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Diskuswerferin Claudine Vita : Vom Flüchtlingskind zur Erfolgssportlerin

  • -Aktualisiert am

Spaß an der schnellen Drehung: Claudine Vita nimmt Fahrt auf Bild: Imago

Eine Erfolgsgeschichte, nicht nur sportlich: Claudine Vita wuchs in einem Asylbewerberheim auf. Nun ist sie eine der besten deutschen Diskuswerferinnen.

          3 Min.

          WIESBADEN. Innerhalb der Spitzenriege deutscher Diskuswerferinnen zeichnet Claudine Vita ein Alleinstellungsmerkmal aus: Sie ist mit Abstand die Kleinste. Gegen Nadine Müller, Julia Harting und Kristin Pudenz, die allesamt 1,90 Meter überragen und mit beeindruckender Statur auftreten, geht die einen Kopf kleinere Claudine Vita auf den ersten Blick ein bisschen unter. „In der Größe hab ich Defizite“, sagt die 20-Jährige: „Aber da kann man nichts mehr machen.“ Auch das nötige Gewicht fehlt ihr nach herkömmlichen Maßstäben, die an Ring-Kämpferinnen angelegt werden. Selbst die schlanke Anna Rüh ist zehn Zentimeter größer und einige Kilo schwerer als Claudine Vita.

          „Meine Stärke ist die Schnellkraft“, setzt Vita dagegen. Zwar hat auch sie das zweite Newtonsche Gesetz nicht neu erfunden, aber den Fokus auf andere Parameter gesetzt. Nicht Masse mal Beschleunigung gilt bei ihr als Berechnungsgrundlage für große Weiten, sondern die extrem schnelle Kontraktionsfähigkeit ihrer Muskulatur. „Es kommt auf die aktive Masse an“, nennt das ihr Trainer Dieter Kollark: „Sie ist eine Athletin mit herausragenden XXL-Fasern.“ Diese wiederum sind genetisch angelegt.

          Claudine Vita ist in Frankfurt an der Oder geboren und startet für den SC Neubrandenburg, hat aber unübersehbar afrikanische Wurzeln. Ihre Eltern stammen aus Angola, sie flüchteten Anfang der 1990er Jahre vor dem Bürgerkrieg aus dem südwestafrikanischen Krisenland. Claudine ist die Jüngste von fünf Kindern, wuchs in einem Asylbewerberheim auf. Ihre drei ältesten Geschwister waren noch in Angola zur Welt gekommen. Um ihnen die Chance auf ein besseres Leben in Sicherheit zu ermöglichen, wagten die Eltern die gefährliche Flucht. „Wir haben uns alle besonders ins Zeug gelegt, damit das Risiko, das meine Eltern eingingen, nicht umsonst war“, sagt Claudine über sich und ihre Geschwister, die zwischen 23 und 30 Jahre alt sind. Alle fünf haben Abitur gemacht, drei studierten. Auch sie peilt ein Studium an, entweder „Pflegemanagement“ oder „Soziale Arbeit“. So oder so erscheint ihr Lebenslauf als „absolute Erfolgsgeschichte“, wie ihr Trainer sagt.

          Claudine Vita lässt keinen Zweifel daran, wo sie hingehört: „Ich bin hier aufgewachsen, ich fühle mich als Deutsche.“ Sie habe auch nie Probleme gehabt, akzeptiert zu werden, sagt sie. Ihr Freund ist ebenfalls Diskuswerfer beim SC Neubrandenburg und zufällig der Sohn des Wirtschaftsministers von Mecklenburg-Vorpommern. Derzeit ist Claudine bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr angestellt, konzentriert sich auf ihre sportliche Laufbahn, die in diesem Frühjahr schnell Fahrt aufgenommen hat. Beim Saisonauftakt, dem Werfer-Cup in Wiesbaden, übertraf sie am vergangenen Wochenende auf Anhieb die Normweite für die WM in London. Danach steigerte sie zweimal ihre persönliche Bestleistung und gewann mit 63,47 Metern vor Anna Rüh (63,05) und Kristin Pudenz (62,89), die ebenfalls ihre WM-Tauglichkeit nachwiesen. „Besser hätte es nicht laufen können“, sagte Vita über ihre Vorstellung. Für Anna Rüh, die bislang die Rolle der aufstrebenden Jungen im deutschen Diskus-Lager einnahm, war es die erste Niederlage gegen eine jüngere Konkurrentin, und dann auch noch gegen die ehemalige Trainingskameradin.

          Als Claudine Vita einst bei der Werfergruppe auftauchte, schien sie zunächst fehl am Platz. Doch Kollark hatte bei einem Jugendwettkampf in Fürstenwalde das Potential der damals Kleinen gesehen. „Irgendwie hatte ich einen siebten Sinn.“ Gemeinsam mit der früheren Weltmeisterin Franka Dietzsch betreut er seitdem die aufstrebende Werferin. Sportbegeistert war Claudine schon immer, spielte zunächst Fußball mit ihren Brüdern. Später landete sie auf Vermittlung einer Sportlehrerin bei der Leichtathletik. Als 14- und 15-Jährige wurde sie prompt zweimal deutsche Mehrkampfmeisterin, verstand sich auch auf Hürdenlauf und Weitsprung. Nach ihrem Wechsel aufs Sportgymnasium in Neubrandenburg konzentrierte sie sich dann auf die Wurfdisziplinen. Bei der Junioren-EM gewann sie 2015 schon Gold mit dem Diskus, aber auch Silber mit der Kugel. Ihren ersten Auftritt für die deutsche Nationalmannschaft absolvierte sie bei der Hallen-EM 2017 in Belgrad und wurde immerhin Fünfte – im Kugelstoßen. „Ich fühle mich eher als Diskus-Typ“, meint sie dennoch, „die schnelle Drehung macht mir mehr Spaß.“

          An diesem Samstag hat sie die nächste Chance auf einen weiteren großen Wurf. Bei den „Halleschen Werfertagen“ trifft sie im „Spitzenwettbewerb“ der Frauen auf die versammelte Elite: Müller, Harting und Rüh sind am Start, aber auch Denia Caballero, Weltmeisterin 2015 und einzige 70-Meter-Werferin im Feld. Mit der Kubanerin verbindet Claudine Vita etwas ganz Entscheidendes: Auch sie ist nur 1,75 Meter groß.

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