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Vor den Titelkämpfen : Die neuartige Vorbereitung der Handball-Nationalteams

  • -Aktualisiert am

Freut sich über die Entwicklung: Handball-Nationaltrainer Christian Prokop Bild: dpa

„Es lohnt sich“: Vor den anstehenden Welt- und Europameisterschaften bestreitet der Deutsche Handball-Bund neue Wege der Vorbereitung. Das bringt erste Erfolge.

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          Am Anfang hätten sie noch ein wenig gefremdelt, gab Uwe Gensheimer zu: „Da ist jeder vor dem Abflug seiner Wege gegangen.“ Aber dann habe es doch ziemlich viel zu besprechen gegeben zwischen den besten deutschen Handball-Spielerinnen und ihren männlichen Pendants, verriet Kapitän Gensheimer schmunzelnd: „Die Mädels sind ja bald in Japan, und sie hatten Angst, dass es da nichts Vernünftiges zu essen gibt. Wir haben sie dann beruhigt.“ Da lachte auch Kim Naidzinavicius. Die Spielführerin der ersten Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) kann auf die Essensexpertise von Gensheimer und Co. vertrauen, denn die deutschen Männer waren im Sommer vor einem Jahr zu einer Länderspielreise nach Japan aufgebrochen, die vor allem die Stimmung im Team hatte aufhellen sollen – was aus heutiger Sicht ganz gut gelungen ist. Die Frauen spielen ihre Weltmeisterschaft von Ende November an in Japan.

          Von beiden Seiten wurde am Wochenende gelobt, was der DHB in dieser Form zum ersten Mal gemacht hatte: Frauen und Männer waren am vergangenen Montag gemeinsam nach Zagreb geflogen, hatten dort am Mittwoch Testspiele gegen Kroatien bestritten. Dann war die Entourage gemeinsam zurück nach Niedersachsen gereist, hatte Unterkunft bezogen im schicken Hotel auf Hannovers Messegelände, gemeinsam gefrühstückt, Mittag gegessen, hatte in der TUI-Arena trainiert und dort am Samstag den „Tag des Handballs“ mit weiteren Spielen gegen Kroatien veredelt. „Es lohnt sich, alle mal zusammen zu haben. Die große Handballfamilie ist gemeinsam verreist, das war klasse“, sagte Sportdirektor Axel Kromer. Für das Zusammengehörigkeitsgefühl im DHB war die abgelaufene Woche ein Zugewinn.

          Auch die Bundestrainer hatten ihren Austausch – und sportlich betrachtet waren sie am Samstag beide zufrieden. Christian Prokop, weil seine Männer rund zehn Wochen vor Beginn der Europameisterschaft zweimal gegen Kroatien gewonnen hatten: 26:25 in Zagreb und 24:23 in Hannover. Henk Groener hatte nach dem enttäuschenden 21:21 in Zagreb eine Reaktion seiner Frauen im „Rückspiel“ gefordert – die Mannschaft lieferte, bezwang die ersatzgeschwächten Kroatinnen 32:23. Fast 10.000 Fans schauten zu. In ganz Deutschland nahmen 170 Vereine mit verschiedenen Aktionen (vor allem für Kinder) am Tag des Handballs teil.

          Gemeinschaftsgefühl in der Mannschaft, aber auch darüber hinaus: die deutschen Handball-Nationalspielerinnen in Hannover
          Gemeinschaftsgefühl in der Mannschaft, aber auch darüber hinaus: die deutschen Handball-Nationalspielerinnen in Hannover : Bild: dpa

          Groener soll in diesen Tagen seinen bis Ende Juni 2020 laufenden Vertrag verlängern. Sehr zufrieden ist man beim DHB mit der Arbeit des 59 Jahre alten Niederländers. Endlich soll Kontinuität her, nachdem in den vergangenen Jahren nach jedem zweiten Großturnier die Coaches gewechselt worden waren. Groener ist ein erfahrener und erfolgreicher Mann. Er hat die Niederländerinnen in seinen sieben Jahren als Cheftrainer quasi von null zu einem Weltklasseteam geformt. In Japan soll wenigstens Platz sieben erreicht werden, um die Berechtigung zur Teilnahme an einem Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele zu erhalten. Groener traut das seiner Mannschaft zu. Ähnlich wie bei den Männern soll die Kraft der Gemeinschaft Basis für Erfolge sein; überragende Einzelspielerinnen auf Weltklasse-Niveau hat Groener nicht. Rückraumspielerin Xenia Smits, die bei HB Metz auf dem Weg dahin ist, wird wegen einer Verletzung nämlich ausfallen. Groener nimmt das hin. So wird im Rückraum viel von Alicia Stolle rechts und Emily Bölk links abhängen.

          Handball-EM 2020: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Tabellen

          Bei den Männern wurde nach den jüngsten Kreuzbandrissen der Nationalspieler Sebastian Heymann und Simon Ernst wieder viel über die Belastung im Handball und die Lehren daraus gesprochen. Christian Prokop wollte diese Diskussion nicht anfachen. Er wirkt schon jetzt sehr fokussiert auf die EM und möchte denjenigen vertrauen, die er hat. Da es Ende Dezember noch einen Bundesligaspieltag geben wird, war der Lehrgang in Hannover und Zagreb schon der letzte in diesem Jahr. Vor dem Turnierstart in Trondheim bleiben Prokop und seinem Team nur noch ein paar Trainingstage im Januar 2020 mit zwei Testspielen. Die Erkenntnisse der prestigeträchtigen Siege über Kroatien waren bekannte: Die Abwehr steht, im Angriff hakt es. Prokop sagte: „Wenn wir erfolgreich sein wollen, müssen wir Emotionalität und Teamgeist einbringen.“

          Rund um die Lehrgangswoche formulierte die Mannschaft das Ziel für die EM. Sie will das Halbfinale erreichen. Das sind hohe Vorgaben. Einige aus der Mannschaft sprachen gar vom Titel. Der nämlich wäre das Ticket nach Tokio zu den Olympischen Spielen. Prokop sparte nicht an kritischen Worten und klaren Aufträgen für die verbleibenden Lehrgangstage. Er will die Spannung hoch halten. Im Kern hat er eine intakte Gruppe: Wenn nicht alles täuscht, hat die vergangene Woche dem Teamgeist sehr gut getan – bei Frauen und Männern.

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