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Die Klitschkos im Kino : Der klaffende Riss quadratmetergroß

Die sonnigen Brüder aus dem postsowjetischen Kiew: Sie treibt nicht Gier und Verzweiflung Bild: dpa

Die Klitschkos, vom deutschen Publikum adoptierte Preisboxer, sind eine Marke. So ist auch der Dokumentarfilm „Klitschko“. Noch mehr Zeitlupe, noch mehr O-Ton, noch mehr Sound. Ein Film als Über-Fernsehen, von diesem Donnerstag an in den Kinos.

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          Den Leuten vom Box-Club Flensburg war ein Coup gelungen: Für ihre Bundesliga-Staffel hatten sie einen riesigen Ukrainer verpflichtet. Und dann fiel der Super-Schwergewichtler plötzlich aus: gesperrt wegen Dopings mit Nandrolon. Verzweifelt rief der Boxfunktionär in Kiew an und erhielt die beruhigende Nachricht: „Wir haben noch einen. Der sieht genauso aus und ist genauso gut.“ So kam Deutschland vor 17 Jahren zu Witali und Wladimir Klitschko. Schnell erwarb sich der Jüngere einen Ruf als K.o.-König der Bundesliga. Ein Jahr später, 1996 in Atlanta, war er Olympiasieger. Da war es vorbei mit den Plänen des Boxklubs, auf dem Erfolg der Brüder in Weiche-Handewitt den Neubau einer Sporthalle zu gründen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Klitschkos wurden Preisboxer in Deutschland, und das Fernsehpublikum adoptierte sie. Bis zu 14 Millionen Zuschauer sahen ihre Kämpfe. 2008 wurden die beiden Weltmeister verschiedener Verbände im Super-Schwergewicht. Schon am Ostersonntag hatte ihr Film beim Tribeca-Filmfestival in New York Premiere. Mittwoch ist Europa-Premiere in Essen. Von diesem Donnerstag an kann das deutsche Publikum der Klitschkos Aufstieg im Kino sehen.

          Der Film als Über-Fernsehen

          Man könnte ihn „Super-RTL“ nennen, den Film, wenn dies nicht der Name eines Senders wäre. Schließlich bietet „Klitschko“ noch mehr Nähe, noch mehr Farbe, noch mehr Zeitlupe, noch mehr O-Ton und sogar noch mehr Sound als RTL, der Sender, der die Kämpfe der beiden überträgt. Der Film als Über-Fernsehen: Fast glaubt man, in die Wunde hineinzufallen, die sich beim Kampf von Witali gegen Lennox Lewis auftut. Sie ist der Beweis, dass der weiße Riese kein „Quitter“, kein Weichei, und der Aufmerksamkeit des amerikanischen Publikums würdig ist. So wird der klaffende Riss quadratmetergroß auf die Leinwand projiziert - bis der Ringarzt den Kampf beendet, nicht der Gegner.

          Scheinwerferlicht gewohnt: Witali Klitschko

          Jeden Hieb scheint ein synthetischer Paukenschlag zu untermalen; der Zuschauer spürt ihn in der Magengrube. Doch die Perlen dieses Films sind nicht Jab und Schwinger, nicht Blut und Schweiß und auch nicht Hoch und Tief von gleich zwei Boxerkarrieren. Dazu ist ihr Aufstieg doch zu deutlich vom Fehlen erstklassiger Gegner geprägt, und man weiß nicht recht, ob dies das Pech oder das Glück der beiden ist. Echte Trouvaillen sind die Aufnahmen, die Witali in der elterlichen Wohnung in Kiew bei autobiographischen Filmversuchen zeigen, Bilder des sowjetischen Kickboxers Witali und des Flensburger Amateurboxers Wladimir.

          Vom Gegenlicht geblendet sieht man den Manager Don King, wie er an seinem Flügel in die Tasten greift - welche sich automatisch bewegen. Die Boxer bemerkten den Bluff. „Er war nicht ehrlich“, folgert Witali. Auch deshalb entschieden sich die beiden gegen die Leibeigenschaft in Amerika und für das Fernsehgeld in Deutschland.

          Sie treibt nicht Gier und Verzweiflung

          „Boxen ist unser Leben“, sagte Witali bei der Vorstellung des Films in Berlin, „aber unser Leben ist nicht nur Boxen.“ Den Klitschkos fehlt das Desperate, sie treibt nicht Gier und Verzweiflung in die Arme windiger Manager. Und so wie sie an deren Stelle die Kontrolle über ihre boxerischen Unternehmungen übernommen haben, scheinen sie auch den Film zu ihrem Projekt gemacht zu haben. Die Folge ist, dass er die Ausnahmestellung der Klitschkos just in dieser Hinsicht nicht belegt: Es fällt kein Wort darüber, dass die beiden praktisch ein Monopol auf vorzeigbare Faustkämpfe in der höchsten Gewichtsklasse haben und darauf ein Wirtschaftimperium gebaut haben.

          Zwar flohen sie das postsowjetische Kiew, das sie als Stadt „ohne Gesetz und ohne Zukunft“ beschreiben. Doch sie waren Offiziere, als sie nach Deutschland kamen. Beide sind in Sportwissenschaft promoviert. Immerhin sieht man, wie Witali, ausdauernder Bürgermeisterkandidat von Kiew und Parteiengründer, bei einer Schlägerei im Stadtparlament angegriffen wird und sich entschlossen zurückhält. Und obwohl der Film sich eigentlich auf die Geschichte vom Aufstieg mit der Faust konzentrieren will, gewährt Regisseur Sebastian Dehnhardt der Aktualität von Tschernobyl in den Zeiten von Fukushima ein wenig Raum.

          Den Vater hat es erwischt im Einsatz gegen Kernschmelze

          Zehn Jahre alt war Wladimir, als das Atomkraftwerk nahe ihrer Heimat, einer Garnisonsstadt bei Kiew, explodierte. Er erzählt, wie er ein Papierschiffchen auf Wasser schwimmen ließ, mit dem Hubschrauber und Militärfahrzeuge nach dem Einsatz in der verstrahlten Zone abgewaschen worden waren. Nach wenigen Tagen setzte Mutter Klitschko den Kleinen in einen Zug, der nach Süden rollte. Währenddessen zog Vater Klitschko, Oberst der Roten Armee, in den hoffnungslosen Einsatz gegen Kernschmelze und Verseuchung. Ihn habe es erwischt, fasste Witali die Folgen zusammen.

          Er und sein Bruder saßen zwischen schlichten Schildern mit ihrem Namen, als sie am Kurfürstendamm in Berlin ihren Film vorstellten. Kein bisschen Glamour wollte sich einstellen. Wie es dem Vater gehe, wurde Witali gefragt. „Dank deutscher Ärzte geht es ihm gut“, antwortete er. Allein dafür hat es sich gelohnt, dass er und sein Bruder als Boxer ihre Köpfe hin hielten.

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