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Olympia-Qualifikation : Die Deutschen und der Tempel des Volleyballs

In Berlin herrscht beim Volleyball eine besondere Partystimmung beim Volleyball. Bild: dpa

Im Finale gegen Frankreich spielt das deutsche Volleyball-Team um die Qualifikation für Olympia. Dabei kann es auf den Heimvorteil bauen. Die Unterstützung in Berlin ist immens, die Fan-Kultur dort eine besondere.

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          Den Heimvorteil seiner Mannschaft in Berlin konnte Lukas Kampa in den Augen der gegnerischen Spieler erkennen. „Die Bulgaren haben gedacht: Bloß nicht den nächsten Ballwechsel verlieren, denn dann geht es hier wieder ab“, hatte der Kapitän der Volleyball-Nationalmannschaft beim 3:1 im Halbfinale der Olympia-Qualifikation bemerkt. Mit der Unterstützung von mehr als viertausend enthusiastischen Zuschauern, die sangen und johlten, die klatschten und schrien, erreichte die deutsche Auswahl das Endspiel gegen Frankreich um die Teilnahme an Tokio 2020, das an diesem Freitag (20.10 Uhr bei Sport 1) gespielt wird. „Hier in Berlin gibt es eine Symbiose von Mannschaft und Publikum“, sagte Kampa. „Volleyball hat seinen Platz gefunden, und in Berlin ist eine Fan-Base entstanden.“

          Das ist keine Kleinigkeit. Kaweh Niroomand, Motor des Berliner Volleyballs und Manager des deutschen Meisters Berlin Volleys, ist stolz darauf, dem Publikum die distanzierte Analyse ausgetrieben und es zu teilnehmender Begeisterung erzogen zu haben. „Unser Schicksal ist, dass Volleyball überwiegend von Akademikern besucht wird. Die legen eher ein Korrekturverhalten an den Tag“, sagt er. „Wir haben eine Fan-Kultur entwickelt, wie es sie sonst nur in Polen und einigen Städten Italiens gibt.“

          Die lärmende Animation, die mit Musikschnipseln und flotten Sprüchen, mit Lichteffekten und der ein oder anderen Erklärung dafür sorgt, dass bei Meisterschaftsspielen der Volleys schon mal neuntausend Zuschauer in der Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg zweieinhalb bis drei Stunden lang toben, kommt buchstäblich auf ärztlichen Rat. Karsten Holland, der Mann, der am Mikrofon und an den Reglern für Stimmung sorgt, ist Mediziner. Sein Rezept ist nur ein Teil dessen, was Berlin zur Volleyball-Hauptstadt nicht nur Deutschlands macht.

          Bereits zum dritten Mal hat die Nationalmannschaft der Männer in Berlin um die Olympiateilnahme gespielt. 2012 qualifizierten sich Kampa, Grozer und ihre Mitstreiter für London. 2016 scheiterten sie im Tie-Break des letzten Spiels an der Qualifikation für Rio de Janeiro. Seit vergangenem Jahr trägt der europäische Verband die Endspiele seiner Champions League, der Frauen und der Männer, in Berlin aus. Eine Revolution nannte der Präsident des europäischen Verbandes Aleksandar Boricic die Veranstaltung des vergangenen Jahres, eine Party verspricht er sich und seiner Sportart für den Mai. Für Betrieb im Alltag sorgen die Volleys. Zehn Mal ist der Klub von Niroomand deutscher Meister geworden; in den vergangenen zehn Jahren holte er nicht nur sieben Mal den Titel, sondern versteht sich auch als Lokomotive der Liga.

          „Die Halle wird nicht umsonst Volleyball-Tempel genannt“, sagt Außenangreifer Christian Fromm. „Die Großevents in der Stadt zeigten, was hier für geile Stimmung herrscht.“ Fromm stammt, wie seine Nationalmannschaftskameraden Marcus Böhme, Denis Kaliberda und Ruben Schott und wie Verbandspräsident Rene Hecht aus Berlin. Moritz Reichert und Julian Zenger spielen für die Volleys Berlin. „Hier mit der Nationalmannschaft zu spielen ist natürlich super“, sagt Fromm. „Unsere Familien und unsere Schulfreunde sind in der Halle.“ Nicht nur Volleyball-Zuschauer werden in Berlin groß gezogen. Fromm und Böhme, Kaliberda und Schott kommen alle aus dem großen Nachwuchszentrum in Marzahn im Osten der Stadt.

          Niroomand hat dessen Erhalt nach dem Mauerfall für den vereinten deutschen Sport gerettet. „Wir können nicht weiter die Nachwuchsschmiede für die italienische, die polnische und die russische Liga sein“, fordert er nun. Die Vorstellung, dass deutsche Spieler ins Ausland gehen müssten, um richtige Profis zu werden, verträgt sich nicht mit seinem Wunsch, Gesichter für seinen Klub und für die Liga zu prägen. „Grozer kann hier niemand bezahlen“, sagt Niroomand. „Aber um die anderen müssen wir uns bemühen.“ Seit Jahrzehnten ist er beseelt von der Idee, dieser Sportart auch in Deutschland eine breite Basis zu verschaffen. In Berlin ist er mit seiner Mission schon weit gekommen.

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