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Dick Fosbury wird 60 : Der Flop, der zum Hit wurde

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Der Flop, der die Leichtathletik-Welt veränderte Bild: AP

„Besser wäre es, wenn du zum Zirkus gehen würdest“, sagte sein Trainer. Ärzte vertraten die Auffassung, dass man sich bei seinem Sprungstil das Genick breche. Dick Fosbury scherte sich nicht darum: Der Revolutionär sprang rückwärts und wurde Olympiasieger.

          Wäre es nach Bernie Wagner gegangen, dann hätte die größte technische Revolution der Leichtathletik-Geschichte nicht stattgefunden. „So wird nichts aus dir. Besser wäre es, wenn du zum Zirkus gehen würdest“, riet der Trainer seinem experimentierfreudigen Hochsprungschüler Richard Fosbury , als dieser sich anschickte, die Latte rücklings und mit dem Kopf voran zu überqueren.

          Doch die Manege war nicht jene der Artisten, es war die große Bühne Olympias, auf der Richard Douglas Fosbury, genannt „Dick“, 1968 in Mexiko City gefeiert wurde. Als Einziger meisterte er damals im Finale 2,24 Meter - Olympischer Rekord im spektakulären neuen Stil. Und während die meisten Trainer im Olympiastadion die Flüge Fosburys noch mit einem ungläubigen Kopfschütteln registrierten, begleiteten die 80.000 Zuschauer jeden seiner Sprünge mit einem begeisterten und bewundernden „Olé“. Dick Fosbury war beim Olympiasieg 21 Jahre alt, am heutigen Dienstag, 6. März wird er 60.

          Kurvenlauf, weil ein Baum im Weg stand

          Fosbury kam wie viele große amerikanische Sportler über die Highschool zur Leichtathletik. Wegen seiner Größe von 1,93 Metern schien er wie für den Hochsprung geschaffen. „Doch ich war ein unkoordinierter Möchtegern-Athlet“, erzählte er später, der weder mit dem Scherensprung noch mit dem „Bauchwälzer“ (Straddle) technisch klar kam.

          Goldmedaille 1968 für Dick Fosbury

          Noch 1967 war er mit übersprungenen 2,10 Metern ein unbedeutender Hochspringer. Deshalb experimentierte er mit anderen Techniken, ehe er die für ihn ideale fand: Schneller Anlauf in einem Bogen, Rumpfdrehung bei den letzten Schritten und Lattenüberquerung rücklings. Fosbury behauptet übrigens, dass der Anlauf in einer Kurve dadurch entstanden sei, dass ihm beim Training im heimischen Garten ein Baum den geraden Weg zur Latte versperrte.

          „Alle werden sich das Genick brechen“

          Im Winter 1968 wurde er überraschend amerikanischer Studentenmeister, gewann mit 2,18 Metern plötzlich die erste Mexiko-Ausscheidung der Amerikaner und reiste mit einer Bestleistung von 2,21 zu den Spielen. Dort schaffte er als Einziger alle Höhen bis 2,22 ohne Fehlversuch und verwandelte das Gelächter über den neuen Stil damit in bewunderndes Staunen.

          Doch selbst als er im olympischen Wettkampf nur knapp daran gescheitert war, den Weltrekord des russischen Straddle-Springers Waleri Brumel (2,28) um einen Zentimeter zu überbieten, warnte der Coach des amerikanischen Olympia-Teams, Payton Jordan, weiter vor der neuen Technik: „Wenn Kinder versuchen, Fosbury zu imitieren, wird er eine ganze Generation von Hochspringern auslöschen, weil sie sich alle das Genick brechen werden.“ Auch Ärzte vertraten die Auffassung, dass der Flop das Leben von Kindern gefährde. Darüber konnte und kann Fosbury nur lachen: Ihm ist auf der ganzen Welt kein Fall eines schweren Unfalls bekannt, weil „man nicht auf dem Genick, sondern auf der Schulter landet“.

          „Fosbury hat mein Leben verändert“

          Der Flop war nicht mehr aufzuhalten und für die Konkurrenz begann das große Umlernen. Bereits 1972 trug sich Ulrike Meyfarth als erste Flop-Weltrekordlerin in die Rekordlisten ein. Bei ihrem Olympiasieg in München egalisierte sie mit 1,92 Metern die Höchstmarke der österreichischen Straddle-Springerin Ilona Gusenbauer. Ein Jahr später zog bei den Männern der Amerikaner Dwight Stones (2,30 Meter) nach. Heute stehen die Flop-Weltrekorde des Kubaners Javier Sotomayor (seit 1993) und der Bulgarin Stefka Kostadinowa (1987) bei 2,45 bzw. 2,09 Metern.

          Die Sprungtechnik des Amerikaners löste auch die Blütezeit der deutschen Hochspringer aus. Neben Ulrike Meyfarth (1972/1984) wurden auch Dietmar Mögenburg (1984) und Heike Henkel (1992) Olympiasieger. Carlo Thränhardt, einziger deutscher 2,40-Meter-Springer, der 1988 mit 2,42 Hallen-Weltrekord sprang, sagte: „Fosbury hat mein Leben verändert. Ohne ihn wäre ich nie zum Hochsprung gekommen.“ Der 49-Jährige: „Damals, als ich noch auf Sand geübte habe, hat mich die Ästhetik des Rückwärtsspringens fasziniert.“

          „Fosbury plumpst über die Latte“

          Für den amerikanischen Revolutionär markierte das Gold von Mexiko City allerdings bereits das Ende der Laufbahn, denn im folgenden Jahr überließ er den anderen das Feld. „Ich wollte nicht länger aus dem Koffer leben“, erklärte er 1969 den Abschied und verzichtete kurzerhand auf Werbeverträge und Profikarriere. Schon während seiner aktiven Zeit hatte Fosbury sein Ingenieurstudium zielstrebig vorangetrieben und schließlich als Vermessungsingenieur abgeschlossen. Heute arbeitet er als Geschäftsführer eines Vermessungsbüros für Straßenbau in Ketchum (Idaho).

          Der Leichtathletik ist er dennoch verbunden geblieben: Bei regelmäßigen Trainingslagern für Kinder versucht er, deren Fitness zu verbessern. Im Mittelpunkt aber steht Fosbury nur noch selten: „Wenn ich heute im Supermarkt einkaufe, dreht sich keiner mehr nach mir um.“ An einen Namen für seine Kreation hatte Fosbury zunächst nicht gedacht. Erst als er von einem Reporter danach gefragt wurde, erinnerte er sich an die Überschrift in einer kleinen Zeitung: „Fosbury flops over the bar“ (Fosbury plumpst über die Latte). Da gab er zu Protokoll: „Der Sprung heißt Fosbury-Flop.“

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