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Doping : Auch der Tour-Dritte Kohl positiv getestet

Bernhard Kohl gewann die Bergwertung Tour de France Bild: REUTERS

Der Nächste bitte! Nun ist auch der Österreicher Bernhard Kohl des Dopings überführt. Der Sieger der Bergwertung der diesjährigen Tour de France hat wie Stefan Schumacher das Epo-Präparat Cera gespritzt. „Ich kapituliere vor dieser kriminellen Energie“, sagte Gerolsteiner-Teamchef Holczer.

          Immer wieder Doping, immer wieder Cera: Der Radsport schlittert von Affäre zu Affäre - und das Team Gerolsteiner steckt mittendrin. Nachdem bereits Stefan Schumacher als Dopingsünder enttarnt worden ist, wurde jetzt offenbar auch Bernhard Kohl der Einnahme des Epo-Produktes Cera überführt. Nach Angaben der französischen Zeitung „L'Equipe“ liegt eine positive A-Probe Kohls von der Tour de France vor.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Der Österreicher hatte wie Schumacher bei der Tour im vergangenen Juli durch verblüffende Leistungen auf sich aufmerksam gemacht. Er gewann die Bergwertung der Frankreich-Rundfahrt und wurde Dritter des Gesamtklassements - es war ein äußerst erstaunlicher Aufstieg, der umgehend Zweifel geweckt hatte. Kohl hatte vor einiger Zeit einen Vertrag bei der belgischen Equipe Silence-Lotto unterschrieben; seine Karriere dürfte nun jedoch durch die nachträglichen Untersuchungen der französischen Anti-Doping-Agentur einen jähen Knick erhalten.

          Holczer: „Ich kapituliere“

          Hans-Michael Holczer, der Chef des Teams Gerolsteiner, bestätigte am Montagabend den Dopingverdacht gegen Kohl. Der Rennfahrer habe ihn angerufen, sagte Holczer. Der Schwabe kündigte juristische Schritte gegen den Österreicher an. Er hat dies bereits im Fall Schumacher getan. Holczer will den Nürtinger „bis zum letzten Cent“ verklagen. Kohl war am Montag nicht zu erreichen, sein Manager Stefan Matschiner allerdings sagte zu den neuen Entwicklungen: „Bernhard hat ein Kuvert bekommen, der Inhalt war französisch. Das müssen wir erst übersetzen.“ Zu weiteren Stellungnahmen war er nicht bereit.

          Holczer, dessen Team den Betrieb zum Saisonende einstellen wird, will sich nun ganz aus dem Radsport zurückziehen. „Ich bin unendlich traurig“, behauptete er. „Das zeigt die ganze Macht- und Hilflosigkeit. Für mich ist es an der Zeit, mich zu verabschieden. Ich kapituliere vor dieser kriminellen Energie.“ Das Team Gerolsteiner will deswegen auch nicht bei der Lombardei-Rundfahrt am kommenden Samstag starten.

          „Der Radsport in Deutschland hat keine Chance“

          Ähnlich hatte Holczer sich schon am Sonntag abend geäußert. Er sei mit seiner klaren, offenen Haltung in Sachen Doping ein Stück weit gescheitert, sagte er - „gescheitert an einem Stefan Schumacher“. Holczer sagte dies in der SWR-Fernsehsendung „Sport im Dritten“. Er lieferte sich dabei ein Streitgespräch mit Patrik Sinkewitz, dem Doping-Kronzeugen aus Hessen. Die beiden Kombattanten schenkten sich nichts, Holczer und Sinkewitz gingen mit schwerem Geschütz aufeinander los. Dabei zeigte sich nicht nur, wie tief der Graben zwischen beiden ist. Der Auftritt von Holczer und Sinkewitz vermittelte außerdem ein sehr düsteres Bild des deutschen Radsports. Eine Branche ohne jede Perspektive mittlerweile? Holczer sagte jedenfalls: „Der Radsport in Deutschland hat keine Chance.“

          Der Schwabe Holczer gilt als ein Wortführer der Anti-Doping-Aktivisten, er wies am Sonntag wieder darauf hin. „Ich habe jahrelang gegen das Tun gekämpft, das ihr an den Tag gelegt habt“, sagte er. Das zielte auf den ihm gegenüber sitzenden Sinkewitz, das bezog Holczer aber auch auf Schumacher, den nächsten gefallenen deutschen Radprofi - und er wird es nun auch auf Kohl münzen.

          „Zum Dopen motiviert“

          Sinkewitz hingegen versuchte, Holczer ins Zwielicht rücken. Er hielt ihm vor, dass der Fall Schumacher beispielsweise ihn keineswegs habe überraschen können. Tags darauf verschärfte er seine Aussage sogar. „So ein Holczer“, sagte Sinkewitz, „hat die Leute ja im Grunde genommen zum Dopen motiviert. Er hält alles so lange unter der Decke, bis es nicht mehr geht.“ Holczer hatte während der Sendung am Sonntag auch aus einem Brief vorgelesen, den er vom Vater von Sinkewitz erhalten hatte - darin wird der Teameigner ebenfalls hart attackiert. In dem Schreiben hieß es unter anderem: „Sollte mein Sohn bis Ende 2008 wegen irgendwelcher fadenscheiniger Einwände keinen Vertrag bei einem Team erhalten, können Sie davon ausgehen, dass Ihnen Ihr Heiligenschein genommen wird“. Er werde, so Sinkewitz senior, eine Lawine lostreten, sollte Holczer ihm nicht antworten. Angeblich sollen diese Bemerkungen, die Holczer erpresserisch nannte, inzwischen zurückgenommen worden sein.

          Patrik Sinkewitz, der tatsächlich noch keine neue Mannschaft gefunden hat, sagte am Montag zu dem Papier, dass Holczer damit eines vermittelt werden sollte: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.“ Er betrachtet Holczers Rolle im Radsport sehr kritisch, er sagt beispielsweise über dessen Rennstall: „In seinen Führungspositionen sind absolut dopingverseuchte Leute.“ Holczer benutzte ebenfalls harsche Formulierungen, um sich zu verteidigen. „Mit welcher Berechtigung sitzt eigentlich ein Patrik Sinkewitz hier, der jahrelang beschissen hat?“ Er habe sich in der Sache Schumacher nichts vorzuwerfen. „Was war an mir betriebsblind? Da kommt nichts auf den Tisch, was für mich unangenehm ist.“ Er werde sich nichts gefallen lassen, sagte Holczer am Montag. Das gilt auch für seinen Widersacher Sinkewitz, der generell von einer wachsender Scheinheiligkeit im Radsport spricht: „Es geht um die Kohle, nicht um die Ethik.“ Die jüngsten Enthüllungen scheinen das zu belegen.

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