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Große Basketball-Überraschung : Crailsheim „klickt“

  • -Aktualisiert am

Crailsheims Sebastian Herrera (l.) in Duell mit Göttingens Elias Lasisi: „Es hat Klick gemacht.“ Bild: dpa

Die Basketball-Bundesliga will sich in den Metropolen etablieren. Doch die Aufstände „kleiner gallischer Dörfer“ tun der Liga gut. Derzeit mischt Crailsheim die Szene auf.

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          In der vergangenen Saison gehörten Rasta Vechta die ersten Schlagzeilen zur Basketball-Bundesliga. Der Aufsteiger aus der niedersächsischen Provinz kreierte einen eigenen Stil und schloss die Spielzeit sensationell auf Platz vier ab. Der zweite Neuling, die Hakro Merlins Crailsheim, spielten dagegen weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung.

          Lediglich zum Schluss der Hauptrunde stand das Team im Rampenlicht, als es den sicher scheinenden Abstieg durch zwei Siege in Jena und gegen Oldenburg verhinderte. „Das war ein magischer Tag“, sagt Cheftrainer Tuomas Iisalo im Rückblick auf den 12. Mai. Trotzdem: Die Crailsheimer, überaltert, nicht athletisch genug, überstanden die Bewährungsprobe nur mit viel Glück. Sportdirektor Ingo Enskat und sein finnischer Coach entschieden sich, bei der Zusammenstellung des neuen Kaders zu einer Radikalkur. Mit DeWayne Russell (25) und Sebastian Herrera (21) blieben lediglich zwei Profis im Kader. Auf der Bank wird der 37-jährige Iisalo jetzt von seinem vier Jahre jüngeren Bruder Joonas assistiert.

          Die Umstrukturierung wirkt. Nach vier Spieltagen sind die Hakro Merlins Crailsheim noch ungeschlagen, das Überraschungsteam der Stunde. Auch am Samstag ging der Höhenflug der Merlins weiter, die BG Göttingen wurde souverän 83:57 besiegt. „Diese vier Siege sind nicht mehr als eine Momentaufnahme. Wir freuen uns darüber, dass wir sie auf der Habenseite verbuchen können“, sagt der Sportdirektor. Auch Tuomas Iisalo hält trotz des zweiten Tabellenplatzes erst einmal unbeirrt am Saisonziel Klassenverbleib fest, obwohl die Konkurrenz seinem Team Play-off-Chancen zugesteht. Für den Head Coach ist die neue Zusammenstellung seines Teams eine bewusst gewählte Herausforderung, eine Art Prinzipienwechsel: „Tuomas ist ein analytischer und taktischer Trainer. Vielleicht hat er deshalb zuvor eher zu erfahrenen Spielern tendiert. Aber jetzt hat er viel Spaß mit dieser hungrigen Mannschaft, die alles aufsaugt“, sagt Enskat und verweist auf eine enorme Trainingsintensität.

          Cheftrainer Tuomas Iisalo: „Das war ein magischer Tag“.

          Bei der Verpflichtung der neuen Ausländer achteten beide besonders auf Athletik und Verteidigungsqualitäten. In der Defensive wirkt die Mannschaft solide, aber trotz ihrer vielen Ballgewinne brilliert sie bislang noch mehr mit ihrer Offensive: 97 Punkte gelangen Crailsheim bislang pro Partie. Bislang kann niemand in der Liga in dieser Kategorie mithalten. Beim Auswärtsspiel in Bonn (114:82) bescherten sie den Rheinländern am dritten Spieltag die höchste Heimniederlage der Vereinsgeschichte. Wie hoch diese Leistung zu bewerten ist, zeigte sich zwei Tage später, als die Bonner völlig überraschend den deutschen Meister Bayern München aus dem Pokalwettbewerb warfen.

          Der Crailsheimer Angriff zeichnet sich in erster Linie durch sehr gute Ballbewegung aus. Mit uneigennützigem Passspiel werden immer wieder die guten Werfer in Position gebracht. Mit 41,4 Prozent ist die Trefferquote bei den Dreipunkte-Würfen gut, vor allem wenn man bedenkt, dass die Merlins genauso viele „Dreier“ wie „Zweier“ nehmen. Für die Spieler selbst scheinen die Erfolge nicht überraschend zu kommen.

          Zielsicher: Crailsheims Javontae Hawkins

          Bereits nach dem Auftaktsieg in Gießen sagte der junge Kapitän Herrera, dass aus seiner Sicht die neue Mannschaft von der ersten Sekunde an „geklickt“ habe. Der Sohn einer deutschen Mutter und eines chilenischen Vaters ist der Aufsteiger der noch jungen Saison. 2014 spielte er mit der chilenischen Jugendnationalmannschaft ein Turnier in Deutschland, womit seine Karriere im Heimatland der Mutter begann. Über Trier führte sein Weg nach Crailsheim, wo er in seiner ersten Bundesligasaison 4,5 Punkte pro Partie erzielte und als ein reiner Dreipunktespezialist galt.

          In den ersten vier Spielen der aktuellen Spielzeit gelangen ihm 17 Punkte im Schnitt. Aber Herrera ist nicht nur als Scorer aufgetreten. Im Sommer arbeitete er hart daran, seinem Repertoire neben dem Distanzwurf weitere Dimensionen hinzuzufügen. „Seba hat sich vor allem defensiv stark verbessert“, sagt Enskat. Hungrig, uneigennützig und wurfstark – die Crailsheimer Mannschaft präsentiert sich bislang hochfunktional.

          Für einen mittelfristigen Höhenflug sind die Voraussetzungen aber nicht gegeben. Mit nur 34.000 Einwohnern verfügt die Stadt im fränkisch geprägten Nordosten Baden-Württembergs über keine ausreichende Basis. Die außerhalb gelegene Arena Hohenlohe ist eine Mehrzweckhalle, in der auch Viehauktionen stattfinden.

          Entsprechend gehört für den jahrelangen Protagonisten Martin Romig eine neue Spielstätte zu den wichtigsten Themen. Auch wenn die Liga-Führung immer wieder propagiert, dass sie sich stärker in den Metropolen etablieren möchte, bieten die Aufstände kleiner gallischer Dörfer wie Crailsheim eine Facette, die der Liga guttut.

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