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Doping : Einer hält das Rad an

  • -Aktualisiert am

Der Schatten über dem Radsport: Nicht nur bei dem überführten Doping-Sünder Sinkewitz Bild: dpa

Was ein Heer von Dopern nicht vermochte, hat jetzt Stefan Schumacher geschafft: Auf einmal kommt das Krisenmanagement in Fahrt, um den Radsport vor dem Kollaps zu bewahren. Doch noch immer sprechen die Akteure von Einzelfällen. Das ist Unsinn.

          Jetzt muss Stefan Schumacher richtig harte Sachen schlucken: Die „Bild“-Zeitung hat ihm den Titel „Rad-Schumi“ postwendend auf die Nachricht von der positiven Dopingkontrolle entzogen. Fahrer-Kollegen und Funktionäre sprechen vom „dummen“ wie „dreisten“ Täter, der alle Bemühungen um Sauberkeit mit „seinem Hintern eingerissen hat“ und „den Radsport vernichtet“.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt wegen Betrugsverdachts. Der Teamchef seines Radrennstalls Gerolsteiner droht eine Klage bis zum „letzten Cent“ an. Radsport-Präsident Rudolf Scharping dringt auf Schadenersatz, der Deutsche Olympische Sportbund verlangt eine Kostenerstattung für die Reise nach Peking, Sportpolitiker fordern eine Mittelsperre für den Verband, Renn-Veranstalter klagen über das Ende ihrer Bemühungen um Sponsoren, ZDF und ARD beraten über den Ausstieg von der Live-Berichterstattung, das Internationale Olympische Komitee wird über den Ausschluss einer Sportart von Olympia diskutieren. Schumacher, 27 Jahre alt, so scheint es, hat geschafft, was ein Heer von Dopern in gut vierzig Jahren nicht vermochte: Er hält das Rad an.

          Schumacher ist schmutzig, aber der Radsport ist sauber?

          Hirnlos, dreist und allein im Peloton: Diesen Eindruck formulierten und vermitteln die Erregten, Überraschten, Geschockten, Enttäuschten, vom erfahrenen Trainer Schumachers bis hin zum langjährigen deutschen Radsport-Spitzenfunktionär. Wie beim Zielsprint ist das Krisenmanagement in Fahrt gekommen, um den schwer gestörten Kreislauf des Radsports vor dem Kollaps zu bewahren.

          Der Fall Schumacher hat das Krisenmanagement in Gang gebracht

          Bei dieser wilden und gefährlichen Strampelei wird die alte Geschichte mit kräftigen Tritten wiederbelebt, die Personalisierung des Problems: „In jedem Sport gibt es schwarze Schafe“, sagte Fritz Ramseier, Vorstandsmitglied im Internationalen Rad-Sportverband (UCI), dieser Tage der „Rheinischen Post“. Frei übersetzt: Schumacher ist schuld. Ob der über drei Jahre des Dopings Verdächtigte im sportjuristischen Sinne diesmal Schuld hat, wird die Analyse der B-Probe belegen. Ob er eine Wahl hatte, auf das jüngst entdeckte Blutdopingmittel Cera zu verzichten, lässt sich auch ohne Laboratorien klären. „Der Fall Schumacher zeigt noch einmal die Verlogenheit der Akteure“, sagt der Sportsoziologe Karl Bette, ein jahrzehntelanger Beobachter der Dopingsystematik: „Die nun wirkenden Mechanismen belegen die überindividuelle Wirksamkeit der Strukturen.“ Schumacher ist schmutzig, aber der Radsport ist sauber?

          „Radsport ist die Vorstufe zur Drogenabhängigkeit“

          Schumachers Teamchef Hans-Michael Holczer, der gewiefte Manager eines Radrennstalls der ersten Klasse, hatte „keinen Verdacht“, Schumachers Coach Hartmut Täumler fragt sich irritiert, warum man positiv wird: „In den letzten zwei Jahren muss doch allen klargeworden sein: Wer bescheißt, fliegt auf.“ Der Rad-Klubchef in Nürtingen, Schumachers Heimat, ist „fassungslos“, während der Kölner Rennorganisator Artur Tabat jetzt, 2008, dank des jüngsten Falls Glaubensfreiheit gewonnen hat: „Jetzt kann ich keinem Profi mehr trauen. Sie haben nicht begriffen, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist.“

          Was aber haben diese Karrierebegleiter und Steigbügelhalter begriffen nach all den Tragödien und Skandalen mit auffälligen Parallelen? Marco Pantani fiel mit Doping- und Drogenkonsum auf, verunglückte mit seinem Auto, bevor er, isoliert von seinem Sport, an einer Überdosis Kokain starb. Jan Ullrich wurde positiv auf Ecstasy getestet, schleuderte mit seinem Porsche gegen einen Fahrradständer. Der über drei Jahre verdächtigte Schumacher krachte alkoholisiert mit seinem Auto in einen Zaun. In seinem Blut fand man Spuren von Amphetamin. Offenbar kommen die zunächst als Helden Verehrten im Drucktopf des Spitzensports systematisch ins Schleudern. „Radsport ist die Vorstufe zur Drogenabhängigkeit“, schilderte der ehemalige spanische Profi Jesus Manzano.

          Sinkewitz: „Es gehörte zum Leben dazu, irgendetwas zu nehmen“

          Ähnlich äußerte sich der frühere deutsche Radprofi und Kronzeuge Jörg Jaksche vor über einem Jahr im „Spiegel“: „Ich war gut in Form, ich kam locker die Berge hoch. Nach dem Training sagte ein Teamarzt von Polti, ich solle Vitamin B 12, Folsäure und Eisen zu mir nehmen. Kein Problem, antwortete ich, das kaufe ich mir daheim. Nein, hieß es, das geben wir dir, und wenn du zu Hause bist, musst du dir die Spritzen selbst setzen. So geht das los, das Fixertum, es ist ein fließender Übergang.“ Auf dem Weg dorthin schüren Erwartungen die psychische und je nach Medikament oder Substanz auch die physische Abhängigkeit. „Der Weg zum Doping-Delinquenten ist fast nie ein vorsätzlicher Prozess“, sagt der frühere Nationalmannschaftsfahrer und Soziologe Sascha Severin: „Es ist eher ein unbewusstes Hineintreiben, das in der Regel durch den wiederholten Einsatz vermeintlich harmloser Substanzen initiiert und irgendwann zu einem verbindlichen Ritual wird.“

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