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World Cup of Hockey : Das Beste vom Rest

  • -Aktualisiert am

Jede Menge Spaß: Das Team Europa stürmt ins Finale – und Deutschland mischt kräftig mit. Bild: AFP

In der Rolle des Außenseiters an den Favoriten vorbei bis in die Finals: Die Europa-Auswahl schreibt beim World Cup of Hockey weiter an ihrer Geschichte – und ist doch jetzt schon der große Gewinner.

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          Tomas Tatar saß auf dem Podium und lächelte. Vor ihm waren im Pressezentrum des Air Canada Centre von Toronto zahlreiche Medienvertreter und fragten immer wieder nach dem „Wie“. Wie es zu erklären sei, dass Tatar und das Team Europe beim World Cup of Hockey in der Finalserie stünden und eben nicht die hoch gehandelten Vereinigten Staaten oder Schweden, das wenige Minuten zuvor im Halbfinale der Europa-Auswahl durch einen Tatar-Treffer in der Verlängerung 2:3 unterlag. Tatar verwies auf den Geist in der Kabine.

          Man habe jede Menge Spaß und helfe sich auf dem Eis gegenseitig, sagte der Slowake. Er fand sich auf dem Podium in jener Situation wieder, in der andere Mitspieler und Trainer Ralph Krueger nach den vorherigen Turnierspielen auch schon gewesen waren. Sie mussten über ihre Außenseiterrolle sprechen und darüber, wie sie es letztlich geschafft hatten, die vermeintlichen Favoriten Vereinigte Staaten, Tschechien oder Schweden zu besiegen.

          Dabei hatten sie sich selbst nie so richtig als Underdog gesehen, sondern wurden von den Medien in diese Position gedrängt. Eine Auswahl mit Spielern aus acht Nationen – was sollte da schon groß zu erwarten sein? Zumal es sich um Deutschland, die Slowakei, Schweiz, Österreich, Frankreich, Norwegen, Dänemark und Slowenien handelte – mitunter also Eishockey-Entwicklungsländer – und eben nicht um die großen europäischen Eishockey-Nationen Russland, Finnland, Schweden und Tschechien. „Wir sind quasi ein Allstar-Team vom europäischen Rest“, sagt Christian Ehrhoff.

          Er ist einer von sechs Deutschen in einer Mannschaft ohne Vergangenheit und vermutlich wohl auch ohne Zukunft. Als Ehrhoff 2004 beim bis dato letzten World Cup of Hockey spielte, trug er genauso wie Dennis Seidenberg noch das Trikot der deutschen Nationalmannschaft, und seine jetzigen Mitspieler Zdeno Chara, Marian Hossa sowie Marian Gaborik liefen für die Slowakei auf. Zwölf Jahre später sind weder Deutschland noch die Slowakei stark genug, um eine konkurrenzfähige Mannschaft zu stellen. Deshalb stehen die fünf Akteure nun zusammen im Team Europe auf dem Eis.

          „Eines der besten Turniere der Welt und wir stehen in den Finals“

          Ehrhoff ist derzeit ebenso wie Seidenberg ohne Verein. Beide wollen sich durch ihre Auftritte für einen neuen Vertrag in Nordamerikas Profiliga NHL empfehlen. Derlei Fakten oder auch die Tatsache, dass Krueger seit zwei Jahren als Fußball-Funktionär beim FC Southampton arbeitet und gegenwärtig nur ein einmonatiges Eishockey-Gastspiel gibt, machen den Erfolg der Europäer zu etwas Besonderem, ja fast Aberwitzigem. „Eines der besten Turniere der Welt, die besten Spieler der NHL an einem Ort, und wir stehen in den Finals – unsere Geschichte geht weiter“, sagte Tatar. Sein Siegtreffer in der vierten Minute der Nachspielzeit war ein Symbolbild für dieses Team. Der kleine Tatar (1,78 Meter) setzte sich an der rechten Bande gegen den 20 Zentimeter größeren Victor Hedman durch, lief vor das Tor, wo er einen Pass von Mats Zuccarello im zweiten Versuch über die Linie drückte.

          Auch die vermeintlichen Favoriten aus Schweden scheiterten an der Europa-Auswahl mit 2:3 im Halbfinale.

          Der vielumjubelte Siegtreffer wurde von einem Slowaken erzielt, von einem Norweger sowie einem Slowenen vorbereitet. Die Verteidiger, die bei dieser Szene auf dem Eis standen, sind Deutscher (Seidenberg) und Schweizer (Roman Josi), das Tor hütete Jaroslav Halak (Slowakei). Sie kommen alle aus Europa, doch sind seit Jahren in der NHL zu Hause, kennen nordamerikanische Systeme. Ehrhoff beschreibt die Spielweise als „relativ einfaches Eishockey“. Man wolle aus dem eigenen Drittel, so schnell es gehe, durch gute Pässe oder gute Arbeit an der Bande nach vorne kommen.

          Die neutrale Zone soll mit Geschwindigkeit überbrückt werden, und offensiv habe man dann Freiräume, könne kreativ werden. Hinzu kommt mit Halak ein starker Torwart. Obwohl die Europäer längst keine Underdogs mehr sein sollten, gelten sie in der Best-of-three-Finalserie gegen Kanada als Außenseiter. Die Gastgeber sind 2010 und 2014 jeweils Olympiasieger geworden, haben zudem die vergangenen beiden Weltmeisterschaften gewonnen. Spieler wie Sidney Crosby, Jonathan Toews, Steven Stamkos oder auch Drew Doughty und Carey Price gehören zur Eishockey-Elite. Die Qualität setzt sich hinter der Bande fort. Cheftrainer Mike Babcock hat 2008 mit Detroit den Stanley Cup gewonnen, seine Assistenten Claude Julien und Joel Quenneville bringen es zusammen auf vier Meisterschaften.

          Dass der Sieger in einer Finalserie über mindestens zwei und maximal drei Spielen ermittelt wird und nicht in einem echten Endspiel, lässt die Hürde für Team Europe noch höher erscheinen. Man wolle Kanada und der Welt tolle Spiele bieten, kündigt Krueger an. Sie werden wohl trotzdem keine Chance haben – aber dennoch die großen Gewinner dieses Turniers sein.

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