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Doping im Radsport : Cera und verbrannte Erde

Keine der weiterhin existierenden Profi-Mannschaften ist von den jüngsten vermeintlich intensiven Recherchen der AFLD betroffen. Schumacher auf alle Fälle muss jetzt die Analyse der B-Probe bei der AFLD beantragen und seine Stellungnahme zunächst gegenüber der AFLD abgeben. Dazu hat der Nürtinger gemäß dem französischen Sportrecht als im Ausland lebender Athlet eine Frist von zehn Tagen. Dies geht aus Unterlagen hervor, die Schumachers Anwalt Michael Lehner am Dienstag dem Bund Deutscher Radfahrer (BDR) übergab. Die Papiere waren Schumacher bereits am vergangenen Dienstag von der Staatsanwaltschaft überreicht worden (siehe: Doping: Schumachers Briefgeheimnisse). Nach Rücksprache mit der AFLD, dem Internationalen Radsportverband und der Nationalen Anti-Doping-Agentur wird der BDR nun auf die weiteren Ergebnisse aus Frankreich warten. „Danach werden die weiteren vorgesehenen Schritte vollzogen“, sagte BDR-Generalsekretär Martin Wolf, dessen Vorgesetzter Rudolf Scharping den Radsport „endgültig in einem Überlebenskampf“ sieht.

Kohl habe „mit Tränen“ in den Augen gegen die Doper gewettert

Schumacher schweigt, Kohl will sich dagegen bald der Öffentlichkeit stellen, er hat auch schon die Öffnung der B-Probe gefordert. Der gelernte Rauchfangkehrer, der im Juli mit verblüffender Leichtigkeit die Tour-Berge erklommen hatte, könne sich das alles nicht erklären – so soll er sich in einem Telefonat mit Holczer am Montag geäußert haben. Der Schwabe hat Kohl, Zimmergenosse von Schumacher während der Tour, in diesem Gespräch geraten, alles offenzulegen. „Wer steckt dahinter? Wo kommt das Ganze her? Er könnte damit einen großen Beitrag leisten, für den Radsport und für sich selbst.“

Kohl, dessen vor kurzem geschlossener Vertrag mit dem belgischen Team Silence-Lotto nun wieder gelöst wird, soll sich noch während der Tour sehr solidarisch mit den Anti-Doping-Aktivisten gegeben haben. Er habe, erzählte sein bisheriger Teamkollege Markus Fothen, „mit Tränen in den Augen wie wir alle auf die Doper gewettert, die uns alles kaputtmachen“.

Die Bernhard-Kohl-Nachwuchsakademie? „Tot“

Österreich, das seinen „Bernie“ im Juli noch überschwänglich gefeiert hatte, das durch ihn – nach der Wiener Blutbankaffäre und der EM-Enttäuschung um die Fußball-Nationalelf – eine Art Sommermärchen erlebte, reagierte geschockt auf die französischen Offenbarungen. Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka klagte, dass Österreich mit einem Schlag ein Idol verloren habe. Franz Stocher, ein ehemaliger Bahn-Weltmeister, sagte: „Wir wollten in Niederösterreich eine Bernhard-Kohl-Nachwuchsakademie gründen. Die ist tot.“ Kohl wurde umgehend auch aus der Nominierungsliste für die Wahl zum „Sportler des Jahres“ gestrichen; ihn ersetzt der Eishockey-Profi Thomas Vanek.

Und Holczer? Er soll am Boden zerstört sein. Er hatte gedacht, dass sein Team, sein Lebenswerk, einst Kultstatus erlangen könnte, jetzt aber muss er einen unrühmlichen Abschied hinnehmen. Verbunden mit dem scharfen Vorwurf, artikuliert zuletzt von den Kronzeugen Patrik Sinkewitz und Jörg Jaksche, dass er dem Treiben in seiner Umgebung nicht ahnungslos habe gegenüberstehen können. Sinkewitz etwa redete von Verlogenheit. Einen solchen Abschluss, war von Holczer zu hören, habe er nicht verdient. Cera und verbrannte Erde: Das ist gleichwohl die bittere Realität im Herbst 2008, für Holczer und für den Radsport generell.

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