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Handball : Kieler Umfaller

  • -Aktualisiert am

Kein Zugriff: Der Kieler Block geht gegen Kielce ins Leere Bild: POLAK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Etwas ganz Neues beim THW Kiel: Der Serienmeister hat ein Mentalitätsproblem. Dem Trainer Gislason, gerade an der Bandscheibe operiert, stärkt der Klub aber den Rücken.

          3 Min.

          Es gibt einen historischen Vergleichswert der Krise. Er stammt aus dem Jahr 2002, und kramt man die alten Zahlen hervor, erscheint die Lage von damals viel aussichtsloser als die Misere heute. Mit 2:10 Punkten war der THW Kiel in die Bundesligasaison 2002/2003 gestartet. Was für ein Desaster des amtierenden Meisters! Nur: In Kiel zuckte keiner. Der damalige Manager Uwe Schwenker erklärte die missliche Situation; drei Mann verletzt (Lövgren, Lozano und der heutige Trainer der Rhein-Neckar Löwen, Nikolaj Jacobsen), der wichtigste Spieler zu Hause in Schweden im Vorruhestand, Wislander. Das genügte der Öffentlichkeit. Später im Jahr verlängerte Schwenker den Vertrag mit Trainer Noka Serdarusic. Kiel wurde 2003 Sechster, und Serdarusic und Schwenker bauten in Ruhe ein neues Team auf, das bis zum Untergang des Kieler Reiches infolge des Manipulations-Skandals die Liga beherrschte.

          2:10 Punkte hat der THW des Jahrgangs 2017 nicht auf dem Konto, es sind 6:6 vor dem Knüller bei den Löwen am Sonntag. Aber die müde Bilanz in der Meisterschaft ist zusammen mit den zwei Niederlagen aus der Champions League ein solch alarmierender Saisonstart, dass in Kiel plötzlich die Stühle des Führungspersonals wackeln.

          Die Macher der Gegenwart sind seit November 2013 Manager Thorsten Storm und Trainer Alfred Gislason. Ihr THW ist nach Jahren des Umbaus, der eher eine mühsame Renovierung war, an einem Tiefpunkt angekommen: sowohl in Wetzlar am Donnerstag beim 22:30 als auch in Kielce, wo Kiel am Sonntagabend 21:32 unterging, fing sich die Mannschaft Demütigungen ein.

          Überrascht von der Tiefe der Krise

          Die Verantwortlichen sind von der Tiefe der Krise überrascht. „Der Umbau ist vorbei“, hatte Gislason gesagt, es sollte der Angriff auf die Meisterschale folgen. „Es sprach gar nichts dafür, dass wir so schlecht in die Saison starten“, sagt Storm. Immerhin dem Trainer stärkte Aufsichtsrats-Chef Reinhard Ziegenbein erst einmal den Rücken. Auf dieser Position sehe er „keinen Handlungsbedarf“, sagte er den „Kieler Nachrichten“.

          Tatsächlich hat diese Mannschaft etwas völlig Untypisches für Kieler Handball-Verhältnisse – ein Mentalitätsproblem. Auf Wislander kam Lövgren, auf Lövgren folgte Marcus Ahlm: bis 2013 konnte sich der THW auf schwedische Führungspersönlichkeiten verlassen. Ahlm war ein Profi, der zur Not selbst die im Schlaf beherrschten Spielsysteme ansagte, wenn von der Bank zu wenig kam. Es gab Stabilität, eine Struktur, die ein Wegrutschen und Zusammenklappen wie in Kielce oder Wetzlar verhinderte. Man nannte diesen entscheidenden Faktor das THW-Gen. Unter ein gewisses Niveau rutschte die Mannschaft vom Beginn dieses Jahrzehnts an nie. Gislason hielt die Zügel in der Hand und regierte dennoch partnerschaftlich, das unterschied ihn von Serdarusic und kam gut an. Spektakulären oder schönen Handball spielte Kiel weder unter dem einen noch dem anderen. Aber es waren immer die kantigen Kerls da, die mit Mentalität, Herz und Können das Blatt (meist) zum Guten wenden konnten.

          Und heute? Die Handballwelt ist eine andere; das ist gewiss nicht Kiels Schuld. Die Geldströme fließen nach Osten und Paris, die Stars scheuen den Aufwand von Bundesliga und Champions League im Stahlbad Profi-Handball. Dem THW gehen die Typen aus. „Einer nach dem anderen fällt um“, hat Storm über einen Kader gesagt, den er zusammen mit Gislason eingekauft hat. Der, der vorangehen soll, fehlt – Domagoj Duvnjak. Seine Knieoperation war überfällig. Im Oktober soll er zurück sein. Aber die Abhängigkeit von einem Akteur hat es in Kiel dergestalt nie gegeben. Storm und Gislason haben auf Formschwächen und Verletzungen der vergangenen Jahre zunehmend panisch reagiert und Spieler geholt, die den Kader aufblähten, teuer waren, aber nur Lückenbüßer blieben: Zeitz, Lackovic, Jaanimaa, Anic, Brozovic, letztlich auch Dissinger.

          Handball ist nicht Fußball, hier braucht es nach wie vor einen Chef, der vorangeht. Die Löwen haben ihn seit Jahren: Andy Schmid. In Flensburg war beim Champions-League-Triumph 2014 Thomas Mogensen der Boss. Kiel hat in diesen Tagen nur den Abwehrkämpfer Patrick Wiencek zu bieten; Gislason hat ihn groß gemacht. Aber der leise Wiencek ist kein Anführer. Zwei andere, die in Gislasons Schule zu Stars werden sollen, erleben gerade die erste große Krise ihrer Laufbahn: Lukas Nilsson und Nikola Bilyk. Für den Moment muss sich Storm die Frage gefallen lassen, ob es nicht selbst für ein Schwergewicht wie Gislason eine zu harte Nuss war, aus diesem unausgegorenen Kader eine Handball-Großmacht bauen zu sollen. Der Kämpfer Gislason, frisch am Rücken operiert, offenbarte nach Wetzlar Ratlosigkeit.

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