mal nichts mehr zu tun haben mit dem Radsport, die Räder stehen ab sofort still. Letzte Ausfahrt Tours am vergangenen Sonntag – das war’s für die deutsche Equipe, die ihren Betrieb nach dieser Saison ohnehin eingestellt hätte.

          War's das an nachuntersuchungen? Laut AFLD-Chef Pierre Bordry ja. Aber hätten nicht noch mehr Fahrer überführt werden können?

          Bei der Lombardei-Rundfahrt am kommenden Samstag wird sie nicht mehr starten. Das Team richtet sich dabei nach einer Vereinbarung der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport, die bei mehreren Dopingfällen in einem gewissen Zeitraum eine Rennpause von acht Tagen vorsieht.

          Die Kontrollen seien beendet, heißt es

          Immer wieder Cera: Auf dieses Epo-Präparat hatte neben Schumacher offensichtlich auch der Österreicher Kohl gesetzt, in der Hoffnung, dass es nicht entdeckt würde. Beide hatten aber die Rechnung ohne die französische Anti-Doping-Expertengruppe (AFLD) gemacht, die den verbotenen Beschleuniger mit einem neuen Testverfahren nachwies.

          Angeblich soll nun Schluss sein mit Doping-Enthüllungen im Zusammenhang mit der Tour de France. Die Kontrollen der verdächtigen Rennfahrer seien beendet, hieß es am Dienstag. Weitergehende Überprüfungen soll es nicht geben. AFLD-Präsident Pierre Bordry glaubt, obwohl den Doping-Jägern sieben Profis ins Netz gingen, einen Wandel im Radsport zu erkennen. „Die letzte Tour ist offener gewesen“, behauptete der Franzose. „Es gab keinen Fahrer, der jeden Tag geglänzt hat. Das führen wir auf unsere Arbeit zurück. Wir arbeiten weiter an der Reinigung des Pelotons.“

          Die „Nachzügler“ gehören einem untergehenden Team an

          Die französischen Fahnder waren erfolgreich – und doch bleiben Fragen. Hätten, da das Betrugssystem im Radsport weiterhin stark verankert scheint, nicht doch mehr als sieben Profis überführt werden können (siehe auch: Doping: Giro stemmt sich gegen Nachtests)? Es ist ein Rekord für die Tour, und trotzdem mutet diese Zahl gering an. Überdies ist bemerkenswert, dass die „Nachzügler“ Schumacher und Kohl just einem untergehenden Team angehören.

          Keine der weiterhin existierenden Profi-Mannschaften ist von den jüngsten vermeintlich intensiven Recherchen der AFLD betroffen. Schumacher auf alle Fälle muss jetzt die Analyse der B-Probe bei der AFLD beantragen und seine Stellungnahme zunächst gegenüber der AFLD abgeben. Dazu hat der Nürtinger gemäß dem französischen Sportrecht als im Ausland lebender Athlet eine Frist von zehn Tagen. Dies geht aus Unterlagen hervor, die Schumachers Anwalt Michael Lehner am Dienstag dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) übergab. Die Papiere waren Schumacher bereits am vergangenen Dienstag von der Staatsanwaltschaft überreicht worden (siehe: Doping: Schumachers Briefgeheimnisse). Nach Rücksprache mit der AFLD, dem Internationalen Radsportverband und der Nationalen Anti-Doping-Agentur wird der BDR nun auf die weiteren Ergebnisse aus Frankreich warten. „Danach werden die weiteren vorgesehenen Schritte vollzogen“, sagte BDR-Generalsekretär Martin Wolf, dessen Vorgesetzter Rudolf Scharping den Radsport „endgültig in einem Überlebenskampf“ sieht.

          Kohl habe „mit Tränen“ in den Augen gegen die Doper gewettert

          Schumacher schweigt, Kohl will sich dagegen bald der Öffentlichkeit stellen, er hat auch schon die Öffnung der B-Probe gefordert. Der gelernte Rauchfangkehrer, der im Juli mit verblüffender Leichtigkeit die Tour-Berge erklommen hatte, könne sich das alles nicht erklären – so soll er sich in einem Telefonat mit Holczer am Montag geäußert haben. Der Schwabe hat Kohl, Zimmergenosse von Schumacher während der Tour, in diesem Gespräch geraten, alles offenzulegen. „Wer steckt dahinter? Wo kommt das Ganze her? Er könnte damit einen großen Beitrag leisten, für den Radsport und für sich selbst.“

          Kohl, dessen vor kurzem geschlossener Vertrag mit dem belgischen Team Silence-Lotto nun wieder gelöst wird, soll sich noch während der Tour sehr solidarisch mit den Anti-Doping-Aktivisten gegeben haben. Er habe, erzählte sein bisheriger Teamkollege Markus Fothen, „mit Tränen in den Augen wie wir alle auf die Doper gewettert, die uns alles kaputtmachen“.

          Die Bernhard-Kohl-Nachwuchsakademie? „Tot“

          Österreich, das seinen „Bernie“ im Juli noch überschwänglich gefeiert hatte, das durch ihn – nach der Wiener Blutbankaffäre und der EM-Enttäuschung um die Fußball-Nationalelf – eine Art Sommermärchen erlebte, reagierte geschockt auf die französischen Offenbarungen. Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka klagte, dass Österreich mit einem Schlag ein Idol verloren habe. Franz Stocher, ein ehemaliger Bahn-Weltmeister, sagte: „Wir wollten in Niederösterreich eine Bernhard-Kohl-Nachwuchsakademie gründen. Die ist tot.“ Kohl wurde umgehend auch aus der Nominierungsliste für die Wahl zum „Sportler des Jahres“ gestrichen; ihn ersetzt der Eishockey-Profi Thomas Vanek.

          Und Holczer? Er soll am Boden zerstört sein. Er hatte gedacht, dass sein Team, sein Lebenswerk, einst Kultstatus erlangen könnte, jetzt aber muss er einen unrühmlichen Abschied hinnehmen. Verbunden mit dem scharfen Vorwurf, artikuliert zuletzt von den Kronzeugen Patrik Sinkewitz und Jörg Jaksche, dass er dem Treiben in seiner Umgebung nicht ahnungslos habe gegenüberstehen können. Sinkewitz etwa redete von Verlogenheit. Einen solchen Abschluss, war von Holczer zu hören, habe er nicht verdient. Cera und verbrannte Erde: Das ist gleichwohl die bittere Realität im Herbst 2008, für Holczer und für den Radsport generell.

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