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Box-Pleite in Las Vegas : Ein Albtraum für Abraham

  • -Aktualisiert am

Trost vom Gegner: Abraham hatte gegen Ramirez keine Chance Bild: USA Today Sports

Bei seinem Ausflug in die große Box-Welt scheitert Arthur Abraham krachend. Gegen den Mexikaner Ramirez gewinnt der WM-Titelverteidiger keine einzige Runde. Das liegt auch an einer falschen Selbsteinschätzung.

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          Mit 36 Jahren fühlte sich Arthur Abraham – oder wenigstens sein Management – reif für Las Vegas. Reif dafür, seinen Weltmeistergürtel nach Version der World Boxing Organization (WBO) in der Spielerstadt zu verteidigen. Doch nach zwölf einseitigen Runden in der legendären MGM Grand Garden Arena trug nicht er den Gürtel aus dem Ring, sondern der 12 Jahre jüngere Mexikaner Gilberto Ramirez. Der WM-Titel im Supermittelgewicht war futsch, und der Traum des späten Glücks in Amerika war ausgeträumt.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Am Ende von zwölf schmerzlichen Runden stand auch die Erkenntnis, dass nicht nur Abraham, der eine offensive Kampfführung und einen deutlichen Sieg angekündigt hatte, sondern auch sein Berliner Promoter Sauerland und Trainer Ulli Wegner daneben lagen. Offensichtlich hatten sie Ramirez falsch eingeschätzt, auch wenn Wegner das nach dem Schlussgong heftig bestritt. Die Analyse des Gegners sei in Ordnung gewesen, sagte er, die Taktik auch, Abraham habe sie nur nicht umgesetzt: „Das war eine Leistung, die Arthur nicht gebührt.“

          „Ich bin nicht rangekommen“

          Abraham selbst war gezeichnet und tief enttäuscht. Ramirez sei „viel gelaufen“, sagte er. Er habe gehofft, ihn ausknocken zu können, „aber ich bin nicht rangekommen. Es war nicht mein Tag.“ Die geplanten zwei Wochen Urlaub in Las Vegas und Los Angeles strich Abraham noch vor der Pressekonferenz. Die Stimmung war dahin, und sobald die Schwellungen im Gesicht abgeklungen sind, in zwei, drei Tagen, will er den Flieger heim nach Berlin nehmen.

          Sauerland hatte den Kampf, eine WBO-Pflichtverteidigung, ersteigert und hätte ihn auch in Deutschland, in Berlin, veranstalten können, wo Abraham zuhause ist und wo er sich zuhause fühlt. Doch weil die ARD als TV-Partner und als großer Geldgeber ausgestiegen ist und Nachfolger SAT1 seither nur kleine Box-Brötchen backt, hat Sauerland den Kampf nach Amerika weiter verkauft und damit auch den Heimvorteil. Ob der gereicht hätte, den starken Rechtsausleger zu schlagen? In Las Vegas jedenfalls hatte Abraham gegen Ramirez mit seinen mexikanischen Fans im Rücken nicht den Hauch einer Chance. Die Punktrichter werteten alle zwölf Runden für den Mexikaner – am Ende noch eine Ohrfeige für Abraham und für Sauerland.

          Abrahams Taktik, Ramirez aus einer Doppeldeckung heraus anzugreifen, seine Kreise einzuengen und ihm möglichst wenig Raum zu lassen, erwies sich schon nach zwei Runden als Illusion. Ramirez bestimmte den Kampf nach Belieben. Schnell auf den Beinen und mit glänzender Übersicht hielt er Abraham auf Distanz und deckte ihn mit präzisen Schlägen ein. Schon in Runde zwei musste der Deutsche eine harte Rechte einstecken, ein Wirkungstreffer, der ihn durchschüttelte. Abraham fand kein Mittel gegen seinen 14 Zentimeter größeren Gegner, schaffte es kaum einmal, die Distanz so weit zu verkürzen, dass er mit seiner Schlaghärte Eindruck machen konnte. Schlug er zu, war der trotz seiner Größe wendige Mexikaner meist längst woanders.

          Es war ein Klassenunterschied und erinnerte an die Auftritte Abrahams vor sechs Jahren im Super-Six-Turnier des Supermittelgewichts, in das er mit großen Erwartungen gegangen war, dann aber einsehen musste, dass die Allerbesten eine Nummer zu groß für ihn sind. Die Helden von damals, die Amerikaner Andre Ward und Andre Direll, der Brite Carl Froch und der Däne Mikkel Kessler sind mittlerweile zurückgetreten oder eine Gewichtsklasse aufgestiegen, allein Abraham ist übrig geblieben und so verbandsübergreifend zur Nummer 1 im Supermittelgewicht geworden – bis zu diesem Samstag in Las Vegas, wo er seinem Alter und wohl auch wieder einer Portion Selbstüberschätzung Tribut zollen musste.

          Immer daneben. Gegen Ramirez gewinnt Arthur Abraham keine einzige Runde Bilderstrecke

          Ramirez kam mit einer Bilanz von 33 Siegen aus 33 Kämpfen, davon 24 durch K.o., nach Las Vegas. Bei Sauerland hatte das keine Alarmglocken schrillen lassen. Der Junge, der so leise spricht und so brav und wohlerzogen daherkommt, sollte Abraham besiegen, den Weltmeister, der schon so viele Schlachten geschlagen hat? Irgendwie hatte das keiner auf der Rechnung. Den Unterschied zur ganz großen Box-Bühne zeigte der Hauptkampf in Las Vegas, für den Abraham und Ramirez das Vorspiel bestritten hatten. Der philippinische Superstar Manny Pacquiao besiegte den Amerikaner Timothy Bradley nach einem begeisternden Kampf eindeutig nach Punkten. Bradley musste dabei zwei Niederschläge einstecken.

          Und Abraham? Das war‘s wohl mit großen Kämpfen in Amerika, auch wenn er tapfer ankündigte, wiederkommen zu wollen. Der Versuch allerdings, in den Staaten „ein Statement zu setzen“, wie es Promoter Kalle Sauerland erhofft hatte, war krachend gescheitert. Abraham wurde ordentlich verprügelt. In Las Vegas zu kämpfen sei ein Traum für jeden Boxer, hatte er vor dem Fight gesagt. Am Ende stand die bittere Erkenntnis: Manchmal kann es auch ein Albtraum sein.

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