https://www.faz.net/-gtl-10o92

Doping-Fall Schumacher : ARD und ZDF erwägen Ausstieg - Holczer will klagen

  • Aktualisiert am

Das Spiel ist wohl aus für Stefan Schumacher Bild: ddp

Nach dem Dopingfall Schumacher erwägt die ARD mal wieder den Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung. Dem mutmaßlichen „Sünder“ droht der Radsportverband die „höchstmögliche Sperre“ an. Die Politik erwägt Fördergelder-Stopps. Stefan Schumacher bezeichnet die Vorwürfe indes als „Schwachsinn“.

          Der Profi-Radsport liegt in Trümmern. Am Montagabend erschütterte die Veröffentlichung zweier Namen diesen von seinem immanenten Hang zum Doping bereits schwer beschädigten Sport ein weiteres Mal. Der Nürtinger Stefan Schumacher und der Italiener Leonardo Piepoli wurden vom Pariser Anti-Doping-Labor der Einnahme des Epo-Präparates Cera bei der Tour de France 2008 überführt.

          Beide gehören zu einer ganzen Gruppe von Tour-Profis, deren Proben in einer Nachuntersuchung noch einmal analysiert wurden. Das Depotpräparat Cera hatte nach interner Einschätzung im Peloton als nicht nachweisbar gegolten. „Wir sind geschockt. Er bestreitet die Vorwürfe“, hatte Schumachers Anwalt Michael Lehner am Montagabend im ZDF gesagt. Schumacher soll die Vorwürfe zudem als „Schwachsinn“ bezeichnet haben.

          Bach erwägt „olympische Denkpause“ für Radsport

          Die neuerlichen positiven A-Proben bringen den Radsport nun um jede Hoffnung auf innere Reinigung. Auch sein Status bei den Olympischen Spielen ist in ernster Gefahr. „Dies ist dramatisch, weil es zeigt, dass der Radsport weit weg von einem Bewusstseinswandel ist“, sagt Thomas Bach, der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

          Rudolf Scharping: „Höchstmögliche Sperre”

          „Diese Dummdreistigkeit setzt sich offensichtlich weiter fort.“ Sofern die Analyse der B-Proben das Ergebnis bestätigten, sei die Glaubwürdigkeit des Radsports endgültig dahin. „Wir müssen uns fragen, ob es nicht an der Zeit ist, dem Radsport eine olympische Denkpause zu verordnen.“

          Vesper spricht von Selbstmord

          Ähnlich argwöhnisch beurteilt DOSB-Generaldirektor Michael Vesper die Situation im krisengeschüttelten Radsport. Er sei „erschüttert und unsagbar sauer“, sagte der Spitzenfunktionär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Dienstag. „Das ist deprimierend. Der Radsport spielt mit seiner Existenz. Ich kann es nicht begreifen. Das ist Selbstmord“, erklärte Vesper. Positiv sei lediglich, dass auch die neue Dopingsubstanz CERA inzwischen nachgewiesen werden kann.

          Vesper will sogar versuchen, von Schumacher die Entsendungskosten zu den Olympischen Spielen nach Peking zurückzufordern. Eine genaue Summe nannte er nicht, allerdings könnte es sich dabei um einen hohen vierstelligen Betrag handeln. „Stefan Schumacher hat vor Olympia mit uns eine Athletenvereinbarung geschlossen und durch seine Unterschrift bestätigt, dass er in dieser Olympiade - und das schließt die vier Jahre vor Peking ein - nicht gedopt hat. Wenn es anders war, greift unser Sanktionsmechanismus“, sagte Vesper.

          ARD und ZDF erwägen Ausstieg

          ARD und ZDF diskutieren derweil über einen Ausstieg aus der Tour-Berichterstattung. „Da packt einen die kalte Wut, wenn man sieht, wie solche Betrüger den Radsport kaputt machen“, sagte ein ARD-Sprecher am Dienstag. „Dabei ist es kein Unterschied ob ein Deutscher, ein Spanier oder ein Amerikaner erwischt wird.“ Die ARD-Intendanten hatten auf ihrer bisher letzten Sitzung eine Entscheidung über einen neuen TV-Vertrag vertagt. Nun werden sie telefonisch beraten. Eine Entscheidung über die zukünftige Tour- Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Senders soll nach den jüngsten Ereignissen kurzfristig fallen.

          Das ZDF will nach den jüngsten Doping-Enthüllungen Anfang 2009 über einen möglichen Ausstieg aus der Tour-de-France-Berichterstattung entscheiden. „Wir werden in Ruhe abwarten, was noch so alles unter dem Tisch hervorgefegt wird und ob der Radsport überhaupt noch zu retten ist. Alle Konsequenzen - auch ein Ausstieg - sind möglich“, sagte ZDF-Chefredakteur NikolausBrender. Der neuerliche Fall sei für ihn „ein Schlag“, meinte Brender und stellte fest: „Zum wiederholten Mal wurde uns gesagt: Das sind die neuen Jungen, die nichts mit Doping zu tun haben.“

          Holczer will seinen Angestellten Schumacher verklagen

          Hans-Michael Holczer, Teamchef von Schumachers Mannschaft Gerolsteiner, bestätigte am Montagabend, dass der Deutsche positiv gestestet worden sei und bestätigte damit einen entsprechenden Bericht der französischen Sporttageszeitung „L'Equipe“. Der Nürtinger wurde von seinem Team umgehend suspendiert. „Wir sind betrogen worden. Ich werde Stefan Schumacher bis zum letzten Cent, den ich in der Tasche habe, versuchen, juristisch zu verfolgen“, kündigte Holczer an.

          Er sei von Tour-Direktor Christian Prudhomme persönlich informiert worden. Schumacher hatte zuvor jegliches Doping bestritten. „Ich habe nicht gedopt und meine Blutwerte waren während der Tour völlig normal“, sagte er am Mittag nach dem Bekanntwerden von ersten Spekulationen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Niederländer Ben van Beurden, Jahrgang 1958, ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender des Ölkonzerns Shell.

          Konzernchef im Gespräch : „Shell muss sich ändern“

          Ben van Beurden, der Chef von Europas größtem Ölkonzern, spricht im Interview über den Umstieg auf erneuerbare Energien, Heuchelei an der Börse und den brennenden Regenwald.
          Der britische Premierminister Boris Johnson vergleicht sich selbst mit dem „unglaublichen Hulk“, der sich aus seinen Fesseln befreit.

          Brexit um jeden Preis : Der wütende Hulk

          Großbritannien werde sich aus seinen „Fesseln“ befreien wie die ultra-starke Comicfigur, wenn es bis 31. Oktober keinen Brexit-Deal gebe, erklärt Johnson. Auch gegen die Anordnung des Parlaments. Vor neuen Gesprächen mit der EU zeigt er sich dennoch „sehr zuversichtlich.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.