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Aus für Bundestrainer Prokop : Ein Paukenschlag im deutschen Handball

  • -Aktualisiert am

Seine Zeit als Handball-Bundestrainer ist abgelaufen: Christian Prokop Bild: dpa

Noch während der EM zuletzt bekam er eine Jobgarantie. Nun muss der umstrittene Handball-Bundestrainer Christian Prokop doch gehen. Ein Nachfolger steht schon fest. Die Hoffnungen in ihn sind groß.

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          Christian Prokop wollte sich nach der Europameisterschaft einen Skiurlaub mit der Familie gönnen. Erholung und auch Abstand, das spürte man, konnte dieser Bundestrainer gebrauchen. Die drei Wochen im Januar hatten an ihm gezehrt, nicht nur weil so ein Handball-Großturnier einen sowieso unter Hochspannung versetzt. Sondern weil Prokop auch in einer fragilen Position war. Ja, Rückendeckung des Verbandes hatte er erhalten, nachdem das ursprünglich avisierte Halbfinale nicht mehr zu erreichen war, insbesondere von Axel Kromer, dem Sportvorstand.

          Aber bei der Vielfalt an Charakteren und Stimmen an der Spitze des Deutschen Handballbundes (DHB) vermisste man eine klare und einheitliche Linie. Auch in Zwischentönen konnte man heraushören, dass Prokop keinesfalls so sicher in seiner Position war, wie Kromer das darzustellen versuchte. Sehen konnte man einen Bundestrainer, der von seinen Vorgesetzten ziemlich alleingelassen wirkte. Und nun auch ziemlich kalt fallengelassen.

          Einen echten Vertrauten oder leidenschaftlichen Fürsprecher hatte Prokop nicht mehr, nicht einmal Bob Hanning, den Vizepräsidenten, der ihn 2017 aus Leipzig geholt hatte. Er hatte während der EM Prokop in die Pflicht genommen. Dass der nun, knapp zwei Wochen nach dem auf Platz fünf abgeschlossenen Turnier, gehen muss, kam dennoch überraschend – selbst für Uwe Gensheimer, nicht einmal der Kapitän war vorher gehört worden. „Ich war geschockt, als ich die Nachricht bekommen habe“, sagte Gensheimer am Donnerstagabend. „Ich hatte überhaupt keine Ahnung davon und war sprachlos im ersten Moment, weil ich niemals damit gerechnet hätte und es aufgrund der Ergebnisse auch nicht für nötig gehalten habe.“

          Aus der Mannschaft waren bei der EM überraschend deutliche Signale für Prokop gekommen. Offenbar hat der Verband aber kalte Füße bekommen, und die Sorge um die Qualifikation für Olympia bestimmte das letztlich radikale Handeln, das die eigenen Bekenntnisse ad absurdum führte. Statt Prokop, der noch einen Vertrag bis 2022 besaß, soll nun Alfred Gislason die DHB-Auswahl nach Tokio führen. Das ist nicht nur ein großer Name, sondern auch eine vollständige Kurskorrektur: von einem jungen Team-Entwickler zu einem erfahrenen Chef mit maximaler Autorität.

          „Wir haben diese schwere Entscheidung nach reichlicher Abwägung und einer ganzheitlichen Analyse aus Verantwortung für den deutschen Handball getroffen“, sagte DHB-Präsident Andreas Michelmann laut einer Mitteilung des Verbandes. „Bei Christian Prokop bedanken wir uns ausdrücklich für die geleistete Arbeit und insbesondere für das Auftreten unserer Nationalmannschaft bei den letzten Turnieren. Wir sind allerdings auch in der Analyse der Europameisterschaft davon überzeugt, dass wir unsere kurzfristigen Ziele nur mit einem neuen Impuls erreichen können.“

          In Berlin geht es vom 17. bis 19. April gegen Schweden, Slowenien und Algerien um zwei Plätze bei den Olympischen Spielen in Tokio. Die Goldmedaille dort ist das große Ziel des Verbandes, vor allem Vizepräsident Hanning hat sich auch dabei ins Zeug gelegt. Vorher wird Gislason die Nationalmannschaft bei einem Lehrgang im März treffen und sie beim Länderspiel gegen die Niederlande am 13. März in Magdeburg zum ersten Mal betreuen. Sein Vertrag schließt die nächste EM im Januar 2021 in der Slowakei und Ungarn ein.

          Von Gislason erhofft man sich vor allem ein starkes Coaching und eine erfolgversprechende Einschätzung der Spielsituationen mit entsprechender Reaktion von der Bank. Das waren stets Kritikpunkte an Prokop gewesen, der zwar als exzellenter Fachmann gilt – aber vielleicht eher für eine Vereins- denn für eine Nationalmannschaft. Seine Erfahrung beschränkte sich auf ein Klub-Team der gehobenen Bundesliga-Mittelklasse, DHfK Leipzig. Gislasons Erfahrung und der Umgang mit Druck in großen Spielen dürften für ihn gesprochen haben – und die Tatsache, dass er frei war. Ob er aus dem Team, dem es an internationaler Extraklasse fehlt, auf Sicht viel mehr herausholen kann als Prokop, ist eine andere Frage.

          Als Gislason in der vergangenen Woche ein Interview gab, in dem er seine Bereitschaft signalisierte, in das Handball-Geschäft zurückzukehren, wurde mancher in der Szene schon hellhörig. Nach sechs Monaten Pause sei er bereit, wieder einzusteigen, nachdem er im Sommer 2019 beim THW Kiel aufgehört hatte. Aber wo? Häufig hatte der Meistertrainer des THW gesagt, sich gut vorstellen zu können, eine Nationalmannschaft zu trainieren. Und häufig hatten Begleiter des DHB eins und eins zusammengezählt, und den 60 Jahre alten Isländer als möglichen Kandidaten für das oberste Traineramt im Verband taxiert. Schon während der EM stand der Name Gislason im Raum als möglicher Nachfolger für Prokop – allerdings frühestens nach der Olympia-Qualifikation. Für die hatte DHB-Vorstand Kromer dem Trainer schließlich eine Jobgarantie ausgesprochen. Allerdings nicht darüber hinaus, was manchen hatte spekulieren lassen, wie groß das Vertrauen in den 41 Jahre alten Köthener tatsächlich war nach drei Turnieren ohne Medaille.

          An diesem Freitag will der Verband im Rahmen einer Pressekonferenz die Entscheidung erläutern. Es wird dabei um spannende Fragen geben, die nicht nur die Besetzung des Bundestrainer-Postens betreffen. Sondern zugleich Fragen des Stils und des Managements, auch von Erwartungen. Wenn nicht alles täuscht, ist dabei vor allem – aber nicht nur – Hanning in Erklärungsnot.

          Alfred Gislason soll den deutschen Handball nach oben führen.

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