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Die Ausreden der Dopingsünder : Fünf Bier, vier Mal Sex und ein toter Zwilling

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Martina Hingis: Kokain im Fruchtsaft Bild: REUTERS

Oft muss die Familie oder der große Unbekannte herhalten, wenn Sportler unter Dopingverdacht geraten. Mal ist der Tee von der Tante Schuld, mal sind es Partypillen. Auch asthmatische Hunde kommen vor. Die Ausreden der Dopingsünder.

          Claudia Pechstein hat einen schlimmen Verdacht. „Vielleicht bin ich ja schwer krank“, meint die Eisschnellläuferin. Anders kann sie sich ihre abnormen Blutwerte, die zu ihrer Sperre wegen angeblichen Dopings führten, nicht erklären. Ein Gendefekt als Ursache - oder doch nur als Ausrede? Wer die Begründung der fünfmaligen Olympiasiegerin für abenteuerlich hält, sollte mal bei Tyler Hamilton nachfragen.

          Der Radprofi führt die Skala der unglaubwürdigen Ausreden an. Bei der Spanien-Rundfahrt 2004 wurde dem Amerikaner Blutdoping nachgewiesen, doch Hamilton konterte mit dem Einwand, er sei ein „Mischwesen“, eine sogenannte Chimäre. Die fremden Zellen in seinem Körper würden von den Stammzellen seines noch vor der Geburt gestorbenen Zwillingsbruders produziert, meinte der Zeitfahr-Olympiasieger von 2004. Auf griechisch heißt das Wort „Chimäre“ übrigens Hirngespinst.

          „Jemand hat es mir in den Fruchtsaft getan“

          Geht es um die Erklärung ihrer positiven Fälle, ist Leuten wie Hamilton keine Ausflucht zu abenteuerlich. Radstar Jan Ullrich fiel einst mit Amphetaminen auf und gab sich als ahnungsloser Junge vom Lande. „Irgendwer hat mir in der Disko zwei Pillen angedreht. Keine Ahnung, was da drin war, aber ich habe sie halt in meiner Dummheit geschluckt!“ Immerhin gab er den Konsum zu. Das ist nicht immer so. Die Tennisspielerin Martina Hingis erklärte ihren positiven Test auf Kokain so: „Jemand hat es mir in den Fruchtsaft getan.“

          Gilberto Simoni: Bonbons von der Mutter und Tee von der Tante

          Verweise auf den „unbekannten Dritten“ sind beliebt. 5000-Meter-Olympiasieger Dieter Baumann gab diesem „Jemand“ 1999 die Schuld für das Nandrolon in seinem Körper. Legendär ist mittlerweile seine Vermutung, dieses sei über kontaminierte Zahnpasta in sein Blut gelangt.

          „Die Lady hatte Geburtstag, sie verdiente was Besonderes“

          Verschmutzt, und zwar mit Kokain, waren auch die Bonbons, denen Radprofi Gilberto Simoni seinen Positivtest zuschrieb. Seine Mutter habe ihm die Pastillen aus Peru geschickt, behauptete der Italiener. Als er erneut aufflog, war der Tee der Tante schuld. Beim Sprinter Linford Christie (Nandrolon) waren es Avocados („zu viel“). Lenny Paul aß vor einer Bobfahrt verpestete Spaghetti: „Das Fleisch muss von hormonverseuchten Rindern stammen“, sagte er - Freispuch!

          Ebenfalls zu viel, und zwar Bier (fünf Flaschen!) und Sex (vier Mal!), hatte Sprinter Dennis Mitchell. „Die Lady hatte Geburtstag, sie verdiente was Besonderes“, sagte der Amerikaner über jene Nacht, die ihm einen Positivtest auf Testosteron einbrachte. Nur der Suff soll bei Radprofi Floyd Landis zum gleichen Befund geführt haben. Er habe zu viel Whiskey getrunken, meinte er. Zu wenig will Langläufer Johann Mühlegg 2002 konsumiert haben. Der Allgäuer erklärte die Epo-ähnliche Substanz in seinem Blut mit einer Diät.

          Ganze Apotheken führten andere mit sich - natürlich nie für den eigenen Bedarf. „Das ist für meinen Hund. Der hat Asthma“, sagte Radprofi Frank Vandenbroucke (Clenbuterol). Kollege Raimondas Rumsas hatte 2002 eine ganze Wagenladung Medikamente dabei - für die schwer kranke Schwiegermutter, klar.

          „Vor Schreck hab ich 'huch' gesagt“

          Die Familie muss gerne herhalten: Radprofi Andreas Kappes will 1997 versehentlich Appetitzügler seiner schwangeren Frau eingenommen haben. Und Christian Henn, als sportlicher Leiter in diesem Jahr bei der Tour dabei, wurde ein von der Schwiegermutter empfohlener Tee zur Stärkung der Zeugungskraft zum Verhängnis. „Das ist nun wirklich die dümmste aller Ausreden“, urteilte Doping-Experte Werner Franke.

          Franke kannte damals den Fall Ivonne Kraft (Fenoterol) nicht. Die Mountainbikefahrerein sagte 2007, der Asthma-Inhalator ihrer Mama sei in ihrem Beisein explodiert. „Vor Schreck hab ich 'huch' gesagt und wohl versehentlich etwas inhaliert.“ Genau so war's.

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