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Doping : Eiserner Widerstand

Europameisterin Kaschirina wurde bereits 2006, mit 15 Jahren, positiv getestet. Bild: dpa

Im Gewichtheben wird flächendeckend gedopt. Der deutsche Verband will nun den Weltpräsidenten zu einem ernsthaften Kampf gegen Doping zwingen - denn der Verdacht liegt nahe, dass bislang der Wille dazu fehlt.

          4 Min.

          Diese Ergebnisliste hätte eigentlich einen Sturm der Entrüstung auslösen müssen: Bei den Europameisterschaften der Gewichtheber im April 2011 in Kasan (Russland) gewann die Russin Tatjana Kaschirina den Titel im Superschwergewicht mit einer Zweikampfleistung von 327 Kilogramm. Das waren 73 Kilogramm mehr, als die Zweitplazierte schaffte. Russische Athleten gewannen in Kasan die Titel in neun von fünfzehn Gewichtsklassen. Die russischen Siegerinnen in den drei schwersten Klassen hoben im Schnitt 43 Kilogramm mehr als der Rest des Kontinents. Angesichts dieser Zahlen fragt kein Fachmann mehr, wie so etwas möglich sein kann. Die Antwort ist immer die gleiche: Doping. Immerhin zwei Russen verloren ihre Titel später wieder wegen positiver Tests.

          Lebhafter, einseitiger Briefverkehr mit dem Weltverband

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          „Im Gewichtheben wird flächendeckend gedopt“, sagt Christian Baumgartner, Vizepräsident und Anti-Doping-Beauftragter des Bundesverbandes Deutscher Gewichtheber (BVDG) und spricht damit nur aus, was alle wissen. Noch schwerer allerdings wiegt der Verdacht, dass der ernsthafte Wille des Weltverbandes (IWF) und seines Präsidenten Tamas Ajan fehlt, dies zu ändern. „Unsere Erfahrungen sprechen nicht dafür“, sagt Baumgartner. „Viele Dinge wären sonst anders geregelt worden.“

          So aber blickt der BVDG auf eine lange Reihe von konstruktiven, aber vergeblichen Briefen an Ajan zurück - viele blieben gänzlich unbeantwortet. Schon 2004, noch von den Spielen in Athen, datiert ein massiver Warnruf. Beim olympischen Turnier, heißt es da, seien Athleten unmittelbar vor der Doping-Kontrolle in Toiletten verschwunden, dort seien Flaschen mit Urinresten zurückgeblieben - offensichtliche Zeichen von Manipulation mit Fremd-Urin. Lange blieb der Briefwechsel lebhaft, aber einseitig, doch nun ist es dem BVDG endlich gelungen, Ajan zu Reaktionen zu zwingen.

          Trotz seiner nachlässigen Testpolitik deckt der Weltverband IWF regelmäßig 40 bis 50 Doping-Fälle pro Jahr auf.
          Trotz seiner nachlässigen Testpolitik deckt der Weltverband IWF regelmäßig 40 bis 50 Doping-Fälle pro Jahr auf. : Bild: dapd

          An diesem Donnerstag hat Baumgartner die Vorstellungen des BVDG bei der Exekutivsitzung der IWF in Paris vorgestellt, am Freitag kann er sich an der Diskussion des IWF-Kongresses beteiligen, der am Vorabend der WM abgehalten wird. Baumgartner, Geschäftsführer eines Rohmilchqualitätslabors in München, wird die Forderungen der Deutschen - und mittlerweile aller europäischen Verbände - erläutern.

          Die wichtigsten Punkte: Erstens: Alle Dopingkontrollen sollen künftig von einer unabhängigen Kommission übernommen werden. Die bisherige Praxis: Der Weltverband legt selbst auf undurchsichtige Weise die Trainingskontrollen fest, die meistens von der Nationalen Anti-Doping-Agentur von Ungarn - Ajans Heimatland - entnommen werden. Das eröffnet die Möglichkeit, den Anti-Doping-Kampf willkürlich zu lenken und als Mittel zur Machtausübung einzusetzen. Es ist zumindest auffällig, dass Athleten bei internationalen Meisterschaften antreten, ohne ein einziges Mal im Training getestet worden zu sein. Und dass die IWF in diesem Jahr noch keinen einzigen männlichen Heber aus Russland im Training getestet hat. Insgesamt stehen Trainings- und Wettkampfkontrollen in einem deutlichen Missverhältnis.

          Zweitens: Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) soll das Kontrollsystem der IWF überwachen. Drittens: Die IWF soll transparent über ihre Maßnahmen berichten und den Verbänden alljährlich Bericht erstatten. Bisher überlässt die IWF ihren Mitgliedern nur unvollständige Informationen auf ihrer Homepage.

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