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Doping-Forschungsprojekt : Aus dem Kriegsarsenal in den Spitzensport

Eine Untersuchung legt geheime Doping-Forschung bis in die Gegenwart offen Bild: REUTERS

Erste Ergebnisse des Forschungsprojekts „Doping in Deutschland“ zeigen: Amphetamin-Untersuchungen der Vorkriegs- und Kriegszeit in der jungen Bundesrepublik wurden nahtlos fortgesetzt - mit Verve auch in Köln und Freiburg.

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          Von der Panzerschokolade und den Stukapillen, Aufputschmitteln der Wehrmachtssoldaten im zweiten Weltkrieg, führt ein gerader Weg zu den Dopingpräparaten der fünfziger und sechziger Jahre und zu einer Dopingmentalität, die den Sport bis heute untergräbt. Bei der Vorstellung erster Ergebnisse des Forschungsprojektes „Doping in Deutschland“ am Montag an der Universität Leipzig belegte der Historiker und Publizist Erik Eggers, dass die Amphetamin-Untersuchungen der Vorkriegs- und Kriegszeit in der jungen Bundesrepublik nahtlos fortgesetzt wurden – mit Verve auch an den aufstrebenden sportwissenschaftlichen Zentren Köln und Freiburg.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Er präsentierte dazu eine Dissertation von 1954 zur „Wirkung von Dopingmitteln auf den Kreislauf und die körperliche Leistung“, die der Gründervater der Freiburger Sportmedizin, Herbert Reindell, anfertigen ließ, jahrelang unveröffentlicht ließ und schließlich 1959 in Teilen publizierte.

          Schlüsseldokument für die frühe deutsche Dopinggeschichte

          Die Arbeit des jungen Mediziners Oskar Wegener über die leistungssteigernde Wirkung von Coffein, Veriazol, Strychnin und Pervitin auf gesunde Athleten – Pervitin ist mit einem Leistungsplus von 23,5 Prozent am wirksamsten – verfälschte Reindell dabei derart, dass er die Warnung des Autors vor einer Gefahr der pathologischen Herzregulierung unterschlug und stattdessen von „ungünstigen Nebenwirkungen“, „Behinderung der Erholung“ und „Stoffwechselentgleisung“ berichtete. Darüber hinaus stellte er sogar weitere Leistungssteigerungen durch höhere Dosierung in Aussicht.

          Für Eggers ist diese Arbeit – in Auftrag gegeben von dem Sportarzt, der in den dreißiger Jahren Weltrekord-Läufer Rudolf Harbig und nach dem Krieg den luxemburgischen Olympiasieger Joseph Barthel betreute – ein Schlüsseldokument für die frühe deutsche Dopinggeschichte. Nicht nur von systematischem Doping könne hier die Rede sein, sagte Eggers, sondern von einer geheimen Dopingforschung. Der rote Faden zieht sich bis in die Gegenwart. Tour-Sieger Jan Ullrich ließ vier Jahrzehnte später sich und sein Team von Freiburger Ärzten dopen. Die Haltung der Mediziner, die von Aufputschmitteln über muskelbildende Hormone zu Blutmanipulationen mittaten, ist bis heute gleich geblieben: Die Leistung zählt, nicht der Athlet.

          Ergometertests: Leistungssteigerung von 35 Prozent

          Eggers hat eine Dissertation gefunden, die bereits 1947 Pervitin-Doping in der Leichtathletik beschreibt. 1950 benennt eine Diplomandin der Sporthochschule Köln Doping als „hart umkämpftes Problem“. Tatsächlich veröffentlichten ein Jahr darauf die Kölner Potthoff und Oleck die Ergebnisse von „Kreislaufuntersuchungen mit Pervitin im Bereich der vita maxima“.

          Diese Ergometertests ergaben eine Leistungssteigerung von 35 Prozent. Die Autoren ordnet Eggers dem Umfeld von Hugo Wilhelm Knipping zu, der eine frühe Kurbel-Ergometrieanlage, vermutlich wegen der Verfügbarkeit leistungsfähiger Probanden, an der Sporthochschule Köln einrichtete. Knipping stand dem „Kuratorium für Sportmedizinische Forschung“ vor, dem Vorläufer des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, das nun die Studie zur Dopingforschung vergeben hat.

          Kleiner Kreis von Medizinern, die am Rad drehten

          1958 und 1959 schrieb Jürgen Bliesener an der Sporthochschule eine nie veröffentlichte Diplomarbeit, in der ehemalige und aktive (Kölner) Radrennfahrer angaben, mit was sie alles dopten: Coramin, Cardiazol, Strychnin, Arsen, Sympatol, Pervitin, Ephedrin sowie Adrenalin, Testosteron und womöglich sogar Anabolika, Morphium und Kokain. Der Bund Deutscher Radfahrer, schrieb der Sportwissenschaftler damals, sei bestens informiert, meine aber, dass er nichts dagegen unternehmen könne. Dabei ist es in sehr vielen Fällen geblieben.

          Die absolute Mehrheit der Sportmediziner in Deutschland sei gegen Doping gewesen, konstatierte Giselher Spitzer von der Humboldt-Universität Berlin, Leiter einer der beiden Arbeitsgruppen des Projekts. Es sei ein kleiner Kreis von Medizinern gewesen, die am Rad drehten. „Wir werden versuchen herauszufinden, ob es Netzwerke gab, ob die dopenden Sportärzte miteinander kommuniziert haben.“ Bisher haben sich die Forscher mit dem präanabolen Sport befasst. Doch die Spur aus dem Krieg führt weiter zum Kalten Krieg und seinen Kampfplätzen in den Sportstadien der Welt.

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