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Doppel bei den ATP-Finals : In einem ziemlich guten Film

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Aufregendes Spiel: Doppel steht im Tennis oft zu Unrecht im Schatten, selbst bei dem deutschen Spitzendoppel Kevin Krawietz (r) und Andreas Mies. Bild: dpa

Joe Salisbury? Filip Polasek? Nie gehört? Kein Problem. Die Protagonisten der Doppel-Spiele bei den ATP-Finals wundern sich bisweilen selbst, dass sie es so weit geschafft haben.

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          Schon mal von Tom Baxter gehört? Theoretisch könnte er einer der 16 Doppelspieler sein, die in dieser Woche in London um den Titel bei den ATP-Finals wetteifern – denn selbst für leidlich aufmerksame Beobachter des Tennis ist nicht jeder Name der acht Paare ein Begriff. Joe Salisbury? Filip Polasek?

          Diese Herren sind in einer Geschichte gelandet, die den Weg von Tom Baxter umgekehrt beschreibt. Dessen fiktive Figur stammt aus dem wunderbaren Film „The Purple Rose of Cairo“, steigt während einer Vorstellung aus dem Film hinunter in den dunklen Zuschauerraum, um eine unglückliche Frau aufzuheitern, die ihn verehrt. Salisbury und Polasek gehören wie das deutsche Doppel Kevin Krawietz und Andreas Mies zu jenen Akteuren des Turniers, die nach wie vor manchmal das Gefühl haben, sie seien aus dem Zuschauerraum in einen ziemlich guten Film gestiegen, mitten rein in eine bunt schillernde Realität.

          Seit ihrem überwältigenden Sieg bei den French Open in Paris Anfang Juni hatten Krawietz und Mies diesen Termin Mitte November in Londons O2 Arena im Blick gehabt, doch um zu begreifen, wie rasant sich das Tennisleben der beiden inzwischen verändert hat, hilft ein kleiner Blick zurück. Mitte November vergangenen Jahres spielte Mies bei einem Challengerturnier in Bratislava, stand in der Doppel-Weltrangliste auf Platz 73 und verließ den Ort des Geschehens mit einem Preisgeld von 385 Dollar. Krawietz spielte mit einem anderen Partner in Bangalore/Indien, stand in der Rangliste auf Platz 69 und zog mit einem Preisgeld von 540 Dollar nach einer Niederlage in Runde eins von dannen.

          Nach Rückenschmerzen fast schon am Karriereende: Filip Polasek (l.) startete mit Ivan Dodig den zweiten Teil seiner Laufbahn.

          Hätte man ihnen damals gesagt, sie würden zwölf Monate später in einer der größten Tennisarenen der Welt um einen der wichtigsten Titel spielen? „Dann hätten wir den Typen für völlig bescheuert gehalten“, sagt Mies. „Ich weiß noch, als ich letztes Jahr hier bei ATP Uni war (das ist ein mehrtägiger Lehrgang der ATP für alle Spieler) und eine Night Session geschaut hab’, hab’ ich zu meinem Kumpel gesagt, ich hoffe, dass ich hier irgendwann mal dabei bin. Ein Jahr später passiert das – echt unglaublich.“

          Doppel ist ein faszinierendes Spiel; oft genug spannender, ereignisreicher, kompromissloser und dynamischer als Einzel. Doch selbst bei wichtigen Turnieren ist auf der ganz großen Bühne für die Doppelspiele bisweilen kein Platz, und die Zahl der Zuschauer hält sich im sehr überschaubaren Rahmen. Bei den ATP-Finals wird jedes Match auf dem Centre Court gespielt, manchmal vor 17.500 Zuschauern auf voll besetzten Rängen. „Es ist ein absolutes Highlight, hier zu sein“, sagt Krawietz, „wir wollen jeden Moment genießen, jeden Moment mitnehmen.“ Beim ersten Auftritt setzten sie ihren Plan am Montag bestens um; die beiden gewannen gegen den Holländer Jean-Julien Rojer und Horia Tecau aus Rumänien 7:6, 4:6, 10:6.

          Auch in der Weltrangliste gehören die Deutschen inzwischen zu den besten acht der Welt, und in London ist jeder einzelne Sieg in der Vorrunde pro Nase 20.000 Dollar wert, zusätzlich zu den rund 50.000 Dollar, die allein für die Teilnahme fällig sind. Was in diesem Jahr bisher zusammen kam, wird in optimierte Betreuung durch Trainer und Physiotherapeuten auf der Tour und in eine hoffnungsvolle Zukunft investiert – nach zwei Jahren, in denen sie oft genug aus der Privatkasse was drauflegen mussten, weil die Ausgaben deutlich über den Einnahmen lagen.

          Den ersten Sieg haben sie schon mal sicher: Kevin Krawietz (r.) und Andreas Mies

          Aber sie sind nicht die einzigen, die in dieser Woche in London mit offenen Augen das Leben auf der großen Bühne sehen. Der Slowake Polasek lag vor einem Jahr in der Weltrangliste auf Position 161, nun ist er mit dem Kroaten Ivan Dodig qualifiziert, und die ganze Geschichte kommt ihm auch deshalb ziemlich irreal vor, weil er seine Karriere vor sechs Jahren wegen anhaltender Rückenprobleme schon mal beendet hatte. Danach arbeitete er als Coach, dann als Tennislehrer, ließ sich später zu gelegentlichen Einsätzen in der Mannschaft des TC Augsburg überreden, und so startete er Ende 2018 in den zweiten Teil seiner Laufbahn – ohne Rückenschmerzen. Bisheriger Höhepunkt dieses zweiten Teils der Karriere war das Halbfinale in Wimbledon in diesem Jahr zusammen mit Dodig.

          Und dann ist da der Brite Joe Salisbury, Partner des Amerikaners Rajeev Ram, der auch nicht ganz glauben kann, was ihm dieser Tage in der O2 Arena widerfährt. Vor drei Jahren hatte er seine Karriere im Einzel beendet, ein Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten führte ihn zum Tennis zurück. In den vergangenen Jahren hatte er bei jeder Ausgabe der ATP-Finals wenigstens für einen Spieltag eine Eintrittskarte gekauft, um die Besten der Welt in dieser spektakulären Atmosphäre zu sehen, und jetzt ist er mehr als nur dabei. Egal, wie die Sache ausgehen wird, Salisburys Spiele bei den ATP-Finals führen jedenfalls deutlich näher an ein Happyend als Baxters Ausflug in den dunklen Kinosaal.

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