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Sport in den Staaten : Amerika, das Land der Sieger

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Zwei Siegertypen: Ein Unentschieden ist auch bei der Präsidentenwahl ausgeschlossen. Bild: AFP

Daumen hoch oder Daumen runter – das gilt nicht nur für den Sport: Unentschieden sind in der amerikanischen Ellbogengesellschaft verpönt. Das färbt auch auf die Präsidentenwahl ab.

          Für ein Spiel wie das vor einer Woche in Cleveland muss man viel Geduld mitbringen. Es zieht sich schleppend hin, wird von vielen Pausen unterbrochen und erzeugt nur zwischendurch mal so etwas wie knisternde Aufregung: wenn jemand mit dem Holzknüppel den Ball trifft und daraufhin Männer in langen Hosen über den Platz hetzen und die Hoffnung aufkeimt, dass bei diesem hektischen Intermezzo irgendetwas Zählbares herauskommt.

          Das ist Baseball auf höchstem Niveau und bringt 40 Millionen Amerikaner für mehr als vier Stunden vor die Fernsehapparate, weil man an diesem Abend eine Gewissheit haben darf: Nach einer langen Woche mit sechs Auseinandersetzungen und einem Zwischenstand von 3:3 wird es nach diesem siebten Spiel zwischen den Chicago Cubs und den Cleveland Indians tatsächlich einen endgültigen Sieger geben.

          Kaum jemand bemerkte an diesem Abend, dass diese scheinbar endlose Schlacht zweier Klubs mit Traditionszertifikat wie eine griffige Allegorie auf den Wahlkampf um das wichtigste Amt im Staat wirkte. Der wabert seit anderthalb Jahren vor sich hin, produziert hin und wieder jähe Aufregung, aber soll in der Nacht zum Mittwoch mit dem Auszählen der Stimmen tatsächlich zu Ende gehen. Oder auch nicht – wie man im Herbst 2000 erleben durfte, als in Florida ein Stimmzettel-Chaos ausbrach, das an Verhältnisse in Dritte-Welt-Ländern erinnert. Es gab eine Verlängerung. Aber keine sportliche. Denn die Entscheidung traf das oberste Gericht in Washington, das dafür aus dem Stand sogar Regeln erfand, die es bis dato gar nicht gab: Sudden Death für Al Gore. Golden Goal für George W. Bush.

          Beim Baseball in Cleveland war man übrigens auch gezwungen, nach fast vier Stunden in die Verlängerung zu gehen, bis die Chicago Cubs schließlich im zehnten Spielabschnitt mit 8:7 gewannen. Aber das bewegte sich in vorgezeichneten Bahnen. Denn im amerikanischen Mannschaftssport mag man nun mal keine Unentschieden. Jedes Spiel – egal ob im ersten Teil der Saison mit seinem Tabellen-Ranking oder in den Play-offs – sollte einen Sieger haben.

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          So entstand zum Beispiel der Penalty-Shoot-out in der North American Soccer League der siebziger Jahre mit ihren Galionsfiguren Pelé und Franz Beckenbauer, der von der Nachfolgeorganisation Major League Soccer (MLS) in den neunziger Jahren stur übernommen wurde. Auf einen eindeutigen Ausgang, so glaubten die Verantwortlichen, hätte das Publikum einfach ein Anrecht. Die römischen Kaiser im Circus Maximus hatten für ihre Gladiatoren doch auch nur zwei Optionen vorgesehen: Daumen rauf oder Daumen runter.

          Nicht zu reden von dem Sentiment knorriger Trainer wie Football-Coach Eddie Erdelatz, der in den fünfziger Jahren den Spruch geprägt hatte: „Ein Unentschieden ist so, als ob du deine Schwester küsst.“ Die MLS hat diesen Sonderweg inzwischen abgeschafft, um sich den internationalen Gepflogenheiten anzupassen. Hin und wieder sanft verspottet von namhaften Sportpublizisten wie Frank Deford, der vor ein paar Jahren murrte: „Man hat verlässlich berechnet, dass 30 Prozent aller Fußballspiele mit einem Unentschieden enden. Wie kann der Rest der Welt so etwas tolerieren?“

          Vermutlich, weil dieser Rest noch nie derart fixiert auf den Ausgang eines einzelnen Spiels war, da – erstens – auch unentschiedene Spiele höchst spannungsreich sein können und – zweitens – die Mischkalkulation einer kompletten Saison das einzelne Ergebnis ohnehin in den Hintergrund rücken lässt.

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