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Diskuswerfen : Der neue Harting gewinnt WM-Silber

Robert Harting zerriss sich für seine Medaille Bild: dpa

Nach seinem letzten Wurf küsste er den Ring. Und weil er keine Fahne dabei hatte, zerriss er sein Hemd: Robert Harting aus Berlin hat bei der Leichtathletik-WM in Osaka mit 66,68 Metern die Silbermedaille im Diskuswerfen gewonnen.

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          Kaum hatte Robert Harting die Silbermedaille im Diskuswerfen in der Tasche, küsste der 2,01 Meter große und 125 Kilo schwere Athlet den Wurfring, dann riss er vor der Tribüne sein Nationaltrikot auf der muskulösen Brust auseinander. Weil keine Flagge zur Hand war.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Ich werde jetzt auf den Tisch hauen und verlangen, dass der Verband das Ticket von meinem Trainer bezahlt“, kündigte er noch in den Katakomben des Stadions an. „Das sind zweieinhalbtausend Euro.“ Weil sein Trainer, Werner Goldmann, nicht für die Weltmeisterschaften nominiert worden war, hatte Harting mit Boykott gedroht.

          Vom Disco-Schläger zum Diskus-Sieger

          Wenn der 22 Jahre alte Berliner seine Drohung wahr gemacht hätte, hätte er seinen Diskus am Dienstagabend bei frischem Wind nicht 66,68 Meter weit schleudern können, im fünften Versuch. Und er wäre nicht geradezu sensationell, wie vor zwei Jahren in Helsinki die Speerwerferin Christina Obergföll, auf Platz zwei gekommen. Der Este Kanter, sechs Jahre älter als Harting, siegte mit 68,94 Meter und kündigte an, am 13. September den Weltrekord von 74,08 Meter anzugreifen.

          Ein Mann wie ein Baum

          Das dürfte Harting gefallen, denn seit 1986 hält der heutige Bundestrainer Jürgen Schult diesen Rekord - und Harting ist nicht gerade sein bester Freund. Dritter wurde der Niederländer Rutger Smith mit 66,42 Meter; im Kugelstoßen war er Vierter geworden. Virgilus Alekna kam mit 65,24 Meter auf Platz vier.

          „Bin nicht der zweitbeste Diskuswerfer der Welt“

          „Ich wollte Spaß haben, und den hatte ich“, beschrieb Harting seinen ganz entspannten Dienstagabend. „Ich hatte drei ganz gute Würfe und dachte mir, wenn jetzt die anderen nichts machen und du einen raushaust, kann hier was passieren. Dann warf der Holländer über 66 Meter, und ich dachte mir: der nicht. Dann sind mir die 66,68 gelungen.“

          Bei allem Glück widersprach der Silbermedaillengewinner dem Eindruck einer Wachablösung, so viel Fairness muss bei ihm sein: „Ich bin nicht der zweitbeste Diskuswerfer der Welt“, sagte er. „Ich bin Zweiter der Weltmeisterschaften.“ So verteidigte er auch den geschlagenen Weltmeister und Olympiasieger aus Litauen: „Das war nicht der wahre Alekna. Er hatte eine Knieverletzung oder irgendwelche anderen Probleme.“Das musste sein, denn der neue Weltmeister Kanter hatte gerade davon geschwärmt, wie gut es sich anfühle, nach rund dreißig Niederlagen den besten Diskuswerfer besiegt zu haben.

          „Der neue Robert Harting“

          Man kann sich vorstellen, wie wenig Harting es erträgt, wenn er selbst sich unfair behandelt fühlt. Dann gibt es Ärger und eben Boykottdrohungen. Der Deutsche Leichtathletikverband (DLV) hatte sich entschieden, Hartings Berliner Trainer Werner Goldmann nicht mit nach Osaka zu nehmen, verschaffte ihm in Japan allerdings ein Bett und eine Akkreditierung.

          „Das könnte unser neuer Lars Riedel sein“, freute sich DLV-Präsident Clemens Prokop an dem Abend mit überraschendem Silberglanz. Der derart Gelobte bestand postwendend darauf, kein neuer Riedel - der alte wurde immerhin Olympiasieger und fünfmal Weltmeister -, sondern „der neue Robert Harting“ zu sein.

          „Es werden immer diese Holzäpfel nominiert“

          Der empfindliche Riese war vor drei Jahren von Goldmann zu Bundestrainer Schult gewechselt, empfand dessen Ansprüche allerdings als starken Druck: „Ich fühlte mich wie eine Maschine.“ Seit er zu Goldmann zurückgekehrt sei, habe er Lockerheit und Spaß wieder gefunden, freut er sich, beklagt aber, dass Schult und der Verband nun ihn und seine Leistungen ignorierten. „Ich kann leisten, was ich will, es werden immer diese Holzäpfel nominiert“, schimpfte er noch als Zweiter der Weltmeisterschaften. Holzäpfel? „Etwa Möllenbeck, unser Dino.“

          Als Harting im Juni in Erfurt deutscher Meister wurde, beendete er die seit 16 Jahren anhaltende Siegesserie der Riedel und Möllenbeck. In Osaka war er der einzige Diskuswerfer des deutschen Verbandes.

          „Eigentlich konnte ich mich selbst nicht leiden“

          Man kann sich vorstellen, dass Harting mit seiner Art von Gerechtigkeitssinn gelegentlich aneckt. Als er noch eine Tätowierung auf dem Unterarm und ein Piercing in der Augenbraue trug, machte er Schlagzeilen als Disco-Schläger, der es zum Diskus-Sieger gebracht habe. Er war der erste Jugendliche, der den Diskus 66 Meter weit warf.

          Das Tattoo ist verschwunden, Harting hat gelernt, seine explosive Leistungsbereitschaft und sein überragendes Talent im Sport zu kanalisieren. Inzwischen gehört er der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Potsdam an und nennt den Harting von gestern einen Idioten: „Viel zu ehrgeizig, rücksichtslos und verbissen. Eigentlich konnte ich mich selbst nicht leiden.“ Er dürfte nun gnädiger mit sich und der Welt werden.

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