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Leichtathletik : Angst vor der Kraft der Karbonfeder

Sprunggewaltig: Markus Rehm hält mit 7,95 Meter den Weltrekord in seiner Schadensklasse. Zur Europameisterschafts-Norm fehlen nur 10 Zentimeter. Bild: dpa

Die Premiere des behinderten Weitspringers Markus Rehm bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften sorgt für Diskussionen. Seine Prothese soll Vorteile bringen bei der Weitenjagd. Der Fall erinnert an die Debatte um Oscar Pistorius.

          3 Min.

          Manche sportpolitische Diskussion entwickelt eine erstaunliche Breitenwirkung. Markus Rehm erlebt das bei seiner Arbeit immer wieder. Der Paralympics-Sieger von London, der den Weltrekord im Weitsprung auf 7,95 Meter gesteigert hat, ist Orthopädiemeister und passt Menschen, die etwa ein Bein verloren haben oder beide, Prothesen an.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In Spich bei Köln verhilft er in einer Gehschule Unfallopfern, Diabetikern und Kettenrauchern zu ihren ersten Schritten in ein neues Leben. Nicht selten wird er dabei mit der Überzeugung konfrontiert: „Wenn ich schon auf Prothesen laufe, sollte ich auch an Rennen teilnehmen. Vielleicht an einem Marathon?“

          Mit der Vorstellung, dass Beinprothesen von allein laufen oder das Rennen und Springen im Vergleich zu menschlichen Beinen doch erheblich erleichtern, ist Rehm nicht allein im beruflichen Alltag konfrontiert. Seit er sich als erster und einziger Behindertensportler für die deutsche Meisterschaft der Leichtathleten qualifiziert hat und an diesem Samstag in Ulm die Europameister Christian Reif (Barcelona 2010) und Sebastian Bayer (Helsinki 2012) sowie Titelverteidiger Alyn Camara herausfordern wird, haben eine Diskussion und ein Geraune eingesetzt, die in dem Vorwurf gipfeln, Rehm genieße einen Vorteil, weil er seinen rechten Unterschenkel durch eine Karbon-Feder ersetzt, die ihn weiter katapultiert, als er normalerweise springen könnte. Da er sich mit seiner Bestleistung der Norm für die Europameisterschaft in Zürich von 8,05 Meter bis auf zehn Zentimeter genähert hat, könnte er, ungerechtfertigt, den besten deutschen Weitspringern den EM-Startplatz wegschnappen.

          Könnte theoretisch seinen Startplatz in Zürich an Rehm verlieren: Sebastian Bayer, der Weitsprung-Europameister von 2012.

          „Die meisten Vorwürfe höre ich über Dritte“, sagt Rehm. „Das ist eine Phantomdiskussion; sie findet überwiegend in der Gerüchteküche statt.“ Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), hat Berge von Post erhalten, Diskussionsbeiträge zur Causa Rehm, die von der Haltung reichen, dass immer im Nachteil sei, wer eine Prothese brauche, bis zu der Überzeugung, dass Rehm über eine exklusive Prothese verfüge, deren überlegene Federkraft sich schon darin zeige, dass er mit relativ geringer Anlaufgeschwindigkeit Weiten erreiche, die andere Weitspringer nur mit höherem Tempo erreichten. „Fakt ist, dass Ängste bestehen“, sagt Prokop, „dass jemand einen Vorteil hat, den die anderen durch Training nicht ausgleichen können.“

          Fairplay vor Inklusion

          Der Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann, der schon im Streit um die Olympia-Zulassung von Oscar Pistorius, der auf zwei Prothesen lief, diesem einen Vorteil zumindest auf den letzten hundert von vierhundert Metern attestierte, ließ sich von „Sport-Bild“ mit der These zitieren, dass über kurz oder lang Sportler mit Prothese weiter springen werden als Sportler ohne.

          Der Inklusionsbeauftragte des DLV, Gerhard Janetzky, mahnt, dass Fair Play vor Inklusion gehe, und der ehemalige DLV-Präsident Helmut Digel fordert, dass Rehm bei der Meisterschaft außer Konkurrenz starte, weil eben kein fairer Wettbewerb unter gleichen Bedingungen stattfinde; es sei nicht geklärt, ob die Prothese einen Vorteil bringe oder nicht. Spätestens seit dem öffentlichen Streit um die Länge der Prothesen nach dem paralympischen 400-Meter-Finale von London 2012 steht der Verdacht des Techno-Dopings im Raum.

          Um Vor- oder Nachteil benennen zu können, wird der Leistungsdiagnostiker Luis Mendoza den Weitsprung am Samstag mit Hochgeschwindigkeitskameras aufzeichnen. So wird er Schrittlänge und Anlaufgeschwindigkeit, vertikalen und horizontalen Absprung, die Winkel von Abflug und Landung feststellen. Dies ermögliche, sagt Prokop, selbst ein ehemaliger Weitspringer mit einer Bestleistung zwei Zentimeter unter der von Rehm, dessen Leistung unter Umständen nachträglich aus der Wertung zu streichen.

          Große Überlegenheit

          „Ein Stück weit überrumpelt“ fühlt Bundestrainer Uwe Florczak sich und seine besten Athleten. Die Entscheidung, ob die Leistungen vergleichbar seien oder nicht, hätte er am liebsten bekommen, bevor es auf die große Bühne gehe. „Er ist seinen Konkurrenten bei den paralympischen Wettbewerben dermaßen überlegen. Das ist unfassbar“, sagt Florczak. „Wir wissen gar nicht, was da passiert.“

          Ureigene Leistung

          Just diesen Vorsprung gegenüber den anderen Prothesenspringern reklamiert Rehm als seine ureigene Leistung. „Man kann nicht allein meine Prothese testen oder nur meinen Sprung vermessen“, sagt er. „Nur wenn man ihn mit den Sprüngen anderer mit gleicher Behinderung vergleicht, kann man sehen, dass es nicht nur die Prothese ist. Man braucht ein Gefühl. Selbst mit den Beinen von Usain Bolt könnte nicht jeder schnell laufen.“

          Die Fragen und die Aussichten machen den Bundestrainer geradezu zum Philosophen. „Behindertensportler haben ihre Bühne: die Paralympics. Wir haben unsere Bühne: die Olympischen Spiele“, sagt Florczak. „Wenn man das weiterspinnt, könnten die Weitspringer ja an den Paralympics teilnehmen wollen. Es gibt keinen Beweis, dass eine Nichtbehinderung einen Vorteil bringt.“

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