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Snooker-Kultstätte „Crucible“ : Ein Ort der Stille

Das Crucible Theatre und Snooker: Obwohl das Gebäude eigentlich zu klein ist, bleibt Sheffield Wallfahrtsort für Fans und Spieler. Bild: Imago

Das Crucible Theatre von Sheffield ist das Wimbledon des Snookers. Einmal im Jahr findet hier die Weltmeisterschaft statt. Dann heißt es: schweigen und staunen. Eine Pilgerreise.

          5 Min.

          Alan McManus hat einen leichten Schnupfen. Das hört man auch in zehn Meter Entfernung an einem Atmen, das einen Tick geräuschvoller ist als bei einer nicht verschnupften Nase. Und dass man es hören kann, das liegt an dieser beeindruckenden Stille im Crucible Theatre von Sheffield, wo der Schotte gerade im Halbfinale der Snooker-WM gegen den Chinesen Ding Junhui spielt.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nur das dumpfe Aufeinandertreffen von Queue und weißer Kugel sowie das helle Klacken, wenn der Spielball eine der farbigen Kugeln trifft, unterbrechen diese Ruhe. Und die Aufeinanderfolge zarter Geräusche, wenn die Kugel wie in den allermeisten Fällen ihr Ziel findet und sich durch eine der sechs Öffnungen zwischen den Banden hindurch ihren Ruheplatz in den kleinen Auffangvorrichtungen unterhalb der Tischkante findet.

          WM im Crucible Theatre : Auf ein paar Kugeln mit einem Snooker-Profi

          Den meisten Besuchern, die sich nur alle paar Minuten nach großartigen oder spielentscheidenden Stößen durch ein kurzes Applaudieren etwas Luft verschaffen, scheint das ständige und anstrengende Schweigen nicht ganz geheuer zu sein. Das begehrteste Produkt im Merchandising Shop in der Lobby des Crucible Theatre ist daher ein kleiner Sender mit Ohrmuschel für 18 Pfund, auf dem die Zuschauer den aus der BBC gewohnten Kommentar mithören können.

          Diese Kommentare gelten im Vereinigten Königreich als Kunstform, so wie auch die Ansprachen von Rolf Kalb, der deutschen Stimme des Snooker, an das deutlich kleinere Publikum im deutschen Spartensender Eurosport. Auch das passt zur Geschichte des Spielorts.

          Artistik am Tisch: Ding Junhui bei der Snooker-WM im Crucible Theatre.
          Artistik am Tisch: Ding Junhui bei der Snooker-WM im Crucible Theatre. : Bild: AP

          Das Crucible Theatre ist kein Gebäude, das für Snooker errichtet oder auch nur für diese Billard-Variante verändert wurde. Es ist ein in den siebziger Jahren gebautes Theater, das Platz bieten sollte für Kultur in Sheffield, einer industriell geprägten Stadt am nordöstlichen Rand des Peak Districts. In architektonischer Hinsicht ist das „Crucible“ kein Gebäude, das bleibenden Eindruck hinterlässt. Seine Form und die glutfarbenen Sitze sollen an einen Schmelztiegel („Crucible“) erinnern als Würdigung der in Sheffield beheimateten Stahlproduktion. Und als Theater sollte es zum „melting pot“ werden, in dem Kultur jeglicher Art verschmilzt.

          Dass Snooker samt der Kommentatorenleistung der berühmteste Inhalt dieses kulturellen Schmelztiegels geworden ist, passt dementsprechend. Denn Snooker, nach Fußball und Darts der Sport mit den höchsten Einschaltquoten im britischen Fernsehen, ist für die Bewohner des Vereinigten Königreichs mehr als ein simples Spiel aus den Hinterzimmern der Pubs, wo Snooker-Tische heutzutage noch ganz in der Nähe von Dart-Boards stehen. Snooker ist ein von Offizieren der britischen Kolonialkräfte in Indien um 1875 erfundenes Kulturgut, weil es die gepflegte, von Strategie bestimmte Form des Billards mit einer ganz eigenen Etikette ist. Die Spieler müssen Weste und Fliege tragen, während sie abwechselnd eine nur einen Punkt zählende rote und dann eine wertvollere, andersfarbige Kugel versenken und dabei abenteuerlichste Lagen auf dem Tisch mit grandiosem Feingefühl und strategischer Weitsicht lösen.

          Ganz nebenbei sind die Spieler auch zu gutem Benehmen angehalten - was der bei der derzeit laufenden Weltmeisterschaft früh ausgeschiedene Superstar Ronnie O’Sullivan gelegentlich konterkariert, wenn er seine Extravaganz mit dem Ausziehen der drückenden Schuhe während des Spiels vorführt.

          Sport mit Stil: Die Spieler müssen Weste und Fliege tragen,
          Sport mit Stil: Die Spieler müssen Weste und Fliege tragen, : Bild: AP

          Den Höhepunkt des Jahres erlebt dieser Sport an diesem Montag, wenn sich die zwei besten Spieler des Turniers in maximal 35 einzelnen Spielen im zweiten Teil des Finales gegenüberstehen: Am Sonntagabend hat sich der Weltranglistenerste Mark Selby einen 10:7-Vorsprung gegen den ersten chinesischen WM-Finalteilnehmer Ding Junhui erarbeitet - das längste Frame eines von vielen strategischen Grabenkämpfen bestimmten Abends dauerte 66 Minuten (ab 15 Uhr live auf Eurosport 1).

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