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Doping : „Die Staatsanwälte sind machtlos“

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Skeptische Sportliebhaberin: die bayrische Justizministerin Beate Merk Bild: ddp

Bayerns Justizministerin Beate Merk entsprach dem Wunsch des Sports und richtete eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft ein. Das Ergebnis ist ernüchternd. Im F.A.Z.-Interview spricht sie über das Tempo der Betrüger, Unterstützung der Sportler und Ärzte.

          Beate Merk hat dem Wunsch des Sports entsprochen und eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft eingerichtet. Nach zwei Jahren bestätigt sich ihr Verdacht: Die Gesetze lassen eine konsequente Verfolgung nicht zu. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Beate Merk über das Tempo der Betrüger, Unterstützung der Sportler und namenlose Ärzte.

          Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) behauptet, mit seinen Maßnahmen im Kampf gegen Doping genügend zu tun. Wie beurteilen Sie diese Darstellung?

          Der DOSB setzt sich unter Führung von Thomas Bach ganz gezielt gegen Doping ein. Aber hinter die Netzwerke der Manipulation können nur die staatlichen Behörden schauen. Wer sie auflösen will, wird Hausdurchsuchungen, eine Überwachung der Telekommunikation, Beschlagnahmen durchsetzen müssen. Das sind ureigenste Werkzeuge der staatlichen Ermittlungen. Sie sind eine unvermeidliche Ergänzung zu den Maßnahmen des Sports gegen Doping.

          Der DOSB sagt aber, die Novellierung des Arzneimittelgesetzes reiche aus. Es fehle nur an der Bereitschaft der Staatsanwaltschaften, die gesetzlichen Möglichkeiten auszunutzen.

          Keineswegs. Meine Staatsanwälte stehen sozusagen Gewehr bei Fuß. Ich habe auch auf den Ratschlag von DOSB-Präsident Thomas Bach hin in München zum 1. März 2009 eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft eingerichtet. Die Staatsanwälte dort sind hochspezialisiert, bestens vernetzt und haben Dopingverstöße ganz gezielt im Auge. Und dennoch konnte die Schwerpunktstaatsanwaltschaft nicht in den Bereich des großen Sports vordringen, sondern hauptsächlich in der Bodybuilding-Szene aktiv werden. Dazu kamen Zufallsfunde.

          Der DOSB weist auf seiner Internet-Seite auf die Gefängnisstrafe für einen Dopingdealer in Bayern hin und auf den bislang größten Erfolg von Zollfahndern in Deutschland beim Aufspüren von Dopingmitteln. Es funktioniert also doch, wenn man will?

          Die Kritik meiner Staatsanwälte ist eindeutig: es fehlt ihnen an den notwendigen Instrumenten. So lautet ihr Fazit. Das ist kein Ergebnis vom grünen Tisch, sondern eines aus der Praxis. Ich habe das schon vor zwei Jahren vermutet und geäußert. Jetzt weiß ich es.

          Heißt das, dass man in Deutschland beim Kampf gegen Doping nur dann einen Schritt weiterkommt, wenn der Besitz von harten Dopingmitteln unter Strafe gestellt wird?

          Wenn ein Athlet zum Beispiel per positiver Probe als Doper überführt wird, besteht für den Staatsanwalt nach dem geltenden Gesetz noch kein ausreichender Verdacht, um gegen diesen Sportler ermitteln zu dürfen. Das ist ihm nur erlaubt, falls eine nicht unerhebliche Menge bestimmter Dopingmittel im Besitz des Athleten gefunden beziehungsweise vermutet wird. Etwa eine Menge Anabolika, mit der man Handel treiben kann. Wenn aber die Angabe des Sportlers, die gefundenen Substanzen dienten dem Eigengebrauch, plausibel erscheint, dann ist die Strafverfolgungsbehörde machtlos. Das kann es doch nicht sein. Meine Staatsanwälte bestätigen ganz klar, dass man so nicht arbeiten kann.

          Besteht die Gefahr, dass sich der Vorsprung der Doper vor den Fahndern noch vergrößert?

          Die Entwicklung im Sport zeigt, dass es bei der Bekämpfung von Doping notwendig ist, weitere Mittel einzusetzen. Der Sport allein kann mit dem Tempo der Betrüger, die immer raffinierter und skrupelloser werden, nicht Schritt halten. Es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass Medikamente als Dopingmittel eingesetzt werden, die noch gar nicht zugelassen sind; dass ganz gezielt Dopingsubstanzen produziert werden, für die noch kein Nachweisverfahren existiert. Dahinter stecken teilweise mafiöse Strukturen. Noch ist der Sport mit einem unwahrscheinlichen Renommee verbunden und so soll das bleiben. Aber dieser Ruf ist in Gefahr, falls wir nicht handeln. Ich habe eine sehr klare, konservative Einstellung zu diesem Thema.

          Nicht jeder im organisierten Sport sieht Ihr Engagement gerne.

          Ich bin für einen sauberen Sport und möchte gemeinsam mit dem Sport am selben Strang in die gleiche Richtung ziehen. Sitzen wir denn nicht alle im gleichen Boot? Allerdings wird mir vorgeworfen, dass mein Gesetzesvorschlag die Sportler kriminalisiere…

          Was bei der Einführung eines Straftatbestandes Doping nicht ganz abwegig ist, oder?

          Nein, das stimmt eben nicht. Ein Gesetz allein kriminalisiert niemanden. Erst schwerwiegende Verstöße führen zu einer Bestrafung. Darüber hinaus geht es auch gar nicht darum, den kleinen Sportler ins Gefängnis zu stecken. Er könnte auch im Zuge einer Kronzeugenregelung die Konsequenzen lindern, wenn er denn bei der Aufklärung hilft. Wir wollen die Leute erwischen, die viel Geld mit Manipulationen verdienen, die Doping im Hintergrund steuern und die Sportler dazu benutzen. Der Sport allein kann diese Arbeit aber nicht leisten. Er braucht dazu die Hilfe des Staates.

          Wird Ihr Gesetzentwurf jemals umgesetzt?

          Im Moment kann ich nur werben. Für politische Initiativen im formellen Sinn, also für eine Gesetzesinitiative in Berlin, reicht das nicht. Das weiß ich. Aber ich weiß auch, wie groß die Unterstützung für meinen Vorschlag ist. Sie kommt auch aus dem Sport, vor allem von Sportlern.

          Schadet die derzeitige Gesetzeslage den Sportlern?

          In gewissem Sinne glaube ich das schon. Der Sportler steht bei einem Dopingfall, wenn er denn bekannt wird, im Mittelpunkt. Das ist durchaus eine Folge der gegenwärtigen, unbefriedigenden Gesetzeslage. Es steht in der Regel immer nur der Athlet, das letzte Glied der Kette, am Pranger. Aber ist der Sportler immer der Haupttäter? Die anderen, Betreuer, Ärzte, die etwa bei einem Blutdoping mitgeholfen haben, bleiben meistens namenlos. Natürlich auch, weil der Sportler kein Interesse hat, sie zu benennen. Er ist aber der Schlüssel zu denjenigen, denen wir das Handwerk legen müssen. Deshalb ist eine strafrechtliche Verfolgung von Dopern unerlässlich, wenn wir in diesem Kampf einen Schritt weiter kommen wollen.

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