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Doping : Die ARD verklagt einen ihrer härtesten Kritiker

Reporter Boßdorf, Radsportler Ullrich: Gemeinsames Projekt Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Neun Rundfunkanstalten gegen einen prozeßgestählten Professor. Es ist ein Kampf der Schwergewichte um die Frage nach der Wahrheit. Sind die ARD und Sportkoordinator Hagen Boßdorf Komplizen der Doping-Mafia? Oder wird Werner Franke diesmal zum Schweigen gebracht?

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          Das wird ein Kampf der Schwergewichte werden: Neun Rundfunkanstalten plus ein Starmoderator gegen einen prozeßgestählten Professor.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Lügt das Erste? Sind der öffentlich-rechtliche Rundfunk und der ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf Komplizen der Doping-Mafia? Wird Werner Franke, der Rächer der Dopingopfer, diesmal zum Schweigen gebracht?

          Wer hat die Wahrheit für sich gepachtet?

          Der Professor aus Heidelberg hat einen sensationellen Kampfrekord: Elf Zivilprozesse wurden gegen ihn und seine Frau Brigitte Berendonk angestrengt - und in der Folge sind zehn Personen von der Gegenseite in Strafprozessen verurteilt worden, wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz etwa oder wegen Falschaussage vor Gericht. Heute nun der große Schlagabtausch vor dem Landgericht München. Es geht um den größten Titel von allen: Wer hat die Wahrheit für sich gepachtet?

          Die Wasserträger: Radsportübertragung mit Boßdorf, Zabel, Watterott
          Die Wasserträger: Radsportübertragung mit Boßdorf, Zabel, Watterott : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          So weit an dieser Stelle. Risiken und Nebenwirkungen des Dopings beschreibt der politische Teil dieser Zeitung; zu den juristischen Hintergründen und der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Realität der Manipulation mit verbotenen Mitteln wechseln Sie bitte das Ressort.

          „Das ist journalistische Korruption!“

          So würde der Ansatz der Berichterstattung aussehen, wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine Arbeitsteilung wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen betriebe: Hier wird getrommelt und Trara gemacht, und da drüben - da gibt es für den Ernst der Sache Talkshows und, für den äußersten Fall, politische Magazine. Sportredaktionen also sind Teil der Fernsehunterhaltung und haben mit lautstarker Promotion für Einschaltquoten und ein werbegerechtes Umfeld zu sorgen, in dem die Refinanzierung der teuren Sportrechte leichtfällt. Für kritischen Journalismus und alles andere, was dem Produkt "heile Welt im Sport" schaden könnte, gilt das Prinzip: Kollege kommt gleich.

          Werner Franke, Mikrobiologe am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg und Enthüller des staatlichen Dopings in der DDR, hat auch im ersten Fernsehprogramm oft und gern beschrieben, wie der Sport im Dopingsumpf steckt; rund hundert Interviews gewährte er nach seiner Schätzung Reportern und Talkmastern der verschiedenen ARD-Anstalten. Dabei arbeitete er mit Magazinen wie "Monitor" zusammen, das 1999 in einer dreißigminütigen Sondersendung schon im Titel deutlich machte: "Ohne Pillen kannst du nicht gewinnen - Das Doping und die Tour de France". Und warf "den Medien" in einer Talkshow des SWR während der Tour im Juli 2004 vor, sie sagten nicht die Wahrheit. Er konkretisierte: "Und besonders grotesk wird es, wenn Herr Hagen Boßdorf... durch ein Buch, durch ein gemeinsames Projekt... mit Herrn Jan Ullrich verbunden ist: Das ist journalistische Korruption!" Die Replik fiel ziemlich lahm aus. "Gut, das war jetzt die Medienschelte, die mußte kommen", sagte die Moderatorin. "Das wußten wir auch, als wir Sie eingeladen hatten."

          „An dieser systematischen Lügnerei beteiligt“

          Ausgerechnet ein Interview in der Regionalzeitung "Main-Post" aus Würzburg vom August des Folgejahres nahmen die Sender und ihr Sportkoordinator zum Anlaß, Franke auf Unterlassung zu verklagen und ein Ordnungsgeld von einer Viertelmillion Euro anzudrohen. Nun fiel ihnen auf, daß Franke den Radsport "ein komplett verseuchtes System" und "ein kriminelles Unternehmen" nannte, "welches die Bevölkerung angesichts der steten illegalen Verabreichung von Arzneimitteln und Drogen mit erheblicher krimineller Energie systematisch belügt".

          Die positiv gestimmte Übertragung von dieser Disziplin in den Sportsendungen der ARD nahm Franke zum Beleg dafür, daß die Bundesregierung "via ARD, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, durch Sportkoordinator Hagen Boßdorf... an dieser systematischen Lügnerei beteiligt ist".

          Legendär sind die täglichen Beschwichtigungen

          Die Auseinandersetzung geht buchstäblich in medias res. Denn tatsächlich ist das Erste nicht nur durch den Erwerb der Übertragungsrechte etwa der Tour de France in die Rolle des Promoters anstelle der journalistischen Instanz geschlüpft. Das Erste war darüber hinaus auch noch, ausgerechnet vom Skandaljahr der Tour 1998 an, Trikotsponsor des Teams Deutsche Telekom, später: T-Mobile, und hatte damit auch das Privileg erworben, daß seinen Reportern noch im Ziel die Herren Ullrich, Zabel, Aldag und Bölts, außer Atem und verschwitzt, partnerschaftlich zum Interview zugeführt wurden. Da verkneift man sich schon mal kritische Anmerkungen und harte Fragen.

          Legendär sind die täglichen Beschwichtigungen des damaligen Tour-Reporters Jürgen Emig - er ist längst aus anderen Gründen als seiner Radberichterstattung aus dem Geschäft ausgeschieden -, es gebe Doping-Gerüchte, aber keine Beweise. Da waren schon die ersten Kuriere und Fahrer festgenommen worden. Und als vier Jahre später Jan Ullrich in der Rehabilitation positiv getestet wurde, beharrte Boßdorf noch zwei Tage vor dem Geständnis, das der Radprofi vor Fernsehkameras ablegte, darauf: "Sagt die Telekom, es gibt keinen Dopingfall, dann gibt es auch keinen Dopingfall für die ARD."

          Notorische Kumpanei zwischen Reportern und Rekordlern

          Das Fernsehen macht geltend, daß Franke den "sachlich unzutreffenden Vorwurf rechtswidrigen Verhaltens" erhebe, nämlich die "offensive Mißachtung des Rundfunkstaatsvertrages" "durch zur Berichterstattung berufene Funktionsträger". Das ist in der Tat zu bedenken, wenn öffentlich-rechtliches Fernsehen Übertragungsrechte nicht nur nutzt, sondern auch als Produkt schützt.

          Im Sportjournalismus, notorisch für die Kumpanei zwischen Reportern und Rekordlern, hat sich auch deshalb eine tiefe Spaltung entwickelt. Allen Ernstes diskutierten die Gründer eines Sportnetzwerkes darüber, ob sie nicht prinzipiell Fernsehleute von der Mitwirkung in ihrem Kreis ausschließen sollen.

          „Schon die Römer nicht durchgelassen“

          Die ARD beruft sich darauf, in Magazinen und Talkshows - beispielhaft mit dem Doping-"Monitor" zum Auftakt der Tour 1999 - kritisch berichtet zu haben. Für Franke ist diese Zweiteilung in jubelnde Sportredaktion und kritische Magazinredaktion ein Fall von "tiefgehender Schizophrenie".

          Darüber hinaus sieht der streitbare Naturwissenschaftler und Gelegenheitskabarettist Franke in der Klage den Versuch, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Weil ihm seinerzeit in erster Instanz verboten wurde, (im Westen) aus der in der DDR als geheim eingestuften Doping-Dissertation eines geflüchteten Sportwissenschaftlers öffentlich zu zitieren, will er auch diesmal Etappensiege gar nicht erwarten. Wenn nötig, kündigt er an, werde er bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen, um recht zu erhalten. Was seinen Kampfesmut angeht, scheut der Wissenschaftler auch große historische Vergleiche nicht. "Ich bin Ostwestfale", sagte er in einem Interview. "Wir haben schon neun nach Christus die Römer nicht durchgelassen."

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