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Dirk Nowitzki : Herausragender Kopf

  • -Aktualisiert am

Dirk Nowitzki holte nicht nur den NBA-Titel, sondern wurde auch als wertvollster Spieler geehrt Bild: dpa

Im wichtigsten Spiel seiner Karriere spielt er eine „rabenschwarze“ erste Halbzeit. Dennoch führt Dirk Nowitzki Dallas zum NBA-Titel und wird der gefeierte Held. Er zeigt, was einen sehr guten Spieler von einem Champion unterscheidet: der Kopf.

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          Es hat schon hochtalentierte deutsche Nationalspieler gegeben, die nach dem ersten Fehlwurf nie mehr ins Spiel fanden. Die ein initiales Erfolgserlebnis brauchten, um sich in einen Rausch spielen zu können. Solche Charaktere wären am Sonntag in Miami mit einer Spieleröffnung wie bei Nowitzki hoffnungslos untergegangen, versunken in den Katakomben der Arena. Der Würzburger aber blieb oben. Nach dem ersten, dem zweiten und auch nach dem elften von insgesamt 18 Fehlwürfen. Auf drei Punkte brachte er es in den ersten beiden Vierteln. Nowitzki sprach von einer „rabenschwarzen“ ersten Halbzeit. Es war ein Desaster.

          Die 18.000 gegnerischen Fans von Miami entdeckten also statt des als unfehlbar apostrophierten, gefürchteten „no-miss-ki“ zu ihrer Freude nun den „all-miss-ki“. Einen, den man diesmal ungestraft werfen lassen durfte. Weil er angesichts einer Trefferquote von zunächst neun Prozent aus dem Feld keine Bedrohung darstellte für Miami, eher eine Hilfe. Das sind Momente, in denen sich selbst Basketballstars am liebsten auf die Bank setzen und von rührigen Betreuern dankbar eines der großen Handtücher annehmen. Man kann sich so gut darunter verstecken.

          Nowitzki ist für keine Sekunde in Deckung gegangen. Er hat einfach weitergemacht. Das allein ist noch kein Beleg für seine Extraklasse und kein Pluspunkt gewesen für die Wahl zum besten Spieler der Play-off-Runde. Man kann auch grandios scheitern. Nowitzki aber beeindruckte mit der Art, wie er sich dem Verlust seiner Präzision stellte, wie er einen kleinen Misserfolg nach dem anderen wegsteckte. Er ist ohne Lamentieren ausgekommen, ohne Gesten oder Versuche, Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen, ohne Diskussionen mit Schiedsrichtern. Er hat nichts versucht, um von seinem Defizit abzulenken. Er hat sich damit auseinandergesetzt und so wieder die Balance gefunden.

          Endlich am Ziel seiner Träume: Dirk Nowitzki und Dallas holen den NBA-Titel

          Das hört sich so einfach an: auf sich selbst konzentrieren, bloß nicht ablenken lassen. Aber was den wenigsten auf dem Freiplatz beim Hobbysport gelingt, soll Nowitzki ausgerechnet im wichtigsten Spiel seiner Karriere vollbringen? Wissend, dass es mit seinem vergleichsweise alten Team vermutlich nicht noch eine Chance geben wird, den Lebenstraum zu verwirklichen. Wer bekommt in diesen Augenblicken keine Schweißausbrüche oder das Zittern im Händchen?

          Nowitzki kämpfte also um ein Comeback unter größtem Stress, gegen eine Verteidigung, die jede Schwäche mitleidslos ausnutzte, die versuchte, beim Gegner schließlich Angst zu erzeugen: die vor dem Fehlwurf. Nowitzki hat sie – so sah es aus – nicht an sich herangelassen. Als es darauf ankam, im letzten Viertel, erzielte er zehn Punkte und half entscheidend, Miami auf Abstand zu halten.

          Dass ihn die Mitspieler immer wieder aufmunterten und nicht die Augen verdrehten oder die Nerven verloren ob der erfolglosen Solotouren, das beweist, wie sehr sie ihm vertrauen. So eine Position bekommt man nicht einmal in der Kreisliga geschenkt. Man muss sie sich hart erarbeiten, immer wieder bestätigen. Am Sonntag hat es 36 Spielminuten gedauert, bis Nowitzki vor Augen führte, was einen sehr guten Spieler von einem Champion unterscheidet: der Kopf.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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