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Doping bei der Tour? : Erst zehn, jetzt zwanzig im Visier

  • -Aktualisiert am

Und immer wieder der Blick zurück: die Tour und ihre Dopingprobleme Bild: REUTERS

Bei der Tour wächst wieder das Gefühl der Beklemmung: bei Blutkontrollen vor der Rundfahrt hat es Unregelmäßigkeiten gegeben. Zwanzig Fahrer seien mit „Ergebnissen am Grenzwert“ aufgefallen.

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          Erst hatte das Peloton noch über Kim Kirchen diskutiert, über seine Kollision mit dem bis dahin führenden Nürtinger Stefan Schumacher, über den ungewöhnlichen Weg also des Luxemburgers aus dem amerikanischen Team Columbia zum Gelben Trikot bei der Tour de France. Ein bisschen später, am Donnerstag abend, dürfte dieses Thema bei einigen Mannschaften zumindest nur noch nebensächlich gewesen sein.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Da nämlich übermittelten die französischen Dopingfahnder heikle Nachrichten: Sie informierten nach Angaben der französischen Tageszeitung „Le Monde“ angeblich zehn Fahrer darüber, dass bei ihnen bei Blutkontrollen unmittelbar vor der Tour de France Unregelmäßigkeiten festgestellt worden waren, ein Sprecher der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD) sprach später von 20 Fahrern mit „Ergebnissen am Grenzwert“. Bei den betroffenen Profis sollen nun gezielte Dopingtests während der Tour de France vorgenommen werden – sie stehen im Visier der Dopingjäger.

          Die Erkenntnisse nähren den allgegenwärtigen Verdacht

          Noch liegt nichts Handfestes vor, noch ist bei dieser Frankreich-Rundfahrt kein Profi der Leistungsmanipulation überführt worden. Und noch sind auch die Namen der Rennfahrer nicht bekannt, die auffällige Blutwerte vorweisen sollen.

          Von „Unregelmäßigkeiten” berichtet „Le Monde”

          Gleichwohl nähren die vorläufigen Erkenntnisse der AFLD den Verdacht, dass auch bei dieser Tour manches nicht mit rechten Dingen zugeht. Und dass der Radsport weiterhin wird hinnehmen müssen, dass ihm Argwohn und Misstrauen in beträchtlichem Maß entgegenschlagen.

          Der „Blutpass“ wird den Tourorganisatoren nicht zur Verfügung gestellt

          Alle 180 Tour-Starter waren von der AFLD am 3. und 4. Juli untersucht worden; die Tour hatte am 5. Juli in Brest begonnen. Nach dem Bruch des Tour-Veranstalters, der Amaury Sport Organisation (Aso), mit dem Internationalen Radsportverband (UCI) sind der französische Radsportverband und die AFLD für die Anti-Doping-Maßnahmen bei der Tour 2008 zuständig.

          Die Ergebnisse ihrer aktuellen Ermittlungen sollen die Franzosen, die bei der Tour auch möglichen Wachstumshormon-Missbrauch erforschen wollen, nun trotz des Zwistes mit der UCI an den internationalen Verband weitergeleitet haben. AFLD-Chef Pierre Bordry will aber noch in einem Schreiben an UCI-Präsident Pat McQuaid seinen Unmut darüber ausdrücken, dass die biologischen Daten der Radprofis, die von der UCI neuerdings in dem so genannten „Blutpass“ erfasst werden, der Tour nicht zur Verfügung gestellt wurden.

          Molekularbiologe Franke sieht „öffentlichen Volksbetrug“

          Möglicherweise also gehen die Franzosen im Kampf gegen Doping doch konsequenter vor, als mancher Kritiker das glauben mag. Gerade erst hat der Heidelberger Anti-Doping-Aktivist Werner Franke die Wirksamkeit der Kontrollen bei der Tour de France wieder bezweifelt. Das sei „öffentlicher Volksbetrug“, behauptete der Molekularbiologe.

          Franke wies darauf hin, dass es viele Möglichkeiten für die Radprofis gebe, die Kontrollen zu umgehen. Außerdem würden sie von ihren Teamärzten so betreut werden, dass sie nicht auffielen. „Nur Dumme oder nicht fachmännisch betreute Doper können überhaupt noch erwischt werden“, sagte Franke. Die „große Mehrzahl“ der Tour-Teilnehmer, vermutet Franke, würde auf unerlaubte Mittel zurückgreifen.

          Valverde hat vorerst nichts zu befürchten

          Im Zwielicht steht seit längerem auch der Spanier Alejandro Valverde, der am Donnerstag die sechste Tour-Etappe als Zweiter hinter dem Italiener Riccardo Ricco beendet hatte. Valverde, der neben dem Australier Cadel Evans als großer Tour-Favorit gehandelt wird, soll sich des spanischen Dopingnetzwerkes um den Arzt Eufemiano Fuentes bedient haben – vorerst jedoch hat der Spanier keine Sanktionen zu befürchten.

          Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) teilte am Freitag mit, dass das Verfahren gegen den Radprofi für eine Dauer „von maximal sechs Monaten“ unterbrochen worden sei. Den spanischen Behörden solle Zeit gegeben werden, auf eine CAS-Anfrage zu antworten.

          Es könnte wieder eine Tour der Affären werden

          Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und auch die UCI hatten moniert, dass der spanische Verband gegen Valverde kein Doping-Verfahren eröffnet hat. Die Spanier sollen im Besitz eines Blutbeutels sein, der Valverde zugeordnet wird; er wurde bei Fuentes gefunden. Im vergangenen Herbst hatte der CAS entschieden, dass der Kapitän des Rennstalles Caisse d‘Epargne bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart dabei sein dürfe – die UCI hatte ihn dort nicht fahren lassen wollen. Allerdings gilt als unwahrscheinlich, dass die Spanier den Fall Valverde nun tatsächlich aufgreifen und gegen ihren „Volkshelden“ vorgehen werden.

          Dass der schlecht beleumundete Profi in diesem Jahr zur Tour zugelassen wurde, stößt bei manchem auf großes Unverständnis. „Ich habe schriftliche Unterlagen darüber, dass er zig Mal gedopt hat“, sagte Franke. Er will auch wissen, wieviel Geld der Spanier, Sieger der ersten Etappe der Tour in Plumelec, dafür investiert hat. „Keiner weiß, warum er weiterfahren durfte.“ Trotz Valverdes Anwesenheit herrschte bisher relative Ruhe bei der 95. Tour, doch sie könnte trügerisch gewesen sein. Seit Freitag jedenfalls, seit der Offenbarung der AFLD wächst das Gefühl der Beklemmung wieder. Womöglich wird es wieder eine Tour der Affären werden.

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