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Digitales Radfahren zu Hause : Die Suche nach „Germany’s Next Cycling Star“

  • -Aktualisiert am

Radeln mit Wohnzimmeratmosphäre: Für PRofis könne das zur festen Übung werden. Bild: Marcus Kaufhold

Was nur für Rad-Eremiten mit Hang zur Selbstkasteiung geeignet schien, entwickelt sich gerade in Corona-Zeiten zu einer hippen Radsport-Disziplin. Tim Böhme sucht als digitaler Bundestrainer „Germany’s Next Cycling Star“.

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          Frankfurt-Bockenheim, 12.30 Uhr. Der echte Tim Böhme sitzt im Sattel in seinem Wohnzimmer zwischen Tisch, Sofa und Pflanzenkübeln, der Schweiß rinnt ihm die Schläfen hinunter. Er legt einen Sprint ein. Je härter er in die Pedalen tritt, desto schneller rast der digitale Rennfahrer Tim Böhme auf dem Bildschirm über den Original-Olympiakurs von London 2012. Er fegt an einem brasilianischen Radler vorbei – die Nationenflagge erscheint über dem Kopf jedes animierten Fahrers. Dieser scheint eine flotte Frühstücksrunde einzulegen, denn in Rio ist es gerade 8.30 Uhr. Am Horizont erscheint eine Gruppe Japaner. Die Radsportwelt trifft sich im Netz auf der rasant wachsenden Plattform Zwift.  In Deutschland sind es rund 80 000 Aktive, die 15 Euro im Monat für E-Cycling bezahlen, auf der ganzen Welt schon knapp zwei Millionen.

          Strampeln in Wohnzimmer, Keller oder Garage war einst nur etwas für Rad-Eremiten mit Hang zur Selbstkasteiung. Heute entwickelt es sich zu einer eigenen, hippen Radsport-Disziplin. Der Weltverband UCI und Investoren haben längst das Potential erkannt. Selbst die Vorstellung, dass eines Tages der Prolog der Tour de France auf Zwift ausgetragen werden könnte, gilt nicht mehr als völlig abstrus.

          Doch Geld verdient wird zuvorderst mit der Masse der Hobbyfahrer. Es passt in die Zeit, dass jeder aktiv werden kann, auch wenn er gerade nur 45 Minuten Zeit hat. Wenn das Wetter schlecht ist. Wenn für (Groß-)Städter der Aufwand zu groß ist, das Rennrad zu präparieren und aus dem Beton ins Grüne zu lenken. Wenn Eltern fürchten, dass ihre Kinder in der dunklen Jahreszeit im Straßenverkehr trainieren. Oder wenn das Coronavirus gerade grassiert.

          Im realen Leben ist Tim Böhme durchaus schon rumgekommen mit seinem Rad, wie beim Cape Epic 2018.

          Der Bund Deutscher Radfahrer ist im vorigen Jahr auf den im Sprinttempo vorbeifahrenden Zwift-Zug aufgesprungen und hat die „German Cycling Academy“ (GCA) ins Leben gerufen. Der in Frankfurt lebende Schwabe Böhme hat seine Mountainbike-Profikarriere beendet, ist selbsternannter Radsport-Rentner und zusätzlich sozusagen der digitale Bundestrainer. „Obwohl es sich bisher für mich mehr nach Heidi Klum denn nach Jogi Löw angefühlt hat“, sagt der 37-Jährige schmunzelnd. Böhmes Aufgabe in den vergangenen fünf Monaten war es nämlich, digital Talente zu casten, die eines Tages im echten Straßenradsport auftrumpfen sollen.

          Die Suche nach „Germany’s Next Cycling Star“ haben sie es genannt. Jeden Dienstagabend hat Böhme eine digitale Trainingsausfahrt angeführt, bis zu 200 Radler fuhren mit. Dabei saß Böhme in seiner Bockenheimer Bude im Sattel und tippte während der Fahrt eifrig Nachrichten, die auf den Bildschirmen seiner Mitfahrer erschienen. Er erklärte mit seiner 20-jährigen Profierfahrung, bereitete die Gemeinde auf Intervalle und Sprints vor, motivierte. Mittwochabends bietet die GCA nach wie vor dann ein Rennen an – und etwa 50 bis 80 Rennfahrer fahren mit, was schon ein stattliches Peloton darstellt.

          Radeln im Home-Office: Tim Böhme sucht als digitaler Bundestrainer „Germany’s Next Cycling Star“

          Sechs Jungs und zwei Mädchen im Alter von 14 bis 21 Jahren haben sie nach der ersten Staffel der Talentsuche anhand ihrer Zwift-Leistungsdaten schließlich ausgewählt. Sie sollen nun über den Bund deutscher Radfahrer gefördert werden, in Kürze steht ein gemeinsames Trainingslager-Wochenende an. Bei der GCA hoffen sie auch auf Quereinsteiger wie Ruderer oder Eisschnellläufer, zu deren Training intensives Radfahren eh gehört. Denn E-Cycling solle den klassischen Radsport nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

          Mehr Heidi Klum als Jogi Löw: Rad-Enthusiast Tim Böhme.

          Böhme nutzt in seinem Wohnzimmer einen sogenannten Smarttrainer, der sich bei Anstiegen und Abfahrten sogar leicht neigt. Ein vor dem Rad stehendes Gerät namens „Headwind“ sorgt für den Fahrtwind – bei Abfahrten frischt er deutlich auf. Die Hardware für das beste Zwift-Erlebnis kann schnell über 2000 Euro verschlingen. Wie Radler unterschiedlicher Leistungsklassen in Böhmes Trainingseinheiten gemeinsam in einer virtuellen Gruppe powern können, ohne abgehängt zu werden? Dass jeder denselben Trainingsreiz bekommt, dafür sorgt die individuelle „funktionelle Leistungsschwelle“ (FTP), die jeder anhand eines Tests bestimmt. Aber grundsätzlich ist im virtuellen wie realen Radsport die Einheit Watt pro Kilogramm Körpergewicht die entscheidende Größe, welche das Tempo ausmacht.

          Natürlich ist im stillen Rad-Kämmerlein beim „Zwiften“ Betrug leicht möglich. Wenn man die Software manipuliert oder bei der Angabe des Körpergewichts mogelt. Noch geht es auf der Plattform, auf der rund um die Uhr meist etwa 7000 Fahrer gleichzeitig unterwegs sind, mitunter in Wild-West-Manier zu. Durch zehn verschiedene Welten lässt es sich bislang pedalieren. Von den Original-WM-Kursen in Yorkshire, Innsbruck oder Richmond bis hin zur Phantasiewelt Watopia, die mit ihren Vulkanen und futuristischen Gebäuden wie ein Disneyland für Radler wirkt. „Von einem 128 Kilometer langen Bergfest bis zu einer lockeren Flachetappe ist alles möglich“, sagt Böhme, nach weiteren Sprints an einem Schotten und einem Aserbaidschaner vorbei, mittlerweile etwas kurzatmiger. In wenigen Wochen geht die GCA mit ihrer zweiten Staffel an Trainings- und Rennangeboten online. Dieses Mal soll es keine reine Talentsichtung werden, sondern gesucht wird der beste deutsche virtuelle Rennfahrer. Der nationale Zwift-Champion also.

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