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Die Diskus-Brüder : Bühne frei für Harting II.

Schon am Aufbau für die Olympia-Form 2020: Christoph Harting Bild: dpa

Zwischen den Diskuswerfern Robert und Christoph Harting tut sich eine große Kluft auf. Der Ältere hadert. Der Jüngere scheint vor Selbstbewusstsein zu bersten.

          Zwei Hartings, zwei Olympiasieger, zwei unterschiedliche Ziele. Schon zum Auftakt der Saison, deren Höhepunkt die Europameisterschaft im Berliner Olympiastadion bilden soll, tut sich eine große Kluft auf zwischen Robert und Christoph Harting. Privat und familiär sind die Brüder geschiedene Leute. Nun zeigt sich, dass sie auch sportlich unterschiedliche Wege gehen. Täglich trainieren die beiden Diskuswerfer am Olympiastützpunkt Berlin im selben Kraftraum. Beim Sole-Cup in Schönebeck an der Elbe debütierten beide – und zeigten mit ihren Flugkurven, wohin sie zielen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Christoph Harting, seit dem 10. April 28 Jahre alt, zielt auf die Wiederholung seines Olympiasieges von Rio 2016 in zweieinhalb Jahren in Tokio. 67,59 Meter weit schleuderte er im sechsten Versuch die zwei Kilogramm schwere Scheibe und übertraf damit deutlich die Qualifikationsnorm für die Europameisterschaft. Nun hat er freie Hand, wieder zu trainieren. In diesem Jahr gelte es, die Physis zu schaffen, sagt sein Trainer Torsten Lönnfors, im nächsten Jahr werde man an den speziellen Fähigkeiten arbeiten. „2020 soll Chris das Werfen optimieren, dass Weiten weit über siebzig Meter möglich sind.“ Ein einziger Diskuswerfer, der Schwede Daniel Ståhl, erreichte diese Dimension im vergangenen Jahr.

          Robert Harting, sechs Jahre älter als sein rothaariger Bruder, tritt nur deshalb noch in den Ring, weil die Europameisterschaft dort stattfindet, wo er 2009 den ersten seiner drei Weltmeister-Titel gewann. Damit und mit seinem Olympiasieg von London 2012 hat er erreicht, was er erreichen wollte. Seinen Körper hat er damit überstrapaziert. Vor drei Jahren erlitt er bei einem Sturz einen Kreuzbandriss, bei den Olympischen Spielen einen Hexenschuss – und nun ist wieder das Knie kaputt. „Ich mache gerade kein Diskuswerfen“, urteilte er in Schönebeck enttäuscht. „Das ist eine andere Disziplin.“

          Viermal feuerte er den Diskus in Schönebeck ins Netz des Wurfkäfigs; der beste seiner beiden gültigen Versuche ging 63,67 Meter weit. Da fehlen 33 Zentimeter bis zur Norm, doch längst wäre es mit einem 64-Meter-Wurf nicht getan. Neben seinem Bruder Christoph haben der Olympia-Dritte Daniel Jasinski (65,09 Meter) sowie Martin Wierig (65,18) und David Wrobel (64,25) zum Auftakt des Leichtathletik-Jahres nachgewiesen, dass auch sie das Zeug haben für die Europameisterschaft. Zwei dieser vier muss Robert Harting übertreffen, um zumindest als dritter Mann in der Nationalmannschaft vom Sportforum Hohenschönhausen aus zur EM im Westen der Stadt fahren zu dürfen.

          „Eigentlich hätte man‘s hier locker schaffen müssen“, urteilte Robert Harting über den vorteilhaften Wind, der kühl die Wiese zwischen Plattenbausiedlung und Einkaufszentrum bestrich. Durch seine Knieverletzung kommt der 33 Jahre alte Athlet nicht mehr so tief runter wie in guten Tagen, und deshalb kann er auch die Kraft seines Rumpfes nicht einsetzen. „Der Wurf wird von unten dominiert, und ich mache das nicht“, sagt er. „Die Schleuder wird nicht aktiviert.“

          Er hat größte Mühe, sich überhaupt für die EM 2018 zu qualifizieren: Robert Harting

          Weil die Veranstalter den Diskus-Ring frisch zementiert hatten, war dessen Oberfläche geradezu schlüpfrig. „Ich bin an meinen Möglichkeiten und an der Anlage gescheitert“, versuchte sich der Altmeister an einem Resümee. Nicht einmal wütend konnte er sein; dafür war sein Scheitern zu deutlich. „Ich bin ein bisschen ratlos“, räumte Harting zerknirscht ein. Es wirkt, als müsste er bis zur deutschen Meisterschaft im Juli in Nürnberg darum kämpfen, dass er seine Abschiedsvorstellung von der großen Bühne wie gewünscht im Olympiastadion wird geben können.

          Harting II. dagegen scheint vor Selbstbewusstsein zu bersten. „Hätte besser laufen können“, sagte er zu seinem gelungenen Einstieg in die Saison kokett; am Pfingstsonntag ließ er in Rehlingen 66,76 Meter folgen. Fröhlich zählte er auf, was er noch alles zu verbessern gedenkt bis zum Sommer: Frische, Agilität, Geschwindigkeit. Er will sich gleich an die Arbeit machen. „Die Norm ist abgehakt“, kündigte er an. „Jetzt steige ich wieder ins Training ein und ruiniere, was ich bis jetzt aufgebaut hatte.“ Sein weitester Wurf von Schönebeck – Lönnfors schätzte ihn auf mehr als 68 Meter – war ungültig, weil Christoph Harting sich dabei selbst aus dem Ring katapultierte.

          Doch auch Harting der Jüngere ist nicht mehr ohne Verletzungssorgen. Im vergangenen Jahr, in dem er sich nicht für die Weltmeisterschaft qualifizierte, hatte er Rückenprobleme, die bis in den Winter anhielten. Dann stoppte ihn ein entzündeter Zahn. „Es war ein langer Kampf bis hierher“, sagt er. „Und es wird ein langer Kampf in den nächsten zwei Jahren.“ Wohl dem, der noch so viel Zeit hat.

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