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Diskuswerferin Anna Rüh : Ein Hingucker, wenn sie wirft

  • -Aktualisiert am

Schnell im Ring: Anna Rüh Bild: dpa

Jung, schnell und bissig: Diskuswerferin Anna Rüh überrascht sich und ihren Trainer immer wieder. An diesem Sonntag schleudert sie Franka Dietzschs WM-Diskus in Wiesbaden.

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          „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit einer 63 heimkomme“, hatte Anna Rüh vergangene Woche über sich selbst gestaunt, als sie beim Diamond League Meeting in Doha den Diskus auf 63,01 Meter geworfen hatte, knapp unter ihrer persönlichen Bestleistung (63,38) und mit 4000 Dollar Siegprämie für Rang drei belohnt. „Wenn das teure Ticket nicht gebucht gewesen wäre, hätte ich sie gar nicht erst hingelassen“, knurrte ihr Trainer Dieter Kollark hinterher. Es sei im Training nicht gut gelaufen, ihr Knie tat weh, und in der Ausbildung standen Prüfungen an. Aber, und das zeichnet den „nicht gerade als Trainingstyp“ bekannten Teenager nach Ansicht ihres Trainers aus: „Sie kann sich in den Wettkampf hineinbeißen.“

          Überhaupt sei „die Anna“ ein erstaunlicher Typ, so Kollark. Als Jugendliche sei das große, schlanke Mädchen, das vom Siebenkampf kommt, nicht besonders aufgefallen. Sie hatte gerade mal 44 Meter als Bestleistung stehen. „Wenn du 50 Meter wirfst, kümmere ich mich um dich“, habe der Meistertrainer gesagt, der schon zwei dreimalige Weltmeisterinnen groß raus gebracht hat: erst Kugelstoßerin Astrid Kumbernuss (1995, 97, 99), dann Diskuswerferin Franka Dietzsch (1999, 2005, 2007). Und Rüh warf 51,67 Meter, als 16-Jährige. Es war 2010 zum Saisonauftakt in Wiesbaden und der Beginn einer erfolgreichen Zusammenarbeit.

          „In Wiesbaden werfe ich immer gerne“, sagt die mittlerweile 19 Jahre alte Neubrandenburgerin vor der Neuauflage des Traditions-Meetings am Sonntag (15.30 Uhr/Männer um 16.30 Uhr). Zurück aus der großen Welt, rein in die kleine. Der Wettkampf auf der Werferwiese im Helmut-Schön-Sportpark sei „schön nah am Publikum“, meint Rüh, regelrecht familiär. Eingeklemmt zwischen Fußballplatz und Tankstelle haben die Diskuswerfer gerade noch genug Rasenfläche, um ihre Eisenscheiben fliegen zu lassen. Und die dicht dabei stehenden Zuschauer ziehen unwillkürlich den Kopf ein.

          Traditionell herrscht gute Thermik in Hessens Hauptstadt. Altmeisterin Franka Dietzsch hat hier 1999 mit 69,51 Metern ihre persönliche Bestleistung erzielt. Ganz so weit, meint Kollark, werde es Rüh noch nicht schaffen, das wäre vermessen. Aber 65 Meter seien schon das Ziel. Im vergangenen Jahr hat die 1,86 Meter große Athletin im Schnitt ihrer zehn besten Wettkämpfe 62,52 Meter aufzuweisen - eine erstaunliche Konstanz, aber ihr fehle noch der „Ausrutscher nach oben“.

          Mit dem weltmeisterlichen Diskus

          Als Ansporn, es weit zu schaffen, dient Anna auch ihr Sportgerät selbst. Sie wirft nämlich mit einem weltmeisterlichen Diskus, den ihr Klubkollegin Franka Dietzsch nach ihrem letzten WM-Sieg geschenkt hat. Zwar sind die ein Kilo schweren Wurfscheiben genormt, aber einen gewissen Spielraum bei Gewichtsverteilung und Oberflächenbeschaffenheit gibt es schon. „Manche Disken fliegen ein bisschen weiter“, meint Kollark. Vielleicht sei aber auch Aberglaube dabei.

          Eine trainingswissenschaftlich erwiesene Stärke von Anna Rüh ist dagegen ihre Schnelligkeit. Ihre Abwurfzeit, gemessen vom Lösen des rechten Beins bei der Drehung bis zum Verlassen des Diskus vom Finger, liegt bei 0,88 Sekunden. Die deutsche Meisterin Nadine Müller, die am Sonntag in Wiesbaden ebenfalls in den Ring steigen wollte, aber verletzt absagen musste, braucht zum Vergleich 1,08 Sekunden. „Anna ist genauso schnell wie Franka“, sagt Kollark, was als größtmögliches Lob zu verstehen ist, und schiebt gleich hinterher: „Aber sie hat viel zu wenig Kraft.“ Nun soll man ja Stärken weiter ausbauen, anstatt auf Schwächen herumzureiten, und da Rüh es „über die Kraft nicht schaffen wird“, konzentriert sich das Duo auf Technik und Tempo. Mit Erfolg: „Sie ist ein Hingucker, wenn sie wirft“, meint der 68 Jahre alte Trainer. Und er muss es wissen, hat er doch schon Generationen werfen sehen.

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