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Volleyball-Bundesliga : Die Berlin Volleys sind wie frisch verliebt

Stelian Moculescu, Trainer der Berlin Volleys (links), beobachtet seinen Spieler Jastrzebski Wegiel. Bild: dpa

Zwar verlieren die Berlin Volleys in der Champions League gegen den VfB Friedrichshafen – doch das Team blüht ebenso auf wie sein neuer Trainer Stelian Moculescu.

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          Die Siegesserie des VfB Friedrichshafen von inzwischen 32 Spielen könnte an diesem Sonntag (14.30 Uhr) zu Ende gehen. Dann steht für den Pokalsieger und ungeschlagenen Tabellenführer der Volleyball-Bundesliga das Heimspiel gegen den ewigen Rivalen, den deutschen Meister und Tabellen-Zweiten Berlin Volleys, auf dem Programm. „Das Risiko ist ziemlich hoch“, sagt Trainer Vital Heynen und meint damit die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen Einwechselspielern ein wenig Praxis verschaffen und seine Besten schonen könnte. „Ich kann mir nicht viele Erklärungen vorstellen, warum ich es nicht machen sollte.“

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Schlagartig ist das bevorstehende Duell der beiden besten Volleyball-Mannschaften Deutschlands bedeutungslos geworden – ausgerechnet die Auseinandersetzung der Friedrichshafener mit dem Klub, der vor vier Wochen überraschend Stelian Moculescu aus dem Ruhestand geholt hat, den Trainer, der von 1997 bis vor zwei Jahren in Friedrichshafen arbeitete. In den neunzehn Jahren dort gewann er dreizehnmal die Meisterschaft, vierzehnmal den Pokal und, Gipfel aller Erfolge, 2007 die Champions League. Denn es gibt eine noch viel wichtigere Auseinandersetzung.

          Am Mittwochabend spielten Volleys und VfB das Hinspiel der sogenannten „Playoff 12“ der Champions League in Berlin gegeneinander. Es war „reiner Zufall“, fand Simon Tischer, der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft und Zuspieler der Friedrichshafener, dass das fast zweieinhalb Stunden lange Spiel auf höchstem europäischen Niveau 3:2 (25:22, 23:25, 25:23, 18:25, 15:12) und damit zugunsten seines Teams ausging. „Zu sagen: Wir waren besser – um Gottes willen!“, rief Tischer. „Wir hätten heute auch verlieren können. Das wird ein hartes Rückspiel.“ Das Spiel, viel mehr als ein Appetithappen für die Finalspiele der beiden Teams um die deutsche Meisterschaft im April, wird am Donnerstag kommender Woche stattfinden, und es wäre kein Wunder, würde Trainer Heynen Tischer am Sonntag dafür schonen. Was ist schon Sieg Nummer 33 im Vergleich zu den Top 6 der Champions League?

          Auch Moculescu dürfte seiner ersten Garde eine Erholungspause von den fünf Sätzen vom Mittwoch gewähren. Dabei ist der 67 Jahre alte Trainer wie seine Berliner Mannschaft in den vergangenen vier Wochen aufgeblüht, seit ihn Volleys-Manager von Gran Canaria weg verpflichtet hat. Im Interview mit der „Berliner Morgenpost“ erzählte Moculescu, dass der Umzug aus dem Haus am Bodensee in eine kleine, enge Wohnung am Glockenturm des Berliner Olympiastadions ihn und seine Frau wie zurückversetzt habe an den Beginn ihrer inzwischen 41 Jahre währenden Ehe: „Es ist ein bisschen, als hätten wir uns neu verliebt.“

          Selbst Tischer schwärmt. Als junger Spieler bereitete ihn Moculescu in Friedrichshafen auf den Schritt ins Ausland vor, den er schließlich als Gewinner der Champions League tun konnte. Und als Tischer 2014 nach einer Knieoperation eigentlich nur wieder auf die Beine kommen wollte, holte der große, alte Mann des deutschen Volleyballs ihn, wie es scheint auf Dauer, nach Friedrichshafen zurück. „Er sieht super aus: voller Energie“, sagt der 35 Jahre alte Tischer. „Es ist ein Glücksfall für Berlin, dass er sich bereiterklärt hat, das zu machen. Man sieht, dass er wirklich Lust drauf hat, eine Volleyballmannschaft zu trainieren.“ Aus der Versammlung guter Einzelspieler sei ein Herausforderer erwachsen.

          „Das ist nicht mehr das Berlin, gegen das wir bisher gespielt haben“, lobt Tischer. Im Super-Cup und im Hinspiel der Punktrunde hatte die Mannschaft vom Bodensee die Berliner weggefegt, im Pokal kam das Team aus der Hauptstadt gar nicht weit genug, um den VfB zu fordern. Dann kam Moculescu. „Natürlich ist das der Einfluss von Stelu“, urteilt Tischer. „Wenn man rüberguckt, sieht man in den Gesichtern, dass sie mehr Selbstvertrauen haben. Sie machen weniger Fehler. Wir haben im letzten Satz zwei Bälle abgewehrt; das allein hat den Unterschied gemacht.“

          Moculescu sieht sein Team auf gutem Weg. Das risikoreiche Spiel, das er bevorzugt, beginnt Früchte zu tragen. Die Überraschung, dass er trotz Rentenalters noch wettbewerbsfähig sei, reizt ihn zu Widerspruch. Im Alter werde ein Trainer doch nicht bescheuert, ruft er dann und beruft sich auf einen berühmten Kollegen bei einem berühmten Fußballklub. „Heynckes hat auch aufgehört und kam wieder“, sagt er und gibt sich überzeugt, dass der Altmeister noch eine Saison dranhängt: „Wer soll es denn sonst machen beim FC Bayern?“ Und wer anders als er soll es bei den Volleys machen in der nächsten Saison? Das hänge von seiner Frau ab, sagt Moculescu, was schon mal keine Absage ist. Wenn er irgendwo als Trainer weitermachen werde, dann in Berlin.

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