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Diskuswerfer Harting : Reine Kunst zwischen Rhythmus und Kraft

  • -Aktualisiert am

Nähe erwünscht: Harting mit Freundin Julia Fischer Bild: dpa

Robert Harting wahrt seinen Nimbus der Unbesiegbarkeit seit mehr als tausend Tagen und freut sich beim Werfercup auch über die Leistungen seiner Liebsten.

          Bei der Siegerehrung kam der freiheitsliebende Schelm durch bei Robert Harting. Während die Zweit- und Drittplatzierten noch Hände schüttelten, nestelte der Gewinner des Wiesbadener Werfercups schon an der Magnumflasche Rieslingsekt herum, die man ihm gereicht hatte. Und als der Stadionsprecher noch einmal mit sich vor Begeisterung überschlagender Stimme das Wort „Weltjahresbestleistung“ durch den Helmut-Schön-Park trompetete, da verschaffte sich Harting auf dem Treppchen Luft und ließ von erhöhter Position eine Sektfontäne über die ersten Reihen der Fotografen und Fans spritzen.

          Kreischen hier, Grinsen da, und der Abstand war wieder her gestellt. Wie schon im Wettkampf, als der Diskus-Olympiasieger nach einigen Anfangsschwierigkeiten die Konkurrenten doch noch distanzierte. Ein bisschen Freiraum braucht er eben doch immer, der Kraftprotz aus Berlin, auch wenn er zugleich die Nähe zu den Zuschauern bei kleinen Sportfesten wie in Wiesbaden durchaus liebt.

          Mit dem ersten Auftritt der Saison war „Deutschlands Sportler des Jahres“ insgesamt zufrieden. „Wettkampf war gut, Publikum war gut, und auch das Wetter hat gehalten“, analysierte Harting treffend. Und das war an diesem verregneten Pfingstwochenende schon mal nicht selbstverständlich. Nur mit seiner eigenen Leistung war der Diskus-Weltmeister wie so oft nicht hundertprozentig einverstanden. „Ich habe mir Mühe gegeben“, sagte der 28-Jährige über seine Vorstellung, was, wenn es andere sagen würden, einer ziemlich vernichtenden Kritik gleich käme. Doch Harting gibt viel auf seine ehrliche Selbsteinschätzung.

          Mit neunzig Prozent zum Sieg: Robert Harting bei der Suche nach der Form

          Zwar flog die Scheibe bei seinem besten Versuch, es war der fünfte, auf 68,31 Meter, womit er nun standesgemäß die Führung in der Weltjahresbestenliste übernahm; doch dieser Versuch sei längst nicht das gewesen, was seinen Ansprüchen entspräche. „Das war ein 90-Prozent-Wurf“ meinte Harting, und dafür sei die Weite ganz okay. Das Problem seien seine Würfe mit voller Kraft gewesen. Die schlugen nämlich alle rechts oben im Fangnetz ein. „Und jeder davon wäre so 69, 70 Meter weit gewesen“, schätzte er und forderte von sich selbst: „Ich will die Siebzig sehen.“

          Der Nimbus der Unbesiegbarkeit

          Die hätte auch der Wiesbadener Meetingdirektor Peter Schulte gerne gesehen und meinte scherzhaft, man hätte natürlich den Käfig weiter öffnen können. Doch mit solchen Tricks will Harting nicht gewinnen. Ihm geht es schließlich um die reine Kunst. Rhythmus und Kraft hätten noch nicht zueinander gepasst, so der Meisterwerfer, weshalb die Zwei-Kilo-Scheibe gleich vier Mal ins Gestänge krachte.

          „Mit Form hat der erste Wettkampf ja sowieso nichts zu tun“, klärte der ganz in schwarz gekleidet Harting zudem auf. Doch es spricht natürlich auch für sein Können und Nervenstärke, dass er nach zwei ungültigen Würfen erst mal einen auf Sicherheit bei 66,30 ablegen konnte, ehe er später den bis dato führenden Martin Wierig (66,50) noch abfing. „Er war ein harter Gegner“, befand Gewinner Harting über den Magdeburger.

          Robert Harting beim Werfercup: Die Freiheit im Käfig

          Der 2013er war Hartings fünfter Meetingsieg in Wiesbaden, sein 34. Erfolg in Serie, und, was noch wichtiger ist: Er wahrte damit den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Seit genau 1005 Tagen ist er nun ungeschlagen, und mit dieser Erfolgsphase überholte er Weltrekordhalter Jürgen Schult, der es einmal auf 1003 Tage ohne Niederlage geschafft hatte. Der heutige Bundestrainer nahm den Verlust gelassen, freute sich in Wiesbaden vielmehr, dass seine Spitzenathleten schon in so vielversprechender Frühform sind. Zumal neue Leute nachwachsen.

          Hartings fünf Jahre jüngerer Bruder Christoph steigerte sich am Sonntag im sechsten Versuch auf die persönliche Bestleistung von 63,79 Meter, womit er den vierten Rang hinter Markus Münch (Potsdam/64,44) belegte. Der große Bruder sprang bei diesem Wurf begeistert auf und klatschte in die Hände.

          Wettkampf als Kunstform: Wurf in die Wolken

          Noch mehr freute er sich allerdings über die Vorstellung seiner Freundin Julia Fischer. Die ebenfalls aus Berlin stammende 22-Jährige steigerte sich fast um zwei Meter auf 66,04 Meter und gewann damit nicht nur überlegen den Wettbewerb der Frauen, sondern übertraf auch die WM-Norm (62 Meter) um Längen. Die gemeinsame Reise zur Weltmeisterschaft nach Moskau im August scheint somit beschlossene Sache.

          Harting beobachtete den weiten Wurf seiner Liebsten noch beim Aufwärmen als Zaungast von außerhalb. Doch sogleich eilte er in den Innenraum und gratulierte mit einem Kuss. Hier war Nähe ausdrücklich erwünscht.

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