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Ringerwunder von Nackenheim : „Als wär’s ein Stück von mir“

  • -Aktualisiert am

Herzstück von Alemannia Nackenheim: Vater Cengiz (rechts), Sohn Kubilay (links) und weitere Cakicis machen das Ringerwunder in Rheinhessen möglich. Bild: Bernd Eßling

Bislang war Nackenheim nur berühmt für seinen größten Sohn Carl Zuckmayer und den Weinbau. Nun hat die Gemeinde in Rheinhessen ein neues Aushängeschild. Die Ringer gehören zu den besten Deutschlands – auch dank der Familie Cakici.

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          Salvatore Barbaro ist sich sicher. „Wenn Carl Zuckmayer das erleben würde, dann hätte er heute in der ersten Reihe gesessen und sich lustig gemacht über das Gewese beim Ringen samt Sportlern und Sponsoren“, sagt der zweite Vorsitzende von Alemannia Nackenheim. Die Ringer haben am Samstagabend gegen den KSV Köllerbach den Halbfinal-Rückkampf um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft bestritten. Nie zuvor hatte der knapp 6000 Einwohner kleine Geburtsort eines der wirkungsmächtigsten deutschen Schriftstellers ein größeres Sportereignis erlebt.

          Und es hätte tatsächlich alles gepasst für einen ganz besonderen Tag in der Ortschronik. Während im nahen Mainz nämlich am selben Abend im Staatstheater anlässlich des 43. Todestags bei der Übergabe der Carl-Zuckmayer-Medaille dem größten Sohn der Weinbaugemeinde gedacht wurde, rangen in der nach dem Schriftsteller benannten und mit  1300 Zuschauern gefüllten Carl-Zuckmayer-Halle die stärksten Männer des Ortes. Alemannia Nackenheim hatte gegen den KSV Köllerbach nach einem 14:13-Hinkampfsieg sogar die besseren Karten in der Hand, am Ende aber triumphierten nach einem äußerst spannenden Kampfabend die Gegner aus dem Saarland 16:12.

          Im zehnten und letzten Duell war die Ausgangslage denkbar klar: Kubilay Cakici und Andrij Shyyka auf die Matte. Der Sieger im Freistilkampf der Klasse bis 75 Kilogramm bescherte jeweils seinem Team das Weiterkommen. Ringen in Reinform ohne taktisches Hintertürchen. Am Ende war der 39 Jahre alte Routinier aus dem Saarland im Duell der beiden deutschen Freistilmeister der vergangenen beiden Jahre aber stärker und rang den ein Jahrzehnt jüngeren Nackenheimer nieder. Mit einer Beinschraube entschied Shyyka den Kampf für sich. „Sie waren heute einfach einen Tick besser“, sagte Trainer Cengiz Cakici, der im vor wenigen Jahren noch in der Oberliga ringenden Team nicht nur seinen älteren Sohn Kubilay, sondern auch sen jüngeren Spross Koray* sowie seinen Neffen Hakan betreut.

          Ringen in dritter Generation

          Alleine diese Familiengeschichte hätte Zuckmayer zu einem Theaterstück oder einer Novelle animieren können. Denn der Name Cakici ist nicht nur aktuell in der Nackenheimer Ringergeschichte maßgeblich. Cengiz‘ Vater Nouri und der ältere Bruder Ahmet haben bereits andernorts deutsche Ringergeschichte maßgeblich mitbestimmt. Nuri Cakici wurde, in den sechziger Jahren aus der Türkei nach Deutschland ausgewandert, ein prägender Trainer, der den ASV Mainz 88 in den siebziger Jahren samt der Ringerlegende Wilfried Dietrich, dem „Kran von Schifferstadt“, zu zwei Meistertiteln führte.

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          Ahmet Cakici setzte die Familiensaga als der erfolgreichste von vier ringenden Söhnen fort – mit Medaillengewinnen in seiner aktiven Karriere und sechs Meistertiteln als Trainer des KSV Aalen. Cengiz Cakici, selbst Bundesligaringer beim ASV Mainz 88, und die nächste Generation hätten nun mit dem Finaleinzug ein weiteres ganz großes Kapitel schreiben können. Der Nackenheimer Trainer will dabei aber lieber nur von einer kleinen Fußnote sprechen. „Auch mit einem Finale wäre ich sehr weit davon entfernt, in die Fußstapfen meines Vaters oder meines Bruder zu treten“, sagt er. Er sei sich aber sicher, dass sein vor sieben Jahren verstorbener Vater von irgendwoher mit großer Freude zugesehen habe. „Mein Vater ist immer bei mir und er war auch heute dabei“, sagt Cakici.

          Als wär's ein Stück von Nackenheim

          Wenngleich er dann am Samstagabend drei Niederlagen seiner Enkel gesehen hat, so sollen doch gerade die Cakicis in Nackenheim etwas Nachhaltiges auslösen. „Wir haben etwas Riesiges geleistet, wir haben in diesem Jahr auch einen deutlichen Zuwachs im Nachwuchs, der Ort fiebert mit, wir gewinnen Menschen fürs Ringen“, sagt Cengiz Cakici. „Deshalb glaube ich fest daran, dass hier in Nackenheim etwas wächst.“

          Vor drei Jahren rangen die Alemannen noch in der Oberliga. Nach einer Ligenreform des Deutschen Ringerbunds samt der Auflösung der zweiten Bundesliga nahmen sie die Möglichkeit wahr, aus der Drittklassigkeit in die Bundesliga vorzustoßen. Dort entwickelte sich das „Ringerwunder vin Nackenheim“ erstaunlich gut. Immerhin kämpft der Klub nun auf Augenhöhe mit dem regionalen Platzhirschen Mainz 88, dem dreifachen deutschen Meister.

          Der Verein ist gewillt, die Herausforderung Bundesliga mit dem finanziellen Aufwand, der für die Verpflichtung von Topstars wie dem deutschen Spitznenringer Denis Kudla oder ausländischen Größen wie den Leichtgewichts-Weltmeister Eldeniz Azizli aus Aserbaidschan weiter zu stemmen, hofft aber auf Verbesserungen bezüglich der Infrastruktur.

          In seiner Autobiographie „Als wär‘s ein Stück von mir“ hatte Carl Zuckmayer die Ringer bei aller Zuneigung zu seiner Heimat noch nicht erwähnt, obgleich der Verein 1912 in Zuckmayers jungen Jahren gegründet wurde. Vielleicht wäre es heute anders. Zumindest für Nackenheim scheint das Ringen mittlerweile ein „Stück von mir“ zu sein.

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