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Dokumentarfilm : Der Mann, der Abfahrts-Weltmeisterin war

Aus Erika... Bild: Sozei

Die junge Frau hieß Erika Schinegger. Sie gewann Gold für Österreich in der Abfahrt. Vieles deutet darauf hin, daß genau das der Grund war, warum niemand bemerkt haben will, daß sie in Wahrheit ein Mann ist.

          4 Min.

          Die junge Frau auf den Videoaufnahmen wirkt stämmig, burschikos, mit wild abstehenden dunklen Locken. Sie lacht oft, blinzelt gut gelaunt in die Sonne, gibt munter Interviews. Ihre Gesichtszüge sind auffallend kantig, fast jungenhaft, die Stimme klingt dunkel. Die Aufnahmen stammen aus Portillo (Chile), von der alpinen Ski-WM 1966. Die junge Frau, um die sich alle drängen und die so maskulin anmutet, heißt Erika Schinegger. Sie hat Gold für Österreich gewonnen, in der Abfahrt, vor der französischen Ski-Legende Marielle Goitschel, und vieles deutet darauf hin, daß genau das der Grund war, warum niemand im Österreichischen Skiverband (ÖSV), kein Arzt, kein Trainer, keine Teamkollegin und auch Erika Schinegger selbst nicht bemerkt haben will, daß sie in Wahrheit ein Mann ist.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Erika Schinegger wurde mit unklar ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen geboren. Die Hebamme bestimmte sie als Mädchen, und fortan wurde sie als solches auf dem elterlichen Hof in St. Urban in Kärnten erzogen. Auf den Skiern fuhr sie schon früh den Jungs im Dorf davon, Jahre später galt das auch für die Kolleginnen im Nationalteam. Manchmal ließ sie in Trainingsläufen gar die großen ÖSV-Herren hinter sich - einmal auch Karl Schranz. "Wer mich in einer Abfahrt abhängt", grantelte Schranz daraufhin, "der kann kein Weiberleut' sein." Wer es gehört hatte, buchte es unter Frust und verletztem Stolz ab.

          Neue Hoffnungsträgerin

          Denn: Erika Schinegger war die neue Ski-Hoffnung des ÖSV. Das, so vermutet der Filmregisseur Kurt Mayer, sei ausschlaggebend gewesen, daß der ungewöhnlich kräftige Körperbau niemanden im Verband so recht stutzig gemacht hat. "Es wäre absurd, anzunehmen, daß man nicht gewußt hat, daß da etwas nicht stimmt", glaubt Mayer. "Als Skifunktionär, dem eine Person gegenübertritt, die den anderen Mädchen um vier Sekunden voraus ist, ist mir das sehr recht, daß diese Person Erika heißt und in meinem Damenkader ist."

          ...wird Erik Schinegger

          Der Österreicher Kurt Mayer hat einen beeindruckenden Dokumentarfilm gedreht über die Geschichte der Erika Schinegger. In seinem Mittelpunkt steht Erik Schinegger - der Mann, der Abfahrts-Weltmeisterin war, den dann das Ergebnis des Geschlechtstests ein gutes Jahr nach dem WM-Titel völlig aus der Spur warf und der daraufhin mit 19 Jahren die einsame, bewundernswert konsequente Entscheidung fällte, sich operativ "richtigstellen" zu lassen und als Mann weiterzuleben. "Ich hatte mir damals vieles vorgestellt in der Klinik", sagt Schinegger rückblickend. "Tatsächlich aber war es noch viel härter."

          „Tatsächlich war es noch viel härter“

          Nicht zuletzt, weil ihm der Verband damals nahelegte, sich nach Hormonbehandlung und plastischen Eingriffen als Frau - und Goldmedaillengewinnerin - auf den Hof nach Kärnten zurückzuziehen, um einen Skandal zu vermeiden. Karl-Heinz Klee, damals ÖSV-Präsident, bestätigt das in Mayers Film bei einem Treffen mit Schinegger - ganz so, als sei dieses Drängen das einzig Vernünftige gewesen, als ob dadurch nicht die Natur eines Menschen willkürlich verändert worden wäre und als ob dieser Mensch nun, im Jahre 2004, ihm nicht leibhaftig gegenübersitzen würde, seit fast 40 Jahren als Mann lebend, Vater einer Tochter, mitten im Leben stehender Gasthofbetreiber und Leiter der größten Kinder-Skischule Kärntens.

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