https://www.faz.net/-gtl-9y82o

Zum Nachteil der Spieler : Das Milliarden-Spiel der NFL

  • -Aktualisiert am

Einer der stärksten Widersacher: Eric Reid will, dass die Spieler noch einmal befragt werden. Bild: AP

Die NFL verabschiedet einen neuen Tarifvertrag – doch die Profis profitieren am wenigsten vom boomenden Geschäft. Die Spielgewerkschaft steht in der Kritik. Ein Profi führt die Opposition gegen die Einigung an.

          3 Min.

          Als der Wahlgang zu Ende war und die Stimmen ausgezählt, gab die National Football League (NFL) eine gutgelaunte Depesche an die amerikanischen Medien heraus. Die American-Football-Profis hatten bei ihrer Urabstimmung den neuen Tarifvertrag akzeptiert und damit den Grundstein für eine neue Phase im Geschäftsbetrieb der umsatzstärksten Liga der Welt gesorgt. Das Papier werde die Liga „umformen“ und gleichzeitig wegen seiner ungewöhnlich langen Laufzeit „für die nächsten elf Jahre Arbeitsfrieden stiften“.

          Der Grund für die frohe Botschaft: Die Verhandlungsführer der NFL hatten viel gewonnen, aber dafür nur wenige Zugeständnisse gemacht. Von der kommenden Saison an wird ein um zwei auf vierzehn Teams aufgestocktes Play-off-Schema möglich, genauso wie die Ausdehnung der Saison auf siebzehn Spiele für jede Mannschaft. Im Gegenzug wird es höhere Minimalbezüge für Spieler am unteren Ende der Gehaltsskala geben und einen leichten Anstieg beim Verteilungsschlüssel der Gesamteinnahmen. Der Topf für den Anteil der Profis, aus dem sich solche Dinge wie die Salary cap für alle 32 Teams errechnen, soll demnächst auf 48 Prozent steigen.

          Frieden könnte trügerisch sein

          Was die Mitteilung nicht verriet, war die wichtigste Triebfeder dafür, weshalb die Liga den neuen Vertrag bereits ein Jahr vor Termin unter Dach und Fach bringen wollte: Für die anstehenden Verhandlungen um einen neuen Fernsehvertrag, mit dem man die Lizenzeinnahmen auf schwindelerregende 25 Milliarden Dollar (23,13 Milliarden Euro) hochtreiben will, war Stabilität bezogen auf den entscheidenden Kostenfaktor von essentieller Bedeutung.

          Der Frieden könnte trügerisch sein. Nicht nur zeigte das Votum von 1019 zu 959, dass nur eine hauchdünne Mehrheit hinter der Vereinbarung und der eigenen Gewerkschaftsführung steht. Zur Mitte der Woche entdeckten die Anwälte von Eric Reid, einem der lautstärksten Widersacher, einen kuriosen Unterschied zwischen der Fassung, über die die Spieler abgestimmt hatten, und der, die als verbindliche Version auf der Website der National Football League Players Association (NFLPA) präsentiert wurde. Die Differenz mag gering sein und nicht genügen, um das 400 Seiten lange Abkommen mit Hilfe formaljuristischer Einwände zu kippen. Sie bestärkte jedoch den Verdacht all jener, die der Auffassung sind, dass DeMaurice Smith, seit 2009 der Geschäftsführer der Arbeitnehmerorganisation, kein hartnäckiger und kampfbereiter Gewerkschaftler ist, sondern ein Mann, der trotz aller Rhetorik ein eigenes Spiel spielt, bei dem die Interessen der Liga am Ende immer gewinnen.

          Denn mehrere substantielle Fragen kamen wieder einmal in den Verhandlungen gar nicht erst auf. So bleibt die Laufzeit der Verträge von NFL-Profis mit ihren Teams im Unterschied zu anderen amerikanischen Ligen auch weiterhin nicht garantiert. Und das in einer Sportart, die die Gesundheit ihrer Aktiven so verschleißt wie keine andere. Ein Geist, der sich ebenfalls in einer allzu bescheidenen Altersabsicherung für die zahllosen frühinvaliden ehemaligen Spieler manifestiert.

          Smith kämpft spätestens seit 2016 um seine Reputation, als er es vermied, die Gewerkschaft in der Auseinandersetzung zwischen der Liga und Colin Kaepernick in Stellung zu bringen. Der Quarterback, der damals noch bei den San Francisco 49ers unter Vertrag stand, war mit seinen stummen Protestaktionen gegen Polizeibrutalität zur Symbolfigur eines neuen, selbstbewussten Typs von Profi geworden. Er hat jedoch trotz seiner unumstrittenen Qualitäten seither von keinem der 32 Klubs ein Jobangebot erhalten. So sah er sich gezwungen, ganz allein und ohne jede Solidarität der Gewerkschaft gegen diese Form der verkappten Aussperrung juristisch vorzugehen. Sein Kampf endete in einem Vergleich, über dessen Details Stillschweigen vereinbart wurde.

          Neue Abstimmung gefordert

          Traditionell waren amerikanische Football-Profis im Vergleich zu den streikbereiten Protagonisten in anderen Sportarten schon immer eher vergleichsweise illoyal. Legendär: die Spieler, die in den achtziger Jahren als Streikbrecher ihren Kollegen in den Rücken fielen. Vor zehn Jahren ließen sich die Profis unter dem Druck der Liga einen erhebliches Quantum ihres Einnahmeanteils wieder wegnehmen: Der sank von 59 auf 47 Prozent und ließ sich auf einen Verlust von zehn Milliarden Dollar hochrechnen. Entsprechend stieg der Marktwert der Klubs. Der für den sechsmaligen Super-Bowl-Gewinner New England Patriots etwa liegt Schätzungen von Insidern zufolge bei 4,1 Milliarden Dollar. Die Vergleichszahl von 2010: 1,3 Milliarden Dollar (3,79 Milliarden Euro). Eine Wertsteigerung, von der Patriots-Profis nicht profitieren.

          Die Position von Reid und seinen Anwälten ist eindeutig: Sie verlangen, dass die Urabstimmung über den neuen Tarifvertrag für ungültig erklärt wird und alle Spieler noch einmal befragt werden. Für Smith geht es bei dieser internen Auseinandersetzung um mehr als nur darum, sein Gesicht zu wahren. Für ihn steht der Job auf dem Spiel. Ein Posten, der hervorragend dotiert ist. Er verdient 2,3 Millionen Dollar brutto im Jahr (2,12 Millionen Euro). Dreimal so viel wie das mittlere Gehalt eines NFL-Profis.

          Weitere Themen

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Schüler einer vierten Klasse sitzen zu Beginn des Unterrichts in Dresden auf ihren Plätzen.

          Im neuen Schuljahr : Welcher Lernstoff ist verzichtbar?

          Auch nach den Sommerferien wird der Unterricht anders sein als gewohnt. Drei Szenarien sind denkbar. Die Friedrich Ebert Stiftung schlägt nun vor, Prüfungs- und Lehrinhalte zu reduzieren. Streit ist programmiert.
          Streit mit der Bild-Zeitung: Virologe Christian Drosten

          „Bild“ gegen Drosten : Wahrheit im Corona-Style

          Die Kampagne gegen den Virologen Drosten ist sachlich unbegründet, niveaulos und niederträchtig. Sie richtet sich gegen die Wissenschaft. Und damit ist weder der Gesellschaft noch der Politik gedient.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.