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Olympia in Peking : Die Tibeter rollen die Fahnen ein

  • -Aktualisiert am

Das IOC in Lausanne schenkte den Exil-Tibetern kein Gehör Bild: AP

Tibet darf bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking kein eigenes Team an den Start schicken. Das IOC erteilte dem im August gegründeten inoffiziellen Nationalen Olympischen Komitee des Landes eine Absage.

          3 Min.

          Draußen die politischen Konflikte – drinnen das Thema Doping: An seinem Hauptquartier in Lausanne erlebte das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu Beginn seiner dreitägigen Exekutivsitzung einen aufschlussreichen „Tag der Menschenrechte“.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Vor der breiten Glastür schnurrten die Luxuslimousinen an einer Gruppe von etwa hundert Exil-Tibetern vorbei, die forderten, im nächsten Jahr eine eigene Mannschaft zu den Olympischen Spielen in Peking entsenden zu dürfen. Hinter dieser Aktion steht der Vorwurf an das IOC, seine Spiele an ein Land vergeben zu haben, das systematisch Menschenrechte verletzt.

          Viele Fragen rund um ein Tohuwabohu

          Hinter einer der undurchsichtigen Innentüren wiederum tagte die Disziplinarkommission, die sich mit dem Sportlerelend ganz oben auf dem Treppchen befassen muss: den zerstörerischen Auswüchsen der pharmazeutischen Leistungsmanipulation. Es geht um die Medaillenumverteilung nach dem Doping-Geständnis der amerikanischen Leichtathletin Marion Jones. Dass sie ihre Medaillen von Sydney 2000 verliert, ist beschlossene Sache.

          Doch wer bekommt Jones’ fünf Trophäen? Muss das IOC etwa eines imagefeindlichen Tages die griechische Kontrollsaboteurin Ekaterini Thanou mit dem 100-Meter-Gold Jahrgang 2000 dekorieren? Dürfen zudem die Staffelkolleginnen von Marion Jones, die mit Hilfe einer gedopten Mitläuferin zu ihrem Erfolg kamen, ihre Medaillen behalten? Erhalten die von einer Dopingstaffel Geschlagenen also keine Entschädigung? Vielleicht sind die Olympier in Lausanne an jenem ungemütlichen Dezember-Montag ja tatsächlich einmal ins Schwitzen geraten angesichts der Vertreter eines von ihrem nächsten Olympia-Ausrichter mit aller Härte unterdrückten Volkes und eines Doping-Tohuwabohus, das nicht mehr unblamabel gelöst werden kann.

          Das IOC dürfte auf Zeit spielen

          Am Mittwoch will die Disziplinarkommission, deren Vorsitz der deutsche Vizepräsident Thomas Bach übernommen hat, der Exekutive ihren Vorschlag zum Umgang mit den Jones-Medaillen unterbreiten. Abschließende Entscheidungen allerdings sind nicht zu erwarten. Geht es strikt nach den Regeln, muss Thanou nämlich als Nachrückerin die Goldmedaille bekommen. Ihr nachweisliches Vergehen, sich kurz vor den Spielen 2004 in Athen einer Trainingskontrolle entzogen zu haben, kann sich nicht rückwärts auf ein Ergebnis aus dem Jahr 2000 auswirken.

          Deshalb dürfte das IOC in diesem Fall auf Zeit spielen. Man warte, hieß es, noch auf die Akten des FBI zur amerikanischen Balco-Untersuchung. Es gibt nämlich Anhaltspunkte, dass sich in den Prozess-Unterlagen gegen den Laborleiter Victor Conte Beweise für die Verwicklung Ekaterini Thanous in dessen Doping-Netzwerk finden könnten. Sollte sich das als wahr herausstellen, hätte die Griechin möglicherweise sogar dieselben Dopingmittel wie Conte-Klientin Marion Jones verwendet.

          Marion Jones und das Staffelproblem

          Einfacher könnte es dem IOC gelingen, den Staffelmitläuferinnen von Marion Jones ihre Medaillen zu nehmen. Die damalige Super-Athletin hatte in Sydney Gold über 100 und 200 Meter und Bronze im Weitsprung gewonnen und zudem mit der 400-Meter-Staffel Platz eins und mit der 100-Meter-Staffel Platz drei belegt. Um allen juristischen Formalien zu genügen, soll erst einmal den acht Staffelkolleginnen von Marion Jones rechtliches Gehör gewährt werden. Diese dürften sich bei dieser Gelegenheit auf den rechtlichen Umgang mit der 400-Meter-Staffel der Männer von Sydney berufen.

          Der Internationale Sportgerichtshof hatte in seinem Urteil aus dem Jahr 2005 nur dem Amerikaner Jerome Young die Goldmedaille entzogen – die anderen Teilnehmer blieben Olympiasieger. „Da gibt es allerdings erhebliche Unterschiede“, sagt Bach. Erstens sei Young nicht nachgewiesen worden, dass er aktuell bei den Spielen von Sydney gedopt gewesen sei. Vielmehr wäre er nach einem vorangegangenen Dopingfall eigentlich nicht startberechtigt gewesen. Zweitens sei Young nicht wie Marion Jones im Finale gelaufen – er war nur bei einem Vor-Rennen eingesetzt. Das Staffelproblem könnte also demnächst gelöst werden – eventuell schon bis Februar durch einen Rundruf der Exekutive.

          Mauer des Schweigens

          Während am Montag drinnen die Juristen in aller Stille an der Imagerettung Olympias feilten, stimmten draußen vor der Tür die Tibet-Flüchtlinge ihre Hymne an. Ihre Heimat wird seit mehr als fünfzig Jahren von China besetzt gehalten, doch sie wollen ein eigenes Team nach Peking entsenden, das sich aus 30 Sportlern rekrutieren soll. Im August hatten sie ein eigenes Nationales Olympisches Komitee (NOK) gegründet und einen Brief und ihre Statuten nach Lausanne gebracht.

          Sie seien, beklagte der in der Schweiz lebende Präsident Wangpo Tethong, auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Am Montag nun wurden sie vorgelassen, der Präsident und zwei Athleten, zu Michel Filliau, dem zuständigen IOC-Manager. Seine Antwort: Ein NOK kann nur dann vom IOC akzeptiert werden, wenn sein Land von der internationalen Gemeinschaft anerkannt ist. Die Tibeter rollten ihre Fahnen ein und zogen im Regen wieder ab. Den „Internationalen Tag der Menschenrechte“ setzten sie woanders fort.

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