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Doping : Armstrongs Zeugin unter Meineids-Druck

  • -Aktualisiert am

Für Armstrong war die Tour 2010 eine Qual, nun kämpft er wieder um seine Reputation Bild: ASSOCIATED PRESS

Die zwei Wahrheiten seiner Brillen-Promoterin Stephanie McIlvain könnten für Lance Armstrong zum Problem werden. Denn längst geht es nicht mehr um den klassischen Anti-Doping-Kampf, sondern um den Nachweis einer bandenartigen Dopingaktivität.

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          Wenn die Anwälte von Lance Armstrong in diesen Tagen die Arbeit der Ermittlungsbehörden kommentieren, legen sie eine gute Portion Arroganz an den Tag. Als vor zwei Tagen bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft Los Angeles Stephanie McIlvain als Zeugin vorgeladen hat, nörgelte einer der Advokaten: Das sei die „abgestandenste von allen abgestandenen Nachrichten, die aus dieser Untersuchung bisher hervorgegangen sind“. Tatsächlich hat die Kontaktperson des siebenfachen Tour-de-France-Siegers bei seinem Werbepartner, dem Brillenhersteller Oakley, sich schon vor fünf Jahren im Rahmen einer Aussage zu Armstrongs Gunsten geäußert. Trotzdem ist die Sache brisant: Sie könnte sich dabei in einen Meineid verstrickt haben.

          Gut möglich, dass die Anwälte die Bedeutung der Tonbandaufzeichnung eines Telefonats zwischen McIlvain und dem ehemaligen Radprofi Greg LeMond nur herunterspielen, die im Internet leicht zu finden ist. Jeder kann sich den Mitschnitt aufrufen und anhören, wie sie im Juli 2004 LeMond gegenüber zugibt, dass sie während der Krebsbehandlung von Armstrong 1996 im Krankenhaus dabei war, als der einem Arzt verriet, welche Dopingmittel er bis dahin in seiner Karriere genommen hatte: Anabolika, Testosteron, Cortison, Wachstumshormon und Epo. „Ich war in dem Zimmer. Ich habe es gehört. Ich werde ganz bestimmt nicht lügen, wenn ich vorgeladen werde.“

          Die Sache kann für Armstrong heikel werden

          McIlvains Problem: Sie hat 2005 in einem Schiedsgerichtsverfahren zwischen Armstrong und der texanischen Firma SCA Promotions unter Eid genau das Gegenteil gesagt. SCA hat sich auf die Risikoversicherung von exorbitanten Geldpreisen im Sportbereich spezialisiert und verweigerte damals die Ausschüttung einer Prämie von 4,5 Millionen Dollar. Die Sache kann nun auch für Armstrong heikel werden. Denn aus Angst vor einer Verurteilung wegen Meineids haben schon manche Informanten ihre Aussage korrigiert. Zumal es für das Doping-Geständnis an jenem Tag im Hospital in Indiana weitere Ohrenzeugen gibt: Armstrongs einstigen Teamgefährten Frankie Andreu und seine Ehefrau Betsy.

          Umstrittene Helden Lemond und Armstrong: Anabolika, Testosteron, Cortison, Wachstumshormon und Epo

          Ob der LeMond-Mitschnitt vor Gericht als Beweismittel zugelassen würde, steht allerdings nicht fest. Laut kalifornischem Strafrecht verstößt es gegen das Gesetz, Telefongespräche aufzuzeichnen, wenn eine der beiden Parteien nichts davon weiß oder einen Mitschnitt abgelehnt hat. Armstrongs Rechtsanwalt Mark Fabiani erklärte denn auch LeMonds Aufnahme für „illegal“. Sie sei „ein weiterer seiner erbärmlichen Versuche, einen alten Radfahrer-Groll aufleben zu lassen“.

          Novitzky brachte schon Marion Jones ins Gefängnis

          Solche Totschlag-Argumente gehören zu Armstrongs Repertoire, seit ihm Verstöße gegen das Doping-Reglement vorgeworfen werden. So verteidigte er sich 2005, als die französische Zeitung „L'Equipe“ die im offiziellen Labor nachgetesteten B-Proben von der Tour de France aus dem Jahr 1999 entschlüsselte und ihm den Einsatz von Epo nachwies, mit formalen Pauschalangriffen gegen die Arbeit der Chemiker und die Rechercheleistung der Sportzeitung.

          Eine derartige Taktik wird ihm in dem aktuellen Verfahren, das durch die Enthüllungen von Floyd Landis im Frühjahr losgetreten wurde, nicht viel nützen. Zumal die französische Anti-Doping-Agentur mitteilte, dass sie die Arbeit von Chefermittler Jeff Novitzky aktiv unterstützen will. Sie ist bereit, die fraglichen B-Proben zur Verfügung zu stellen oder neu testen zu lassen, sollte aus den Vereinigten Staaten eine offizielle Anfrage eintreffen. Pierre Bordry, Chef der Agentur, ist von Novitzkys Erfolgen beeindruckt. Der Ermittler brachte im Rahmen des Balco-Skandals die Dopingsünderin Marion Jones ins Gefängnis. „Sie können uns um alles bitten. Wir werden das machen.“

          Systematische Rechtsverstöße und bandenartige Dopingaktivität

          Die neuen Entwicklungen zeigen, dass das Kernproblem für Lance Armstrong in diesem Verfahren nicht länger der klassische Kampf gegen die Doping-Detektive ist, denen kluge Sportler schnell mal ein Schnippchen schlagen können. Ähnlich wie im Fall Balco geht es vielmehr darum, ein ganzes Netz aus Regelverstößen und permanentem Sportbetrug nachzuweisen. Um solche systematischen Rechtsverstöße wie Steuerhinterziehung und eine bandenartige Dopingaktivität zum Nachteil von Konkurrenten und Sponsoren zu dokumentieren, braucht es Laborbeweise allenfalls als Teil einer Indizienkette.

          Die eigentliche Frage lässt sich für die Geschworenen in einem Prozess anhand von Zeugenaussagen auch ohne chemische Befunde beurteilen. Besonders mit solchen Zeugen, deren Angst vor den Konsequenzen eventueller Falschaussagen größer ist als die Furcht vor der Rache eines der mächtigsten Sportheroen Amerikas, der sich zudem einen Namen als unermüdlicher Förderer der Krebsforschung gemacht hat. Vor der Staatsanwaltschaft haben mittlerweile schon mehrere ehemalige Mitstreiter Armstrongs ausgesagt. Darunter auch Tyler Hamilton, der nach seiner Zeit im US Postal Service Team mit Blutdoping erwischt wurde.

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