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Doping : Betrug am Berg

Der 70 Jahre alte Japaner Arayama besteigt den Mount Everest - mit Sauerstofflasche Bild: AP

Diamox, Epo und Viagra: Gäbe es Dopingkontrollen für Alpinisten, die Fahnder würden wohl fündig werden. Das glaubt auch Reinhold Messner, der das rechtsfreie Metier Höhenbergsteigen für „eine anarchische Angelegenheit“ hält.

          Das Höhenbergsteigen ist ein weitgehend rechtsfreies Metier, „eine anarchische Angelegenheit“, wie Reinhold Messner sagt. Auf mehr als 8000 Metern gibt es keine Imperative und keine Gesetze - außer die der Natur und des eigenen Körpers.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Demnach gibt es auch keine Gesetzeshüter, die aufdecken oder ahnden könnten, wenn jemand Dopingpräparate nimmt. Der Deutsche Alpenverein macht zwar seit zehn Jahren regelmäßig Kontrollen, allerdings ausschließlich bei Wettkampfkletterern. Von den etwa hundert Proben, die bislang genommen wurden, waren zwei positiv - wegen des wiederholten Haschischkonsums einer Athletin.

          Wettbewerbsvorteile gegenüber den Konkurrenten

          Unter Doping versteht man die Anwendung unerlaubter medizinischer Methoden und die Einnahme verbotener Substanzen zur Leistungssteigerung im Sport. Das Verbot der Substanzen gründet vor allem auf der Annahme, ein Athlet wolle sich durch deren Einnahme Wettbewerbsvorteile gegenüber den Konkurrenten verschaffen.

          Ob man vom Bergsteigen als einem sportlichen Wettkampf sprechen kann, ist allerdings fraglich. Reinhold Messner, der mehr als hundert Erstbegehungen in seinem Gipfelbuch stehen hat und der erste war, der alle 14 Achttausender bestiegen hatte, sagt: „Nein - und wenn, dann allenfalls in einem spielerischen Sinn.“

          Der Abstieg war desaströs

          Zumindest für die fünfziger und sechziger Jahre, die Zeit des Eroberungsbergsteigens, trifft das nicht zu. Damals, als der Imperialismus auf den Bergen eine Renaissance feierte, war das Bergsteigen ein erbitterter Wettkampf. Um die höchsten Gipfel der Erde zu besteigen und damit Weltruhm zu erlangen, war beinahe jedes Mittel recht.

          Die ersten, die auf dem Gipfel eines Achttausenders standen, waren am 3. Juni 1950 die Franzosen Maurice Herzog und Louis Lachenal. Der Aufstieg auf die 8091 Meter hohe Annapurna muß hart, der Abstieg desaströs gewesen sein.

          „Am Gipfel mehr oder weniger plemplem“

          In seinem Buch „Annapurna, erster Achttausender“ schreibt Herzog, der später unter Charles de Gaulle zu Ministerehren kam, wie sich Hautfetzen von seinen erfrorenen schwarzen Händen lösten und der Expeditionsarzt Jacques Oudot nach und nach die Glieder seiner Finger amputieren mußte.

          Oudot war auch für den umfangreichen Medikationsplan der Seilschaft zuständig: Vitamintabletten, Schlafmittel, Aspirin und - Aufputschmittel. „Herzog und Lachenal waren wegen der Medikamente am Gipfel mehr oder weniger plemplem“, sagt Messner. „Daß sie nach unten gekommen sind, kommt einem Wunder gleich.“

          Pervitin, ein Amphetamin der Wehrmacht

          Auch 1953, beim Alleingang des Tiroler Eigenbrötlers Hermann Buhl auf den gefürchteten Nanga Parbat, an dem zuvor berühmte Bergsteiger wie Willy Merkl oder Sigi Löw tödlich verunglückt waren, spielte ein Arzt eine maßgebliche Rolle: Karl Maria Herrligkoffer, der die Seilschaft zusammengestellt hatte, stand in der Szene im Ruf, alles dafür zu tun, daß seine Leute den Gipfel erreichen.

          Zur Grundausstattung von Herrligkoffers Rucksackapotheke gehörte Pervitin, ein Amphetamin, das die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg als Wachhalter für sich entdeckt hatte. „Ich erinnere mich an das Pervitin“, schreibt Buhl in seinem Expeditionsbericht.

          „Es ist verlockend, würde mir wieder neue Kraft geben, neuen Auftrieb, doch nein, die Wirkung hält nur sechs bis sieben Stunden an, dann ist's vorbei, dann tritt die Reaktion ein, und die könnte böse Folgen haben.“ Schließlich nimmt er zwei Tabletten, erreicht den Gipfel - und schafft es gerade noch nach unten.

          „Mit erbärmlichen Ausrüstung in völliges Neuland“

          Herzog, Lachenal und Buhl waren bewunderte Pioniere auf ihrem Gebiet. „Denen verzeihe ich, wenn sie was genommen haben“, sagt der Südtiroler Hans Kammerlander, der ohne künstlichen Sauerstoff 13 von 14 Achttausendern bestiegen hat - sieben gemeinsam mit Messner - und 1996 mit den Skiern vom Gipfel des Mount Everest ins Tal abgefahren ist.

          „Die haben sich mit einer erbärmlichen Ausrüstung in völliges Neuland vorgewagt.“ Thomas Urban, Dopingfachmann des Deutschen Alpenvereins, sieht das genauso. Im übrigen, sagt er, hätten Buhl und Herzog damals mit dem Begriff Doping noch gar nichts anfangen können.

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