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WM-Kommentar : Die Kasse stimmt im Schach

Er bestimmt nun die Züge in Saudi-Arabien: Kronprinz Muhammad bin Salman Bild: dpa

Noch bis zum Silvester läuft die Schnellschach-WM in Saudi-Arabien. Für Kronprinz Muhammad bin Salman sind die Auftritte der Elite ein sportpolitischer Eröffnungszug – das zeigt sich auch im Umgang mit Spielern aus Israel.

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          Die Zeiten ändern sich, manchmal muss man eben nachhelfen. Mal weniger, mal mehr. Muhammad bin Salman, Kronprinz von Saudi-Arabien, ist einer, der auch mal ein bisschen mehr nachhilft; an den nötigen Mitteln fehlt es nicht. Jüngst wurde bekannt, dass er das Château Louis XIV in der Nähe von Paris, angeblich die teuerste Wohnimmobilie der Welt, im Jahr 2015 für 275 Millionen Euro gekauft hatte. Was sind da sieben Millionen, die Saudi-Arabien aufbringen musste, um den Internationalen Schachverband Fide davon zu überzeugen, die Schnell- und Blitzschachweltmeisterschaften dreimal, bis einschließlich 2019 in Riad stattfinden zu lassen? Trinkgeld? Portokasse?

          Von wegen. Für Muhammad bin Salman, der Kronprinz mit dem Akronym (MBS), sind die Auftritte der Schach-Elite beiderlei Geschlechts ein sportpolitischer Eröffnungszug. Bis zum Silvestertag läuft die erste Schach-WM in Saudi-Arabien, bin Salman will der Welt beweisen, dass es ihm ernst ist mit der Modernisierung der saudischen Gesellschaft. Noch im Jahr 2014 hatte der saudische Großmufti im Fernsehen das Schachspiel zur Sünde erklärt – ohne dass sich Schachfreunde dadurch von ihrem Spiel abbringen ließen. Nun bestimmt MBS die Züge in Saudi-Arabien.

          Sicherheitsapparat unter seine Kontrolle gebracht

          Im November hatte er einige der reichsten Landsleute im Hilton von Riad matt gesetzt und den Sicherheitsapparat unter seine Kontrolle gebracht. In Zukunft, das ist Teil der Strategie, soll die junge Generation mehr Bürgerrechte bekommen in Saudi-Arabien und im Gegenzug den konfrontativen Kurs in der Außenpolitik insbesondere gegen Iran mittragen. Insoweit decken sich die Ziele bin Salmans mit jenen Israels. In der Praxis aber zeigt sich gerade im Umgang mit Schachspielern aus Israel, wie weit Wunsch und Wirklichkeit der saudischen Offensive auseinanderliegen. Saudi-Arabien hat Israel nie anerkannt, folglich wurden sieben israelischen Schachspielerinnen und Schachspielern die Visa verweigert.

          Die Fide vergibt seit Jahren internationale Turniere in Staaten, in denen die Diskriminierung von Israelis zur Staatsräson gehört – und missachtet unverhohlen die eigenen Statuten, in denen „diskriminierende Behandlung auf Grund von nationalen, politischen, rassischen, sozialen oder religiösen Gründen oder aus Gründen des Geschlechts zurückgewiesen“ werden. Weiter heißt es: „Wettbewerbe dürfen nur von Verbänden ausgetragen werden, bei denen freier Zugang für Repräsentanten aller Verbände grundsätzlich sichergestellt ist.“

          Mit der Austragung des Turniers in Riad tritt die Fide das eigene Regelwerk ebenso mit Füßen wie mit dem Frauen-WM-Turnier im vergangenen Februar in Teheran. Jüngst hatte auch die Vereinigung der Schach-Profis gegen die Vergabe nach Saudi-Arabien protestiert. Der Fide ist das offenkundig gleichgültig. Sie unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von etlichen anderen internationalen Sportverbänden: Man muss eben wegsehen können, damit die Kasse stimmt. Vor allem, wenn einer wie Muhammad bin Salman dabei nachhilft.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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