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Doping : „Der BDR ist kläglich gescheitert“

  • -Aktualisiert am

Thomas Bach: „Werden nicht warten, was aus einem einzelnen Verband kommt” Bild: AP

Um endlich Licht in brisante Fälle wie den des Olympia-Arztes Georg Huber zu bringen, setzt der DOSB eine Kommission zur Doping-Aufarbeitung ein. Sie soll vor allem ermitteln, wie systematisch die Versorgung mit Dopingmitteln im westdeutschen Radsport war.

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          Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird nach dem Doping-Geständnis des früheren Bahnfahrers Robert Lechner und den neuen Doping-Vorwürfen gegen den früheren Olympiaarzt Georg Huber eine Kommission zur Aufarbeitung von Manipulationen mit unerlaubten Mitteln einsetzen: „Die Kommission soll sich – ähnlich der Stasi-Kommission des DOSB – mit möglichen Verstrickungen von Funktionsträgern des Sports in Dopingfälle beschäftigen“, sagte DOSB-Präsident Thomas Bach am Samstag auf Anfrage: „Das Gremium wird aus sachverständigen Personen bestehen und dem DOSB einen Rat geben, wie mit Betroffenen umzugehen ist. Wir wollen sicherstellen, dass verstrickte Personen nicht in leitende Funktionen rund um die Olympiamannschaften kommen oder in den Verbänden an entsprechenden Positionen arbeiten.“

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Laut Bach sollen die Namen der Mitglieder – nach dem grundsätzlichen Beschluss im Januar – nach der nächsten Präsidiumssitzung des DOSB am 11. März bekanntgegeben werden. Die Kommission sei dann sofort einsatzfähig. Der Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Peter Danckert (SPD), reagierte auf die Ankündigung verhalten: „Alles, was zur Aufklärung beiträgt und keine Alibiveranstaltung ist, unterstützte ich. Allerdings müssen die Strukturen wenigstens in der Theorie handfeste Ergebnisse erwarten lassen. Ich bin aber skeptisch.“

          „Eigene Erkenntnisquellen erschließen“

          Der DOSB will mit seinem Schritt offensichtlich die Klärung der Verstrickungen nicht den Fachverbänden überlassen. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hatte nach den erzwungenen Geständnissen deutscher Radprofis im Mai vergangenen Jahres eine restriktive Aufarbeitung angekündigt. Drei Experten der Kommission traten im Herbst zurück, weil sie sich von BDR-Präsident Rudolf Scharping nicht angemessen unterstützt fühlten. Nachfolger benannte der Verband bislang nicht. „Es ist kein Geheimnis“, sagte Bach, „dass ich mir die Umsetzung der Ankündigungen des BDR wünsche. (. . .) Wir können das zwar nicht per ordre de Mufti anordnen. Aber wir werden eigene Erkenntnisquellen erschließen und nicht warten, was aus einem einzelnen Verband kommt.“ Der DOSB hat Lechner zu einem Gespräch eingeladen.

          Lechner, Bronzemedaillengewinner im Zeitfahren über 1000 Meter bei den Olympischen 1988 in Seoul, hatte die Einnahme des Testosterons Andriol und des Anabolikums Stromba sowie von Cortison (Urbason) aus freien Stücken beschrieben. Dabei schilderte er, wie ihm als Kader-Athlet im BDR zunächst nicht verbotene Präparate und dann, quasi im fließenden Übergang, Doping-Mittel verabreicht wurden. Andriol, Stromba und Urbason soll er vom damaligen Verbandsarzt Georg Huber erhalten haben.

          Lebenslang für Olympische Spiele gesperrt

          Der seit Samstag pensionierte Mediziner der Universitätsklinik Freiburg war vom DOSB bereits im vergangenen Jahr lebenslang für Olympische Spiele gesperrt worden. Er hatte im Mai 2007 zugeben müssen, zwei U-23-Radfahrer des BDR in den 80er Jahren mit Andriol versorgt zu haben. Zu den neuen Vorwürfen wollte sich Huber gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nicht äußern. Vor der Freiburger Untersuchungskommission hatte Huber nur die bis dahin bekannte Verfehlung erwähnt.

          Der Jurist Danckert wertete das Geständnis von Lechner als „beispielhaft, mutig und bemerkenswert. Warum sollte er was Falsches bezeugen in Bezug auf Huber? Es gibt genügend Anhaltspunkte für erhebliche Verstrickungen von Ärzten und anderen ins Dopinggeschehen. Man muss massiv nachforschen. Alles, was der BDR dazu versucht hat, ist kläglich gescheitert.“

          Systematische Versorgung mit Dopingmitteln?

          Lechner hatte berichtet, weder um Dopingsubstanzen gebeten noch entsprechende Andeutungen gemacht zu haben. Auf die Frage, ob man nun auch bei den Amateuren des BDR in der Generation Lechner oder darüber hinaus auf eine systematische Versorgung mit Dopingmitteln schließen müsse, sagte DOSB-Chef Bach: „Genau das wollen wir herausfinden.“ Danckert glaubt auch an der Schilderung Lechners erkennen zu können, dass „das Netzwerk sehr viel weiter reicht. Man darf wohl anhand der Indizien unterstellen, dass sich einer der offiziellen Olympiaärzte über Jahre, vielleicht Jahrzehnte in diesem Bereich bewegt hat. Das ist ja kein Kurpfuscher aus Hintertupfingen gewesen, sondern jemand, der an der Front war.“

          Indizien für eine Manipulationssystematik auch im westdeutschen Sport hat der Heidelberger Pädagoge Gerhard Treutlein gesammelt und ausgewertet: „Wir haben seriöse und dezidierte Hinweise aus der Leichtathletik. Die Situation ist teilweise seit Jahrzehnten bekannt“, sagte der Gründer der Zentrale für Dopingprävention an der PH Heidelberg. Da der Aufarbeitungselan der Verbände nach großen Ankündigungen in der Regel ohne weiter Konsequenzen verpuffte, traut Treutlein der proklamierten Selbstreinigungskraft der Verbände nicht: „Sie stecken in einem Dilemma. Wie sollen sie die Umstände anprangern, die für die Leistung, für Medaillen und letztlich für die Fördermittel verantwortlich sind?“

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