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Doping-Enthüllungen : Bach und Coe pfeifen auf die Whistleblower

Warum haben sie noch so gut Lachen? Die beiden Sport-Funktionäre Thomas Bach und Sebastian Coe (r.) Bild: Picture-Alliance

Wie geht es den Stepanows ein Jahr nach ihren Enthüllungen über Doping in der russischen Leichtahtletik? Das Paar würde weiter zur Bekämpfung von Betrug beitragen - doch die Verbands-Chefs wollen nichts von ihnen wissen.

          Warum er Julija und Witali Stepanow nicht als Helden bezeichne, musste sich Sebastian Coe, der Präsident des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF), fragen lassen, als der Ausschuss für Kultur, Medien und Sport des britischen Parlaments ihn vor bald drei Wochen zu den vielen Ungereimtheiten in seinem Sport anhörte.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Schließlich basierte die spektakuläre Reportage der ARD, die vor einem Jahr den Doping- und Korruptionsskandal in der russischen Leichtathletik und an der Spitze der IAAF auslöste, auf den Aussagen und den Bild- und Tonaufnahmen, welche die Läuferin und der ehemalige Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur machten. Diese beiden ließen ungeheuerliche Betrügereien auffliegen; sorgten dafür, dass die Leichtathleten Russlands, die Anti-Doping-Agentur des Landes sowie das Doping-Kontroll-Labor in Moskau vom internationalen Sport ausgeschlossen wurden.

          „Menschliche Kosten“

          Obendrein ermitteln französische Justiz und Interpol gegen Coes Vorgänger Lamine Diack wegen Korruption und Geldwäsche – ein Erdrutsch für die Lügengebäude, die sich in der Kernsportart Olympias aufgetürmt hatten.

          Was also erwidert Lord Coe auf den Vorhalt, er lasse es an Anerkennung für die Kronzeugen fehlen, die doch wie er einen sauberen Sport wollten? Stimme nicht, ließ der Lord wissen. Praktisch habe er die beiden längst Helden genannt, implizit, indem er wie gerade eben auf die menschlichen Kosten einer Kronzeugenregelung hingewiesen habe. Nächste Frage: Ob er Stepanowa und Stepanow persönlich gesprochen habe? Nein, musste der erste Mann der Leichtathletik, kommendes Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), einräumen, das sei ihm bis dato nicht gelungen.

          Am Sonntag illustrierte die Sportschau der ARD, was Coe die menschlichen Kosten nennt: Die Kronzeugen der Leichtathletik verstecken sich, ohne Aussicht auf Arbeit oder auch nur ein normales Leben, irgendwo in einem schäbigen Hotel. „Hat IAAF-Präsident Coe jemals versucht, mit Ihnen in Kontakt zu treten, mit Ihnen zu reden?“ fragt Reporter Hajo Seppelt Witali Stepanow. Antwort: „Bisher nicht.“ Dieselbe Antwort erhält er auf die Frage nach dem Interesse des Internationalen Olympischen Komitees unter dessen Präsidenten Thomas Bach.

          Ihrer Rolle sind sich die beiden bewusst. „Wir sind im Sport neue Wege gegangen, quasi als Pioniere im Whistleblowing“, sagt Julija Stepanowa. „Das könnte andere motivieren. Aber leider gibt es im Sport bisher kein Zeugenschutzprogramm. Daher wird derzeit kaum ein Athlet die Wahrheit erzählen wollen.“ Die Stepanows wollen mit ihrem Insider-Wissen weiter zur Bekämpfung des Betrugs beitragen. Doch niemand will etwas von ihnen wissen.

          Doping-Kronzeugin Julija Stepanova

          Coe fällt beim Realitätstest durch. Ebenso Bach. Bei der Sitzung seiner Exekutive in Lausanne vor einer Woche hatte er eine Hotline für Kronzeugen aus aller Welt und allen Sportarten vorgestellt. „Athleten und alle, die betroffen sind, können sich ans IOC wenden“, hatte Bach gesagt. „Sie können Whistleblowers sein und Zeugen mit Verdacht gegen jede Art von Regelverstößen.“

          Beschimpft als Lügner, Betrüger und Verräter

          Die Wada, die sich als unabhängige Agentur für die Doping-Kontrollen aller internationalen Verbände anbietet, hat angekündigt, eine Plattform für Whistleblowers einrichten. Basierend auf der Erfahrung von Julija und Witali Stepanow, sollen Kronzeugen geschützt und unterstützt werden. Selbst der russische Verband soll nur unter der Bedingung zu den Olympischen Spielen zugelassen werden, mahnt die IAAF, dass er Kronzeugen eine sichere Möglichkeit zu Anzeigen und Aussagen bietet. Die Kronzeugen aus Moskau, ihre wirtschaftliche und persönliche Not, lässt all diese Ankündigungen zweifelhaft erscheinen.

          Als sich Julija und Witali Stepanow an die Wada wandten, konnte dieses angebliche Kompetenzzentrum für Doping-Bekämpfung nichts mit ihnen anfangen. Es verwies die beiden ans deutsche Fernsehen. Seit dieses den Film über das ausstrahlte, was beide wussten, werden die beiden in ihrer Heimat als Lügner, Betrüger und Vaterlandsverräter beschimpft. Dank, Lob oder gar Lohn gab es nicht. Diejenigen, die Verantwortung tragen im internationalen Spitzensport, pfeifen auf die Whistleblower.

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