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Die Anzugsfrage : Der Verband schwimmt

Anzugsträger Biedermann: „Ich bin sehr enttäuscht von der Fina” Bild: ASSOCIATED PRESS

Diverse Wunderanzüge haben den Schwimmsport revolutioniert. Frauen in Badeanzügen und Männer in Badehosen gibt es nicht mehr. Und die Zeiten von gestern sind nichts mehr Wert. Dabei läuft der Sport Gefahr, an Reputation zu verlieren.

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          Die Reaktionen waren eindeutig. „Wir sind zutiefst enttäuscht“, sagte Jim Wood, Präsident des amerikanischen Schwimm-Verbands. „Widersprüchlich und unverständlich“ sei der Beschluss, so Denis Auguin, Trainer des französischen Weltrekordschwimmers Alain Bernard. Dessen Ausrüster Arena kündigte umgehend an, die Entscheidung anzufechten. Und Paul Biedermann, Europarekordhalter über 200 Meter Freistil, sagte: „Ich bin sehr enttäuscht von der Fina. Dieses Zurückweichen finde ich schwach. Diese Entscheidung ist total undurchsichtig.“

          Bernd Steinle
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Viele Schwimmer hatten sich vom Weltverband Fina endlich ein klares Signal erhofft in Sachen Hightech-Schwimmanzüge, die in den vergangenen zwei Jahren zu einer Flut an Weltrekorden geführt hatten. Schließlich war es eine Art neuer Zeitrechnung, die mit den neuen Materialien, Schnitten und Formen Einzug hielt. Hatte es zuvor 20 Jahre gedauert, um den 50-Meter-Freistilweltrekord der Männer von 22,14 Sekunden (1988) auf 21,56 (Februar 2008) zu drücken, so steht er nun, ein gutes Jahr später, bei 20,94.

          Hatte es 20 Jahre gedauert, um den 100-Meter-Freistil-Weltrekord von 48,74 Sekunden (1988) auf 47,60 (im März 2008) zu drücken, so stand er nun, ein gutes Jahr später, bei 46,94. Zumindest bis vergangenen Montag. Da annullierte die Fina Bernards Bestmarke mit dem Hinweis auf einen unzulässigen Anzug – während sie zugleich eine Reihe weiterer, gleichfalls umstrittener Anzüge anstandslos absegnete. Zum Beispiel den Jaked01, mit dem der Franzose Frederick Bousquet seinen Fabelweltrekord über 50 Meter Freistil schwamm.

          Anzugsschwimmer Frederick Bousquet: Sein Weltrekord zählt
          Anzugsschwimmer Frederick Bousquet: Sein Weltrekord zählt : Bild: dpa

          Meeuw: „Was ich will, ist Waffengleichheit“

          Damit trieb die Fina Verwirrung und Verdruss bei den Schwimmern auf die Spitze. Der Weltverband habe auf den Ausrüstungswettlauf viel zu spät reagiert, sagt Rückenspezialist Helge Meeuw. Statt fester Vorgaben und klarer Richtlinien herrschten Unübersichtlichkeit und Intransparenz. Das Resultat: heillose Verwirrung. „Was ich will, ist Waffengleichheit“, sagt Meeuw, „ich möchte nicht am Start stehen und wissen müssen, ich habe keine Chance.“

          Vom Effekt der neuen Anzüge konnte sich auch Meeuw schon überzeugen. Bei den deutschen Hochschulmeisterschaften im Mai schwamm er im neuen Adidas-Anzug aus dem vollen Training 53,82 Sekunden über 100 Meter Rücken – so schnell wie vor den Olympischen Spielen. Vor einem Jahr in Berlin schwamm Meeuw noch in Radlerhose 53,10 Sekunden, Europarekord damals. „Das schwimmt jetzt plötzlich jeder“, sagt Meeuw. „Es tut schon weh, zu sehen, wie andere jetzt Zeiten schwimmen, an die sie sonst nie rangekommen sind.“ Deshalb schlägt er eine einfache Lösung vor: Männer sollten in Radlerhosen starten, Frauen in Badeanzügen. Punkt. „Da kann längst nicht so viel passieren wie bei einem Ganzkörperanzug“, sagt Meeuw.

          Angst vor kostspieligen juristischen Auseinandersetzungen

          Doch dazu wird es nicht kommen. Aus vielerlei Gründen, von denen nicht wenige mit Geld zu tun haben. Die Hersteller verkaufen ihre „Wunderanzüge“ für 400, 500 Euro das Stück – zehnmal so viel, wie ein herkömmliches Outfit kostet. Und die Hersteller sind einflussreich. So ist etwa der Bademodenfabrikant Speedo offizieller Partner der Fina. Und nicht nur die französische Presse mutmaßt, dass auch hinter der jüngsten Fina-Entscheidung, einen Großteil der zunächst beanstandeten Anzüge doch zuzulassen, mehr als die Angst vor kostspieligen juristischen Auseinandersetzungen steckte. Taktisches Kalkül zum Beispiel.

          Der italienische Hersteller Jaked etwa, Neuling in der Schwimmszene und nun Profiteur der großzügigen Regelauslegung, ist offizieller Partner des italienischen Schwimm-Verbands – der wiederum im Juli die WM in Rom ausrichtet. Ein Verbot der Jaked-Anzüge hätte den Verband und dessen Schwimmer vor der Heim-WM in arge Nöte gebracht. Zumindest diese Sorge ist jetzt hinfällig.

          Keine Artikel mehr über Welt-, Europa- oder nationale Rekorde

          Doch für den Schwimmsport geht es inzwischen längst nicht mehr um einzelne Firmen, einzelne Athleten, einzelne Nationen. Es geht um den ganzen Sport. Er läuft Gefahr, an Reputation zu verlieren, sich durch die scheinbar unaufhaltsame Weltrekordflut und die gelegentlich willkürlich anmutende Regelgestaltung selbst zu entwerten.

          Die französische Zeitung „L’Equipe“ hat daraus bereits die Konsequenz gezogen. Sie kündigte nach der jüngsten Fina-Entscheidung an, keine Artikel mehr über Welt-, Europa- oder nationale Rekorde im Schwimmen zu veröffentlichen – vorerst bis 1. Januar 2010. Bis dahin hat auch die Fina neue Kriterien für die Zulassung der Anzüge angekündigt.

          Die WM-Norm liegt meist unter dem deutschen Rekord

          Die deutschen Schwimmer tragen nun seit Mittwoch in Berlin ihre deutschen Meisterschaften aus, die einzige Qualifikationsmöglichkeit für die WM. Sie leiden auf ihre Weise unter der Hightech-Welle: Die WM-Norm, die sich an den Plätzen 8, 12 oder 14 der Weltrangliste orientiert, liegt wegen der internationalen Beschleunigung in 14 von 40 Fällen unter dem deutschen Rekord.

          „Wir müssen uns der Konkurrenz und den Entwicklungen stellen“, sagt Bundestrainer Dirk Lange. Wie das geht, zeigte am Mittwoch schon mal Helge Meeuw: Im neuen Anzug schwamm er 53,31 Sekunden über 100 Meter Rücken, nur zwei Zehntel über seinem alten Europarekord – im Vorlauf.

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